Enkel reist aus Polen an: Der letzte Brief seines Großvaters rührt zu Tränen

Wie freiwillige Helfer der Arolsen Archives  nach den Nachkommen von Stadelheim-Häftlingen der NS-Zeit forschen.
von  Leonhard Pangratz
Sein Großvater wurde 1942 in Stadelheim ermordet: Janusz Szafranski ist aus Polen nach München gereist.
Sein Großvater wurde 1942 in Stadelheim ermordet: Janusz Szafranski ist aus Polen nach München gereist. © Pangratz

Seit neun Monaten läuft das Projekt "#lostwords – Abschiedsbriefe aus Stadelheim“. Es ist eine Kooperation des Staatsarchivs und den Arolsen Archives, dem weltweit größten Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Ihr Ziel ist es, nie zugestellte letzte Botschaften von NS-Häftlingen aus dem Gefängnis Stadelheim an deren Familien weiterzugeben.

Mehr als 50 Briefe umfasst der Bestand, mittlerweile konnten 14 Familien ausfindig gemacht werden. Das Interesse an der Arbeit der Arolsen Archives ist groß. Am Mittwochabend musste eine Veranstaltung im Staatsarchiv München in einen größeren Hörsaal verlegt werden.

Der 73-Jährige reist extra aus Polen an

Einer dieser Angehörigen ist der 73-jährige Janusz Szafranski, er ist extra für die Veranstaltung aus Polen angereist. Sein Großvater Antoni Jastrzabek war Teil einer Widerstandsgruppe, als Polen von Deutschland überfallen wurde. 1941 wurde er enttarnt und inhaftiert. Am 3. Juli 1942, um 6.20 Uhr wurde der dreifache Familienvater und Ehemann in Stadelheim hingerichtet.

Kurz vor seinem Tod wandte sich Jastrzabek mit seinem letzten Willen an die Gefängnisverwaltung. "Bitte schreiben Sie meinen Namen auf mein Grab, damit meine Frau nach dem Krieg mein Grab finden und meine Leiche abholen kann.“ Die Kosten für die Grabstätte sollten aus seinen eigenen Mitteln beglichen werden. "Von dem Geld zahlen Sie bitte dem Pfarrer 10 Mark für eine heilige Messe hier,“ schreibt Jastrzabek und bittet um ein Kreuz auf seinem Grab, beschriftet mit seinem Namen. Für seinen Enkel ist der Fund dieses Briefes überwältigend. "Es war einfach unglaublich und unvorstellbar“, sagt Szafranski der AZ.

Über diesen Brief lernt er seinen Großvater ganz anders kennen

Der Brief zeichnet ein Bild des Großvaters, das der Enkel so nie kannte: Dieser Brief war konkret und sachlich. Ganz anders der Letzte, den die Familie erhalten hatte, der "war voller Emotionen, Liebe und Enttäuschung darüber, dass sein Leben zu Ende geht.“ Während der Veranstaltung im Staatsarchiv lesen Schauspieler der Münchner Kammerspiele Auszüge aus weiteren Abschiedsbriefen – es sind bewegende Zeugnisse aus den letzten Stunden der Gefangenen.

Möglich wird die Suche nach den Hinterbliebenen vor allem durch freiwillige Helfer wie Manuela Golc. "Jede Suche ist emotional schwierig“, sagt sie. "Man muss mehrere Pausen machen beim Lesen der Briefe.“ Immer wieder müsse sie weinen. Oft komme sie zu spät, weil Angehörige bereits verstorben seien. Dennoch gebe es auch tröstliche Momente, wenn Familien endlich Gewissheit erhalten.

An Janusz Szafranski wird deutlich, welchen Stellenwert diese Arbeit hat. Er weiß nun, was die letzte Botschaft seines Großvaters Antoni Jastrzabek war und unter welchen Umständen er sterben musste. Zum Abschied zeigt der 73-Jährige auf eine Mitarbeiterin der Arolsen Archives und sagt auf Englisch: "Diese Frau ist ein Engel.“

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