Ein Prosit der Videokontrolle

Am Arbeitsplatz, in der Fußgängerzone - Digitale Überwachung total? In Münchner Biergärten schaut Big Brother jetzt auch zu. Es geht nur um die Ehrlichkeit der Angestellten, sagen die Wirte. Doch manchmal sind auch die Gäste nicht mehr unbeobachtet.
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Unten wird gezahlt, oben gefilmt.
Mike Schmalz 2 Unten wird gezahlt, oben gefilmt.
Die Videoüberwachung am Franziskanergarten.
Mike Schmalz 2 Die Videoüberwachung am Franziskanergarten.

Am Arbeitsplatz, in der Fußgängerzone - Digitale Überwachung total? In Münchner Biergärten schaut Big Brother jetzt auch zu. Es geht nur um die Ehrlichkeit der Angestellten, sagen die Wirte. Doch manchmal sind auch die Gäste nicht mehr unbeobachtet.

Von Daniel Aschoff

Wenn Harald Weber über seine Biergarten-Neuerung berichtet, dann kommt der Wirt vom Franziskanergarten ins Schwärmen: „Das ist die modernste Technik, die es auf dem Markt gibt“, sagt der Gastronom aus Trudering über die vier Kameras, die er vor kurzem über seinen Kassenhäuschen anbringen ließ: „Alles, was dort aufgezeichnet wird, kann ich anschließend zu Hause auf meinem Laptop anschauen.“ Die perfekte Kontrolle: „Nur so können unsere Gäste sicher sein, dass sie auch tatsächlich das bekommen, was sie bezahlt haben.“

Big Brother im Biergarten. Was bei Lidl vor kurzen für einen handfesten Skandal sorgte, als Mitarbeiter des Discounters versteckt mit Minikameras gefilmt wurden, ist in Münchens Biergärten seit Jahren Gang und Gäbe. Mit internen Kontrollen, speziellen Kassensystemen, immer häufiger aber auch modernster Kameratechnik versuchen Wirte, möglichen Betrügereien ihrer Bedienungen und Kellner vorzubeugen. Der Gast ahnt davon zumeist gar nichts.

Dabei sind die Kameras längst überall: In der Hirschau im Englischen Garten, im Hofbräukeller am Wiener Platz, aber auch im Unionsbräu in Haidhausen. Früher hat sich dort Wirt Wiggerl Hagn mal gewundert, warum am Monatsende immer 25 Glas Asbach Uralt bei der Abrechnung gefehlt haben. „Später habe ich dann gemerkt, dass ein Mitarbeiter die selbst trinkt. Auch deshalb habe ich jetzt die Kameras.“

Der Wiesn-Wirt vom Löwenbräu-Zelt legt allerdings Wert drauf, dass alle seine Mitarbeiter von der Existenz der Geräte wissen und er damit nicht kontrolliert, ob ein Kellner zu lange mit einem Gast ratscht oder abgelenkt ist: „Kein Mitarbeiter hat sich jemals über die Kameras beschwert.“

Einen anderen Weg geht sein Kollege Günter Steinberg. Drei Übersichtskameras hat der Groß-Gastronom mittlerweile in seinem Hofbräukeller anbringen lassen: Zwei kontrollieren den Gastbereich des Lokals, eine den Biergarten: „Dadurch kann ich von meinem Büro aus beurteilen, ob ich im Biergarten gebraucht werde“, erzählt der Wiesn-Wirt. Das heißt: Auch Besucher sind im VideoBild. Ähnlich ist’s in Münchens größtem Biergarten, dem Hirschgarten in Nymphenburg. An allen Eingängen hat Johann Eichmeier Überwachungskameras anbringen lassen: „Vandalismus und Einbrüche sollen dadurch verhindert werden.“

Unterdessen macht die Videotechnik auch vor den Klostermauern nicht mehr Halt. Im altehrwürdigen Klosterbräustüberl Reutberg in Sachsenkam hat Christian Hoyer gerade 2000 Euro für eine neue Kamera-Ausrüstung ausgegeben, mit der er die Schänke überwachen lässt: „Spätestens in einer Woche wird sie in Betrieb sein“, erzählt der Wirt und macht aus den Motiven für die Investition keinen Hehl: „Natürlich kommt es vor, dass ein Kellner mal schnell ein Essen wegnimmt und heimlich verkauft“, sagt er: „Jetzt kann ich am Ende des Tages wenigstens sehen, wer es war.“

Nicht viel mehr als 1000 Euro netto verdienen die meisten Bedienungen und Kellner monatlich in der Gastronomie. „Kein Wunder, dass einige sich da auf anderem Wege etwas dazuverdienen“, sagt Freddy Adjan, von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Verständnis hat der Münchner für die Video-Kontrollen der Gastronomen nur bedingt: „Wenn solche Aufzeichnungen arbeitsrechtliche Sanktionen für Mitarbeiter nach sich ziehen, ist das nicht in Ordnung.“

Andere Wirte kontrollieren ihre Mitarbeiter deshalb lieber mit mobilen Kassiersystemen, die die Bestellung nach der Eingabe gleich zur Küche übermitteln: „Dadurch ist Betrug quasi ausgeschlossen“, erzählt Birgit Netzle, Vorstandsmitglied im Hotel- und Gaststättenverband und Wirtin vom Asamschlössl und ist sich dennoch sicher: „Schwarze Schafe finden letztlich aber immer eine Lücke...“

Was bei Lidl vor kurzem für einen handfesten Skandal sorgte, ist in einigen Münchner Freiluftschänken offenbar schon seit Jahren gang und gäbe: die Videoüberwachung. Big Brother beim Bier? Was meinen Sie dazu, liebe Leserinnen und Leser? Und: Was haben Sie erlebt, am eigenen Arbeitsplatz oder andernorts? Diskutieren Sie mit in der AZ-Debatte. Einfach auf "Artikel kommentieren" klicken und los geht's...

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