Ein Münchner Polizist über die Flüchtlingskrise

Ein Beamter, der in einer großen Dienststelle arbeitet, schreibt sich anonym den Frust von der Seele. Hier lesen Sie seine Gedanken zu Unterbringung, Integration und Kriminalität.
| Timo Lokoschat
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Kleine Geste, große Wirkung: Ein Polizist nimmt ein Flüchtlingsmädchen an die Hand.
dpa/Andreas Gebert Kleine Geste, große Wirkung: Ein Polizist nimmt ein Flüchtlingsmädchen an die Hand.

„Gedanken eines Polizeibeamten zur Asylproblematik.“ Die Überschrift klingt etwas sperrig; was darunter folgt, ist das Gegenteil: In sehr persönlichen Worten schildert ein Polizist auf der Internetseite Polizei-Mensch seine Sicht der Flüchtlingskrise. Der Mann, der in einer „großen Polizeidienststelle in München“ arbeitet, möchte lieber anonym bleiben. Dafür kann er das aussprechen, was viele Kollegen nur denken, aber sich nicht laut zu sagen trauen. Mit seiner Genehmigung veröffentlichen wir hier den Text in Auszügen:

Unterbringung: „Asylbewerber müssen dezentral untergebracht werden. Wenn die Flüchtlinge den ganzen Tag in teils menschenunwürdigen Großaufnahmeeinrichtungen aufeinander sitzen, kann Integration nicht funktionieren, weil der Kontakt zu uns Deutschen fehlt“, schreibt der Beamte. „Es müssen kleine Aufnahmeeinrichtungen geschaffen werden, die über das gesamte Bundesgebiet verteilt sind, so dass keine Ghettobildung entsteht.“

Sprache: „Asylbewerber müssen zügig Sprachkurse erhalten, denn die deutsche Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Nur wer sich mit uns Deutschen verständigen kann, kann sich auch integrieren.“

Arbeitsmarkt: „Asylbewerbern muss schneller Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Wer in Deutschland arbeitet, hat automatisch Kontakt zu anderen Menschen hier in Deutschland. Um mit denen zu kommunizieren, muss die Sprache erlernt werden.

Außerdem können diese Menschen Geld verdienen und so für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen – sie liegen dem Staat also nicht mehr auf der Tasche und gewinnen auch Selbstachtung und eine Perspektive zurück. Wer nicht arbeiten darf, kommt auf dumme Gedanken Sie würden auch nicht den ganzen Tag sinnlos die Zeit totschlagen müssen – wer keine berufliche Perspektive hat, keine Möglichkeit, seine schlimme Situation (und die Situation in den Aufnahmeeinrichtungen ist schlimm – das weiß ich aus eigener Erfahrung) auf legalem Weg zu verbessern, der muss irgendwann auf die Idee kommen, sich und vielleicht seiner Familie, seinen Kindern auf andere Weise zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Das bedeutet dann auf kriminelle Art und Weise.

Der Zugang zum Arbeitsmarkt wird derzeit in der Regel erst nach mehreren Monaten, teils Jahren gewährt und ist aber meiner Meinung nach essenziell wichtig für die Integration, vielleicht sogar die wichtigste Voraussetzung.“

Wirtschaftsflüchtlinge: „Ich finde, das Wort ist eine Verharmlosung sondergleichen. Das sind Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten, weil sie dort nicht wissen, wie sie sich, ihre Familien, ihre Kinder am nächsten Tag ernähren sollen. Wenn ich meine zwei Kinder nicht ernähren könnte, würde ich auch alles Menschenmögliche tun, um sie durchzubringen. Selbst wenn das bedeutet, in ein anderes, fremdes Land zu gehen.

Die Unterkünfte sind aber jetzt schon hoffnungslos überfüllt. Und bald kommt der Winter – es wird nicht möglich sein, alle mit den aktuell verfügbaren Kapazitäten der staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen zu versorgen. Wir sind jetzt schon an unsere Grenzen gekommen – in personeller und materieller Hinsicht. Mittlerweile werden ehemalige Polizeibeamte aus der Pension geholt, damit sie bei der Registrierung helfen können. Es gibt zu wenige Betten, zu wenig Nahrung, zu wenig Kleidung usw.

Es gibt momentan kurzfristig einfach zu wenig von allem. Langfristig, und wenn sich die Politik mal dazu durchringen würde, das nötige Geld dafür in die Hand zu nehmen, wäre da viel mehr möglich. Die einzig mögliche Konsequenz, jetzt, solange die Gesetzgebung da nicht reformiert wird, ist, dass die ,Wirtschaftsflüchtlinge’, die sowieso keine Chance auf Asyl haben, wieder abgeschoben werden – so traurig ich das persönlich finde – um denjenigen, die tatsächlich eine Chance auf Asyl haben, Platz und Ressourcen zu schaffen.

Lieber all denjenigen helfen, bei denen es die Gesetzeslage hergibt, als niemandem zu helfen, weil man sich übernimmt.“

Kriminalität: Kriminelle Asylbewerber konsequent abschieben. Ich rede hier nicht von ein- oder zweimal aus der Not heraus stehlen. Das können trotzdem anständige Menschen sein.

Ich hatte mal einen Ladendieb, der mit seiner schwangeren Frau aus – ich glaube – dem Irak geflüchtet war. Sie waren in einer dieser überfüllten Aufnahmeeinrichtungen und hatten nichts, außer ein paar Lebensmitteln und den Kleidern, die sie am Leib trugen. Und der hat dann ein paar warme Jacken gestohlen, damit er und seine Frau sich wärmen können. Das war kein Krimineller, sondern ein Mensch, der fast alles verloren hat.

Als wir ihn auf die Dienststelle mitgenommen haben, hat er geweint, wie ein kleines Kind. Ich habe die Anzeige entsprechend formuliert, dass auch für Staatsanwälte und Richter die Notlage und auch die Reue erkennbar gewesen sein müssten. Ich denke, er wird mit einem blauen Auge davon gekommen sein… Und ich bin sicher, er hat seine Lektion gelernt.

Bei denen, die abgeschoben werden sollen, rede ich hier von Körperverletzern, Vergewaltigern usw. Und davon gibt’s leider Gottes auch viele – bei weitem keine Einzelfälle. Und das sind keine Stammtischphrasen, sondern meine persönliche, jahrelange Berufserfahrung.

Lesen Sie hier: Ein Kriminalbeamter über die Flüchtlingskrise

Da gibt es welche, die sind zwei Wochen in Deutschland und haben bereits über zehn Körperverletzungsdelikte begangen – und NICHTS passiert.

Solche Leute, die hier auf ein besseres Leben hoffen, aber unsere Gesetze und Sitten immer und immer wieder mit Füßen treten, gehören konsequent aus dem Land abgeschoben. Das würde ich übrigens auch gerne mit deutschen Straftätern machen… Ist nur leider rechtlich nicht möglich.

Die Kriminellen unter den Asylbewerbern konsequent abschieben Das hätte übrigens auch die Folge, dass sich die Deutschen – ob gerechtfertigt oder nicht – nicht mehr bedroht fühlen würden durch die Asylbewerber. Wenn die Kriminellen unter den Asylbewerbern konsequent abgeschoben werden, bleiben die Anständigen übrig – und vor denen braucht sich keiner fürchten.

Da sind wirklich ganz tolle Menschen dabei, die ich auch in meiner beruflichen Karriere kennenlernen durfte.

Ehrenamtliche: Glücklicherweise gibt es Menschen, wie man sie momentan am Münchner Hauptbahnhof sieht. Die ohne jeglichen Wunsch nach Belohnung den Flüchtlingen dort helfen, ihnen Wasser und Lebensmittel, Windeln, Babynahrung, Spielsachen und Kleidung überlassen. DAS sind Menschen, die die Welt etwas besser machen und den armen Menschen dort ein bisschen Hoffnung geben.

Ich selbst werde mit meiner Frau die nächsten Tage Babykleidung zusammensuchen, die wir nicht mehr brauchen und Spielsachen, für die unsere Kinder inzwischen zu groß sind, um sie an eine Aufnahmeeinrichtung zu verschenken, die überwiegend syrische Familien mit Kleinkindern und Babys beherbergt. Dort fehlt es an allem, vor allem an warmer Kleidung und Babynahrung – und bald kommt der Winter, dann wird es noch schlimmer…

Ich weiß, das klingt schlimm, und für uns reiche Deutsche ist es ein Armutszeugnis – aber wenn die Politik nicht schnell und unkompliziert reagiert, werden wir bald die ersten Toten unter den Asylbewerbern beklagen müssen. Und das haben dann unsere Politiker zu verantworten, weil sie – statt schnell und zielstrebig zu reagieren – wieder ewig debattieren und zu keinem Ergebnis kommen.

Das war’s. Danke für die Zeit an alle, die sich die Mühe gemacht haben, diesen Text zu lesen.“

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