Ein Münchner nahm sie mit: Adelschronik aus dem 18. Jahrhundert verschollen – wer kann helfen?

Franziska-Jennifer von Wolff und ihre Familie sind verzweifelt: Die Chronik der einst vom preußischen König geadelten Brandenburger ist verschollen, seit ein Mann aus München sie mitgenommen haben soll. Jetzt richtet sie einen Aufruf an die AZ-Leser: Hat jemand ihre Chronik gesehen?
von  Martina Scheffler
Der Adelsbrief der von Wolffs aus Brandenburg an der Havel. Von der Chronik selbst gibt es leider kein Foto.
Der Adelsbrief der von Wolffs aus Brandenburg an der Havel. Von der Chronik selbst gibt es leider kein Foto. © privat

Wenn das der Alte Fritz wüsste! Seit 240 Jahren gibt es die Familienchronik der von Wolffs aus Brandenburg. In jenem Jahr – dem Sterbejahr Friedrichs des Großen, 1786 – wurde Paul Benedikt Wolff geadelt für seine Verdienste um die preußische Armee. So erzählt es Franziska-Jennifer von Wolff der AZ. Doch nach mehr als 230 Jahren ist das einst in Samt geschlagene, inzwischen in Leder gebundene Buch verschwunden. Vermuteter Aufenthaltsort: München. Und aus diesem Grund wendet sich von Wolff an die AZ-Leser mit der Frage: Wer hat diese Chronik gesehen?

Doch der Reihe nach. Bei den von Wolffs, die immer noch in Brandenburg an der Havel leben, wurde die Chronik, die auch den Stammbaum enthält, von Generation zu Generation weitergegeben. Wer sie hatte, schrieb sie fort – aber nur in männlicher Linie. Eine Ausnahme wurde bei Tante Lieselotte gemacht.

Der historische Adelsbrief, unterzeichnet von dem erst sechs Wochen zuvor auf den Thron gelangten König Friedrich Wilhelm II. von Preußen.
Der historische Adelsbrief, unterzeichnet von dem erst sechs Wochen zuvor auf den Thron gelangten König Friedrich Wilhelm II. von Preußen. © privat

Brandenburger Familie vermisst ihr Stammbuch: Mann aus München soll es mitgenommen haben 

Die kinderlose Dame aus Zeitz in Sachsen-Anhalt starb 2023 – und mit ihr ihre Linie der Familie. Nach ihrem Tod sollte die Chronik "natürlich wieder zurückgehen an meinen Schwiegervater", sagt Franziska-Jennifer von Wolff, oder an die Schwester von Lieselotte.

So wurde es schriftlich festgehalten. Doch so geschah es nicht. Die Schwester starb bereits 2022, Lieselotte 2023 – der Kontakt war schon vorher abgerissen. Nach dem Tod der Tante wurde recherchiert, wo es noch Angehörige von ihr gab und vor allem, wo sich die Familienchronik befand.

Der Mann aus München

Denn die war unauffindbar. Von den Angehörigen der verstorbenen Lieselotte kam dann die erschreckende Auskunft: Die über 100-Jährige, schon nicht mehr ganz im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, habe die Chronik einem Mann aus München übergeben, als Geschenk. Der sei zu ihr gekommen. Und das ist alles: Mehr wissen die von Wolffs nicht über den Verbleib des Buchs, das Revolutionen, die napoleonische Zeit, den Deutsch-Französischen Krieg und zwei Weltkriege unbeschadet in der Obhut der Familie überdauert hatte.

Die Tante Lieselotte von Wolff, verstorben 2023.
Die Tante Lieselotte von Wolff, verstorben 2023. © privat

Franziska-Jennifer von Wolff begann zu recherchieren, fand andere von Wolffs in München, doch niemand wusste etwas von der Chronik aus friderizianischer Zeit. Nun hofft die Brandenburgerin auf die Unterstützung der Münchner. Das vermisste Buch kann sie genau beschreiben: "Besonders auffällig ist der Schutzumschlag aus dunkelbraunem Samt, auf dem sich die Wolffsche Krone mit einem Monogramm in aufwendiger Goldstickerei befindet", recht dick, mit Ereignissen aus fast 240 Jahren, verfasst in altdeutscher Schrift. Die Nobilitierung erfolgte 1786, weil Paul Benedikt Wolff, der eine Tuchfabrik in Berlin besaß, die siegreiche Armee Friedrichs des Großen ausgerüstet hatte.

Franziska-Jennifer von Wolff erklärt, was der Verlust für sie und ihre Familie bedeutet: "Wir sind alle sehr traurig, dass dieses Buch weg ist. Es ist kein horrender materieller Wert, aber es ist ein enormer Familienwert, weil es so lange in unserem Besitz war."

Der Adelsbrief mit dem Wappen.
Der Adelsbrief mit dem Wappen. © privat

Und der geheimnisvolle Mann? Von Wolff kann nur spekulieren. Im Alter der Tante, die mit 102 verstarb, dürfte er kaum gewesen sein. Wer eine Fahrt von München nach Zeitz auf sich nehme, müsse schon deutlich jünger sein. "Derjenige muss auf sie zugekommen sein und er muss auch gewusst haben, dass es diese Chronik gibt", glaubt die Brandenburgerin. Eine Strafverfolgung müsste der Mann aber nicht befürchten, sollte er sich melden. "Wir würden keine Anzeige erstatten", sagt von Wolff der AZ. "Wir wollen einfach, dass es wieder zu uns zurückkommt."

Friedrich der Große, König von Preußen, Stahlstich um 1840. Für seine Armee lieferte Paul Benedikt Wolff das Tuch – dafür erhielt er den Adelstitel.
Friedrich der Große, König von Preußen, Stahlstich um 1840. Für seine Armee lieferte Paul Benedikt Wolff das Tuch – dafür erhielt er den Adelstitel. © IMAGO/Historisches Auge Ralf Feltz

Die ganze Familie hofft nun, dass jemand in München Hinweise zur Chronik geben kann. "Wenn man mit der Familie nichts zu tun hat, dann sollte man die einfach zurückgeben, wenn man sie hat. Wir würden sie gerne weiterführen. Sie sollte eigentlich noch einmal so lange, wie sie bereits im Besitz der Familie war, weiterhin in unserem Besitz bleiben. Denn wir sind die verbleibende lebende Linie."

Dann könnte man darüber reden

Franziska-Jennifer von Wolff

Und wenn es doch ein bislang unbekannter entfernter Verwandter ist? "Wenn er sagt, ich möchte die Chronik behalten, dann könnte man darüber reden. Aber wenn es jemand völlig Fremdes ist, dann wäre es natürlich schön, sie ginge zurück in die Hände der Familie." Vielleicht hat der Mann aus München die Chronik auch jemandem gezeigt, der sich noch daran erinnern kann. Auch auf einen solchen Hinweis hofft von Wolff.

König Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Er unterzeichnete den Adelsbrief der von Wolffs sechs Wochen, nachdem er den Thron bestiegen hatte.
König Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Er unterzeichnete den Adelsbrief der von Wolffs sechs Wochen, nachdem er den Thron bestiegen hatte. © IMAGO/Historisches Auge Ralf Feltz

Von Wolffs Wunsch: "Wenn mein Schwiegervater irgendwann stirbt, dann geht der Adelsbrief an meinen Mann. Wenn mein Mann irgendwann stirbt, geht der Adelsbrief an meinen Sohn und hoffentlich immer so weiter. Nur diese Chronik – die fehlt nun. Und das ist so schade."

Hinweise an Franziska-Jennifer von Wolff per Mail an f.vonwolff@web.de oder telefonisch unter 0151 46741205.

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