Ein Elektroflugzeug aus München: Schafft dieses Start-up den Durchbruch?

Das Münchner Unternehmen Vaeridion will Kurzstreckenflüge revolutionieren. Jetzt hat es eine Produktionsstätte eröffnet – in jener Halle, in der erst vor Kurzem ein anderer Traum gescheitert ist.
Alexander Spöri
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Bis zu neun Passagiere sollen auf Kurzstrecken befördert werden – mit dieser E-Maschine.
Bis zu neun Passagiere sollen auf Kurzstrecken befördert werden – mit dieser E-Maschine. © Alexander Spöri

Draußen regnet es in Strömen, drinnen wird gefeiert: In einer Halle am Flughafen Oberpfaffenhofen eröffnet das bayerische Start-up Vaeridion seine neue Batterie-Produktionsstätte. Die gesamte Belegschaft ist versammelt, an der Decke hängt ein Banner: "Die Zukunft des elektrischen Fliegens". Zur Einstimmung läuft ein Video mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Frühzeit der Luftfahrt, untermalt mit modernem Elektro-Sound.

Auf einem Podium stehen Bayern-, Deutschland- und Europaflaggen. Staatsminister Florian Herrmann (CSU) ist zu Besuch, ebenso die niederländische Generalkonsulin Annelies Faro und die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Luftfahrt- und Raumfahrtindustrie. Hinter dem Podium steht ein Prototyp: Cockpit und Passagierkabine des Microliners. Das vollelektrische Regionalflugzeug soll bis zu neun Passagiere transportieren – auf Strecken bis zu 400 Kilometern, möglichst geräuschlos, mit geringeren Emissionen als herkömmliche Flüge.

Die Idee stammt aus einem Münchner Wohnzimmer

Gegründet wurde Vaeridion 2021 – von vier Leuten in einem Wohnzimmer im Lehel, erinnert sich Firmenchef Ivor van Dartel. Heute: Hauptquartier an der Prinzregentenstraße, Testwerkstätte bisher in Holzkirchen, knapp 80 Angestellte. In weniger als 100 Wochen soll der Microliner erstmals abheben – das ist zumindest das hochgesteckte Ziel. "Bei besserem Wetter", scherzt der Niederländer.

Die Idee: Kurzstrecken wie Festland-Korsika elektrisch bedienen. Van Dartel spricht vom "Isar Valley". Er erinnert an Otto Lilienthal, den Pionier des Gleitflugs. Und an Franz Josef Strauß, der Bayern als Airbus-Aufsichtsratschef ab 1970 zum Zentrum der deutschen Luftfahrtindustrie machte. "Wir sind nicht die Ersten, die es probieren", sagt der Unternehmenschef. "Aber wir werden die Ersten auf dem Markt sein."

Flugtaxis mit anderem Ansatz sind gescheitert: Zwei Insolvenzen in fünf Monaten

Ein selbstbewusstes Versprechen – zumal es ausgerechnet in jener Halle fällt, in der bis vor Kurzem noch die Mitarbeiter von Lilium an Flugtaxis tüftelten. Das bayerische Unternehmen meldete im Oktober 2024 Insolvenz an. Mehrere Investoren schienen das Projekt kurzfristig zu retten – doch nach geplatzten Finanzierungen scheiterte es endgültig. Im Februar 2025 folgte die zweite Pleite.

Auch Volocopter aus Bruchsal stellte Ende Dezember 2024 Insolvenzantrag; im März 2025 erhielten Hunderte Mitarbeiter ihre Kündigung.

Der Markt ist stark umkämpft und hart. Oft wurden Milliarden investiert, doch bis dato gibt es in Europa kein kommerziell zugelassenes Passagierflugzeug oder Flugtaxi mit Elektroantrieb. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat bislang nur einen zweisitzigen Schulungsflieger zertifiziert.

Vaeridion ist der Konkurrenz voraus

Vaeridion ist bereits jetzt einen Schritt weiter: Im November 2023 schloss das Unternehmen als erster Hersteller der zivilen Kleinluftfahrt einen sogenannten Pre-Application-Contract mit der EASA ab.

Das ist eine Vorstufe zum eigentlichen Zulassungsantrag: Behörde und Hersteller prüfen gemeinsam, ob das Konzept überhaupt zulassungsfähig ist. Im November 2024 kam das Ergebnis: Laut der Firma sei Antriebskonzept des Microliners grundsätzlich zertifizierbar. Kein Ausschlusskriterium gefunden. Doch die Musterzulassung steht noch aus – ein Prozess, der Jahre dauern kann.

Staatsminister Florian Herrmann drückt die Daumen

Staatsminister Florian Herrmann (CSU) gibt sich optimistisch, aber vorsichtig. Er erinnert sich, wie er das Start-up 2024 erstmals in Holzkirchen besuchte – damals nur etwa 30 Mitarbeiter. "Das ist ein faszinierendes Unternehmen", sagt er. Und weiter: "Wir drücken die Daumen – auch wenn es zu Rückschlägen kommen kann."

Florian Herrmann (2. v. r.), Leiter der Staatskanzlei, besichtigt das Unternehmen am neuen Standort in Oberpfaffenhofen.
Florian Herrmann (2. v. r.), Leiter der Staatskanzlei, besichtigt das Unternehmen am neuen Standort in Oberpfaffenhofen. © Alexander Spöri

Was Vaeridion vorstellt, wirkt raffiniert: Die Batterien werden direkt in die Flügel-Tragflächen integriert. Zwei unabhängige Antriebssysteme arbeiten zusammen – fällt eines aus, übernimmt das andere. Brandschutzvorkehrungen sollen verhindern, dass beim Laden oder im Flug etwas brennt.

Enger Zeitplan bis 2030

Zehn Kunden habe man bereits gewonnen, heißt es – darunter Flugbetriebe aus Dänemark, den Beneluxländern und Deutschland. Vaeridion peilt einen kommerziellen Betrieb bis 2030 an. Lilium und Volocopter hatten ähnliche Zeitpläne – und scheiterten.

Doch ihr Konzept unterscheidet sich auch grundlegend: Lilium und Volocopter setzten auf sogenannte Senkrecht-Starter, die ohne Landebahn auskommen sollten. Der Microliner hingegen ist ein klassisches Flugzeug.

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Was hängen bleibt, ist ein Satz aus dem Einspielfilm: "Irgendjemand muss den Status quo herausfordern." Wer die Geschichte der Luftfahrt rekapituliert, weiß: Das haben schon viele versucht. Und die meisten sind daran gescheitert. Manche haben jedoch Luftfahrtgeschichte geschrieben.

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  • tutnixzursache am 13.03.2026 09:43 Uhr / Bewertung:

    "Was Vaeridion vorstellt, wirkt raffiniert: Die Batterien werden direkt in die Flügel-Tragflächen integriert. Zwei unabhängige Antriebssysteme arbeiten zusammen"
    So raffiniert ist das jetzt auch nicht. Denn auch bei herkömmlichen Flugzeugen werden die Tragflächen als Tanks verwendet. Und wie hat man sich die "unabhängigen Antriebssysteme" vorzustellen? Gibt es zwei Triebwerke? Und jedes Triebwerk arbeitet unabhängig vom Anderen? Auch das ist Standard bzw Pflicht in der Fliegerei.
    Insgesamt hat dieses Projekt sicherlich größere Chancen als die ganzen Geldverbrenn-"Flugtaxi" Start-ups. Aber ich seh da keine Maschine im Jahr 2030 am Himmel. Weil, wie die az schon schreibt: die Zulassungsprozesse in der Fliegerei sind komplex und kompliziert. Man will ja wieder heil runter kommen.

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  • wolfi2 am 13.03.2026 08:21 Uhr / Bewertung:

    Blödsinn, natürlich können Hummel fliegen, sie fressen nämlich Spinat !!!!
    oder auch: Bei der Entstehung des Mytos hat man auch noch keine Hubschrauber gekannt, die können nämlich auch fliegen

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  • Radl Rainer am 12.03.2026 21:55 Uhr / Bewertung:

    Das wird aus folgendem Grund nicht funktionieren:

    Solche Maschinen sind nur in der privaten Luftfahrt interessant, wo sie von den Passagieren selbst geflogen werden, also Hobbyisten, vermögende Privatleute mit Lust am Fliegen. Für die ist die Maschine sicher top, aber eben neu und daher sehr teuer. Ein Großteil der privaten single engine Flotte besteht aus sehr sehr alten Cessna mit teilweise 60 Jahren auf dem Buckel. Dazu UL-Flugzeuge die auch tlw selbst zusammengebaut werden können.

    Der Markt für teure Neuflugzeuge ist sehr klein und z.B. von Cirrus bestimmt. Sobald es twin engine für GA geht, muss auch die Mindestreichweite praktikabel sein. Das ist hier nicht möglich.

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