"Er war weg": Verletzter erzählt von Schockmoment am Ende des Verdi-Demonstrationszugs

Ein Jahr, nachdem ein Mini in das Ende eines Demonstrationszuges von Verdi raste, äußern sich erstmals verletzte Teilnehmer vor Gericht.
Sophia Willibald
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Der Angeklagte Farhad N. am ersten Prozesstag Mitte Januar vor dem Oberlandesgericht. Links im Bild steht sein Anwalt Ömer Sahinci. Die Verhandlungen werden noch bis in den Sommer andauern.
Der Angeklagte Farhad N. am ersten Prozesstag Mitte Januar vor dem Oberlandesgericht. Links im Bild steht sein Anwalt Ömer Sahinci. Die Verhandlungen werden noch bis in den Sommer andauern. © Peter Kneffel (dpa)

Ein Jahr ist vergangen, seit Martin H. (Name geändert) neben seinem Arbeitskollegen auf dem Asphalt kniete und glaubte, der Mann sei tot. "Er war leichenblass. Ich hätte den Unterschied zwischen ihm und einem nicht mehr Lebenden nicht erkennen können", erinnert sich der Elektroingenieur.

Nur Sekunden zuvor waren sie noch nebeneinander hergelaufen – am Ende des Verdi-Demonstrationszuges, der am 13. Februar 2025 durch die Münchner Straßen zog.

Die beiden Männer unterhielten sich. Martin H. lauschte aufmerksam den Worten seines Kollegen – bis da plötzlich keine Worte mehr waren. "Er hat den Satz angefangen und nicht zu Ende gesprochen. Er war weg." Sein Kollege Christian M. (Name geändert) war von einem Auto erfasst worden.

"Ich habe gedacht, dass er das nicht überlebt": Erstmals berichten Verletzte von Verdi-Demo

Ein Mini-Cooper war damals in das Ende des Demonstrationszuges gerast. Eine Mutter und ihre zweijährige Tochter starben, 44 weitere Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Dem Fahrer des Wagens, Farhad N. (25), wird vom Oberlandesgericht vorgeworfen, absichtlich in die Menschenmenge gefahren zu sein.

Seit Mitte Januar hört das Gericht nun Zeugen, um sich ein genaues Bild vom Tattag machen zu können: Polizeibeamte, Demonstrationsteilnehmer und Sachverständige. Am Donnerstag kamen erstmals auch Verletzte zu Wort. Unter ihnen die beiden Elektroingenieure Martin H. und Christian M.

Während Martin H. Schnittverletzungen an einer Hand erlitt, traf es seinen Kollegen weitaus schwerer.

"Hatte Angst vor diesen Bildern": Verletzter drehte sich bewusst von dem Mini weg

Nachdem Martin H. realisiert hatte, was geschehen war, suchte er in dem Durcheinander nach Christian M. Zehn bis zwanzig Meter von dem Ort entfernt, an dem sie gerade noch Seite an Seite gelaufen waren, fand er ihn – bewusstlos auf dem Asphalt liegend. "Ich habe gedacht, dass er das nicht überlebt", erinnert sich Martin H. an die Sekunden der Ungewissheit. Dann sei sein Kollege wieder zu sich gekommen. "Ich war so dankbar, dass er sich bewegt."

Während er seinen Bekannten betreute, bis die Rettungskräfte eintrafen, drehte er dem Mini bewusst den Rücken zu. "Ich hatte Angst vor diesen Bildern", erzählt er. Es scheint, als hätte Martin H. bereits in diesem Moment geahnt, dass sich die schrecklichen Details der Tat in sein Gedächtnis einbrennen würden. Er könne sich auch heute noch an vieles gut erinnern, sagt er. Ganz anders als sein Kollege Christian M.

Christian M.: "Ich bin ins Leben zurückgekehrt"

"Mir fehlt das, was alle anderen um mich herum gesehen haben", erklärt Christian M. im Zeugenstand. Er hält seine verschränkten Arme wie einen Schutzschild vor die Brust. Er wisse noch, dass er sich mit seinem Kollegen unterhalten habe. "Und dann wird es schwarz." Das Erste, was er wieder wahrnahm, war, als sein Kollege sich über ihn beugte.

Sein Bein war mehrfach gebrochen, es folgten OPs und monatelange Physiotherapie. Doch im Gerichtssaal wirkt Christian M. alles andere als gebrochen. "Ich bin ins Leben zurückgekehrt", sagt er und lächelt.

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