Eisbachwelle: Frust bei Münchens Surfern wächst

Eine halbe Million Euro will der Münchner Unternehmer und FDP-Stadtratskandidat Aljoscha Lubos für die kaputte Eisbachwelle investieren. Eine Rampe finanzieren, die die Surferwelle wiederherstellt. Als Pächter auch die Haftung übernehmen, ohne damit Geld zu verdienen (AZ berichtete). Mit dem Vorschlag habe er eigentlich Tempo in die Reparatur bringen wollen, sagt er.
Denn die berühmte Welle am Englischen Garten ist nun schon seit über drei Monaten unsurfbar – bei der Bachauskehr im Oktober haben Arbeiter wohl zu viel Kies aus dem Bachbett geschaufelt. Viel ist seither für einen Rampen-Einbau im Bachbett geforscht, über Pilotversuche verhandelt, über Statik und Haftung gestritten worden zwischen Münchens Surfercommunity und der Stadt.
Bis zum Frühjahr, versprach OB Dieter Reiter (SPD) zuletzt, solle die Welle für die Surfer wieder funktionieren.

Lubos: "Das regt mich furchtbar auf"
Bis Frühjahr? Am 8. März ist Kommunalwahl. Lubos zweifelt eine schnelle Lösung mit Blick auf die letzten ergebnislosen Wochen an: "Ich finde es skandalös, wie der Oberbürgermeister mit Verwaltungstricks Zeit schindet, anstatt per Machtwort schnell für eine funktionierende Welle zu sorgen", attackiert der FDPler den Rathauschef. "Das regt mich furchtbar auf." Sein Eindruck sei vielmehr der: "Er verschleppt eine Lösung bis nach der Wahl, um die Welle dann gar nicht mehr in Betrieb zu nehmen."
Was den Klinik-Unternehmer jetzt doppelt aufbringt: Sein Angebot an die Stadt wollte er letzten Montag persönlich in Form eines Schreibens im OB-Büro vorbeibringen, mit der Bitte um einen persönlichen Besprechungstermin beim Oberbürgermeister. Dort habe man ihn aber nicht mit dem Papier empfangen wollen. "Ich habe mein Schreiben dann draußen an der Rathauspforte abgegeben."
Lange 48 Stunden habe es gedauert, bis sein Schreiben den Weg von der Pforte ins OB-Büro gefunden und ein Mitarbeiter dort schließlich den Empfang per Mail bestätigt habe – mit der Ankündigung: "Sie werden so schnell wie möglich eine Antwort erhalten."

Interner Vermerk in einer Pannen-Mail
"Wie viel Hinhaltetaktik das wieder mal ist, habe ich zufällig im Anhang der Mail entdeckt", ärgert sich der Unternehmer. Denn da hat es offenbar eine Panne im OB-Büro gegeben. In Form eines internen gelben "Post-it"-Zettels, der wohl das Rathaus nicht hätte verlassen sollen. Der aber, auf sein Schreiben gepappt, offenbar versehentlich mitkopiert worden ist.
"Termin vereinbaren? ja/nein", fragt auf dem Zettelchen handschriftlich das Büro. "Nein", hat ein Entscheider eingeringelt. Der Mail-Anhang liegt der AZ vor. "Warum entscheiden sie, mir keinen Termin zu geben, tun dann aber so, als würde ich so schnell wie möglich eine Antwort bekommen?", beschwert sich Lubos. "Das nenne ich fadenscheiniges Verschleppen."
Auf AZ-Nachfrage erklärt eine Sprecherin des Oberbürgermeisters: "Das bedeutet lediglich, dass keiner der vier vorgeschlagenen Termine möglich ist, weil der OB da schon andere Termine hat." Das Schreiben befinde sich "momentan in der Abstimmung".
"Unterschiedliche Vorstellungen einer Ideallösung"
Mit dem Präsidium des Surf Clubs München immerhin hat Aljoscha Lubos sich schon zu seinem möglichen Engagement besprechen können. Es sei ein "menschlich sehr angenehmes und konstruktives Gespräch" gewesen, auch wenn es "durchaus unterschiedliche Vorstellungen einer Ideallösung" für die Eisbachwelle gebe.
Von beiden Surfer-Vereinen, dem Surf Club München und der Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM), ist bekannt, dass ihnen die kostenlose und freie Zugänglichkeit der Eisbachwelle für alle Surfer wichtig ist. Seit Jahrzehnten surfen Wellenreiter und Wellenreiterinnen weitgehend frei und unreglementiert auf der Flusswelle am Haus der Kunst. Das hat den Surf-Spot mitten in der Stadt so charmant und weltberühmt gemacht.

Die Rampe: eine Erfindung des "Vaters der Eisbachwelle"
Es ist seit den 90er Jahren Usus gewesen, dass die Surfer immer dann durch eine Rampe, genannt "Kicker", nachgeholfen haben, wenn die Welle sich kurzzeitig nicht natürlich aufgebaut hat: Sie hängten dann ein langes Holzbrett ins Wasser, das an Seilen an der Eisbachbrücke und an Bäumen befestigt war – eine Erfindung des "Vaters der Eisbachwelle", Walter Strasser (AZ berichtete).
Darüber entstand stets unkompliziert eine surfbare "stehende" Welle. Die Behörden hatten dieses selbstorganisierte Spiel mit der Welle entweder nicht wahrgenommen – oder stillschweigend geduldet.

Surfer-Freiheit – bis zum tödlichen Unfall
Diese Freiheit, an der Eisbachwelle selbstständig zu werkeln, endete im vergangenen April. Denn da verunglückte eine Surferin gegen Mitternacht auf der Welle, weil die Sicherungsleine ihres Surfboards sich wohl irgendwo im Untergrund verhakt hatte, die junge Frau starb wenig später. Es war der erste Surfer-Todesfall auf der Welle.
Seither gibt es Regeln. Und jegliche ungenehmigte Einbauten im Bachbett sind verboten. Genau das macht die Wiederherstellung der Eisbachwelle – und auch die Haftungsfrage – so kompliziert. Es steht die Frage im Raum, wer haftet, wenn auf einer künstlich gebauten Welle ein Unfall passiert. Der, der die Vorrichtung eingebaut hat? Oder die Stadtverwaltung, weil sie den Einbau duldet oder genehmigt hat?

"Damit würde ein Teil der Münchner Seele verkauft"
"Wenn die Stadt die Haftung nicht übernehmen möchte – soll Privatisierung wirklich die letzte Option sein? Das wäre ein Armutszeugnis der regierenden Parteien", so sieht es Surf-Club-Präsident Martin Grün: "Damit würde ein Teil der Münchner Seele verkauft."
Aus Sicht von Aljoscha Lubos ist die Debatte um die Haftung vorgeschoben, um das Projekt bis nach der Kommunalwahl zu verschleppen: "Um welche Haftungsfragen dreht es sich eigentlich?", sagt der Unternehmer, "entweder haftet die Stadt, genau wie sie bei Skateparks oder öffentlichen Kinderspielplätzen haftet, wo ja auch Unfälle passieren können. Oder sie will eben keine Haftung übernehmen. Das entscheidet man als Stadt doch bitte, bevor man langwierig Forschung für eine Rampe betreiben und Surfer Pilotversuche machen lässt."
Annäherung beim Krisentreffen
Wie die Gespräche zwischen Surfercommunity, Stadtverwaltung und dem ebenfalls beteiligten Wasserwirtschaftsamt aktuell laufen, darüber dringt wenig an die Öffentlichkeit. Vor drei Wochen hatten sich die Parteien – nach einem festgefahrenen Streit – auf einen Projektversuch geeinigt: Dabei soll ein zeitlich begrenzter Testbetrieb klären, wie die kaputte Welle dauerhaft wieder surfbar gemacht werden kann.
Nach dem Krisentreffen am 9. Januar, das OB Dieter Reiter selbst geleitet hat, wurde bekanntgegeben, dass für diese Testphase die Surfercommunity die Verantwortung und auch die Haftung übernimmt. Die Stadt hingegen übernehme die technischen und statischen Untersuchungen für die Rampenaufhängung an der Eisbachbrücke – das hätten ursprünglich die Surfer übernehmen sollen.
Noch ein strittiger Punkt wurde ausgeräumt: Nicht mehr die Surfer müssen für mögliche Notfälle beim Projektversuch dauer-erreichbar sein, sondern die städtischen Leitstellen stellen das sicher. Und: Während der Versuchsphase soll das Surfen nun doch erlaubt sein. Ungeklärt blieb, ob nach einem erfolgreichen Projektversuch die Welle in städtischer Verantwortung betrieben wird.

Wann startet der Projektversuch? Unklar
Wann dieser Projektversuch denn nun starten soll? Das ist immer noch unklar. Es seien noch Details zu klären, hieß es nach dem ersten Krisentreffen mit dem OB. Man verwies auf ein zweites, das noch folgen solle.
Derweil hat man in der Surfercommunity erneut mit viel Papierkram zu tun. Man wolle während des Versuchs verschiedene Einbau-Konzepte testen, erklärt Surf-Club-Präsident Martin Grün der AZ. "Die sind in vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit ausgearbeitet worden." Die Anträge dazu lägen seit Mittwoch dem fürs Wasserrecht zuständigen Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) vor. "Wir hoffen, dass jetzt schnell die Genehmigung kommt."
Rückmeldung aus der Stadtverwaltung? Fehlanzeige
Was den Surfervertreter aber zunehmend zermürbt: Um endlich die Haftungsfrage zu klären, hätten sie längst "drei konkrete Szenarien" ausgearbeitet. Und das RKU gebeten, bis 28. Januar "unterschriftsreife Vorschläge von Haftungskonzepten" vorzulegen, damit man die beim nächsten Treffen mit dem OB diskutieren kann. "Wir wollen seine wertvolle Zeit ja nicht unnötig strapazieren", sagt Martin Grün. Nur: Eine Rückmeldung vom RKU sei bis zur genannten Frist nicht gekommen.

"Viele Surfer finden das nur noch lächerlich"
Viel Frust hat sich inzwischen breitgemacht in der Surferszene. Vom OB bis in fast alle Fraktionen hinein erklärt die Stadtpolitik zwar, die Welle unbedingt wieder herstellen zu wollen. "Aber die Verwaltung fordert nur viel, liefert keine Vorschläge und tut alles, um eine Lösung auf die lange Bank zu schieben", sagt Martin Grün. "Wir sind jetzt 104 Tage ohne Welle. Fast ein Drittel eines Jahres. Das macht viele Surfer extrem unzufrieden, die finden das einfach nur noch lächerlich."
Das nächste Krisentreffen mit dem OB soll nach AZ-Informationen am 6. Februar stattfinden. Dann sind es noch vier Wochen bis zur Kommunalwahl.
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