Ertrunkener Stefan - Warum half ihm niemand?

Stefan D. springt an der Braunauer Brücke in die Isar – angeblich eine Wette um 1.000 Euro mit Kollegen. Als er dann nicht mehr auftaucht, holt niemand Hilfe.
| Ralph Hub
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An der Isar legen Freunde Blumen nieder und entzünden ein Grablicht. „Wir werden dich nie vergessen“, schreiben sie als letzten Gruß an Stefan D. (kl. Bild).
ho An der Isar legen Freunde Blumen nieder und entzünden ein Grablicht. „Wir werden dich nie vergessen“, schreiben sie als letzten Gruß an Stefan D. (kl. Bild).

München - Zwei Freundinnen legen am Isarufer gegenüber dem Deutschen Museum rote Rosen nieder und zünden eine Kerze an. Es ist genau die Stelle, an der Stefan D. am Donnerstagabend tot aus der Isar gezogen worden ist. „Unser Held. In unseren Herzen wirst du immer weiterleben“, haben die Mädchen auf einen Zettel geschrieben, den sie ans Geländer kleben.

„Stefan war sportlich und ein guter Schwimmer“, erzählt Julia (Name geändert). Doch warum sprang er in die Isar? Warum bei Hochwasser? Und warum hat ihm niemand geholfen? Fragen, auf die inzwischen auch die Polizei eine Antwort sucht.

Stefan D. arbeitete mit Kollegen an der Sanierung der Braunauer Eisenbahnbrücke. Dabei kamen die Männer am 22. Mai offenbar auf eine Idee, eine irrsinnige Wette: „Derjenige, der sich traut, in die Isar zu springen“, so erzählen die Mädchen, „sollte von den anderen angeblich 1.000 Euro bekommen.“

Blanker Irrsinn, denn die Isar hatte seit Tagen Hochwasser. Stefan wagte es trotzdem und bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Er wurde von der Strömung mitgerissen und tauchte nicht mehr auf. Niemand half Stefan D., keiner seiner drei Kollegen verständigte den Rettungsdienst. Erst am 17. Juni, also fast vier Wochen später, gingen sie zur Polizei und erzählten vom Verschwinden des 22-Jährigen. Die Familie hatte bereits am 29. Mai Vermisstenanzeige bei der Polizei erstattet.

Eltern und Geschwister hatten Stefan weder zu Hause noch über Handy erreichen können. Vom Sprung des 22-Jährigen in die Isar wussten sie nichts. Freunde starteten schließlich eine Suchaktion. Über Facebook baten sie um Unterstützung. „Mein bester Kumpel ist seit dem 22. Mai spurlos verschwunden, ohne Handy, ohne Geldbeutel“ schreib Andre S. auf seiner Facebook-Seite. Am Donnerstagabend war Andre S. an der Isar unterwegs, um nach seinem Freund zu suchen. Dabei fand er auf Höhe des Deutschen Museums einen Toten – die Leiche seines besten Freundes.

Der Körper hatte sich an einem Ast verfangen. Die Feuerwehr barg den Toten. Inzwischen steht fest, es handelt sich tatsächlich um Stefan D.. Am Freitag wurde der Leichnam in der Münchner Gerichtsmedizin obduziert. Der 22-Jährige ist ertrunken. Stefan D. sei nicht von der Brücke gesprungen behaupteten seine Kollegen in einer ersten Vernehmung durch die Polizei. Er sei an dem fraglichen Tag runter zum Ufer gegangen und habe gesagt, er wolle durch die Isar schwimmen. Niemand habe ihn gesehen.

Von der angeblichen Wahnsinnswette um 1.000 Euro erzählten die drei Handwerker offenbar nichts. Doch auch so haben die Männer schon genug Ärger am Hals. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. „Es geht um den Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung“, sagt Polizeisprecher Werner Kraus. „Ich kann nicht begreifen, warum keiner von ihnen Stefan geholfen hat“, sagt Julia, „wenigstens den Rettungsdienst hätten sie rufen können“.

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