Drama um Wal "Timmy": Jetzt spricht der Münchner Geldgeber

Mediamarkt-Gründer Walter Gunz hat die Initiative mitfinanziert, die den gestrandeten Wal retten sollte. Dessen Tod macht ihn traurig. Im AZ-Interview erklärt er, warum er sich trotzdem erneut für das Tier einsetzen würde.
von  Maximilian Neumair
Eine Tierärztin steht am Ufer unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt. Es handelt sich um den Buckelwal, der Ende März erstmals vor einer deutschen Insel in der Ostsee gestrandet war.
Eine Tierärztin steht am Ufer unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt. Es handelt sich um den Buckelwal, der Ende März erstmals vor einer deutschen Insel in der Ostsee gestrandet war. © Marcus Golejewski (dpa)

Über Wochen hat ganz Deutschland mit dem Wal mitgefiebert, der an der Ostküste gestrandet war. Darunter auch der Münchner MediaMarkt-Gründer, der zusammen mit der Unternehmerin eine Bergungs- und Transportaktion finanzierte. Der privaten Initiative gelang es zwar, den Wal zurück in die Nordsee zu bringen – allerdings nicht so, wie ursprünglich geplant.

Der Wal wurde von vielen Medien "Timmy“ genannt – in Anlehnung an den Timmendorfer Strand, wo das Tier zeitweise gestrandet war. Im Umfeld der Rettungsaktion tauchte später auch der Name "Hope“ ("Hoffnung“) auf. Er sollte symbolisieren, dass viele Menschen bis zuletzt hofften, der Wal könne überleben und zurück in seine natürliche Umgebung gebracht werden.

Inzwischen ist das Tier tot an den Strand der dänischen Insel gespült worden. Die Behörden wollen den Kadaver bergen und obduzieren lassen. Das verärgert Gunz, wie er der AZ am Mittwochvormittag im Interview sagte. Wie es ihm nach dem Tod des Wals geht und warum er den Ablauf der Freilassung kritisch sieht.

Mediamarkt-Gründer: "Ich bin nicht zum ersten Mal gescheitert"

AZ: Herr Gunz, wie geht es Ihnen damit, dass der Wal tot ist?
WALTER GUNZ: Dass es mir damit nicht gut geht, liegt auf der Hand. Das waren mit die dunkelsten Stunden in meinem Leben, denn man hat wochenlang gehofft, man hat Tag und Nacht gearbeitet, um dieses Leben zu erhalten. Es ist traurig, dass das nicht gelungen ist.

Der 79-jährige Unternehmer ist ein Münchner Kindl und der Mitgründer der Mediamarkt-Kette. Er erschuf den berühmten Werbespruch "Ich bin doch nicht blöd". Er finanzierte die Rettung des an der Ostsee gestrandeten Wals.
Der 79-jährige Unternehmer ist ein Münchner Kindl und der Mitgründer der Mediamarkt-Kette. Er erschuf den berühmten Werbespruch "Ich bin doch nicht blöd". Er finanzierte die Rettung des an der Ostsee gestrandeten Wals. © Michael Faulhaber (-)

Sind Sie trotzdem froh, dass Sie die Rettung angestoßen haben?
Ja, ich würde das immer wieder machen. Ich bin nicht zum ersten Mal in meinem Leben mit etwas gescheitert. Scheitern gehört zum Leben dazu. Und man muss akzeptieren, wenn man alles gegeben hat und es trotzdem nicht glückt, dass das Schicksal ist. Mir ging es nur um das Leben von diesem lieben Tier, denn es hat mir wie vielen anderen Menschen unendlich leidgetan, hier so ein feines, großes Säugetier im Schlick liegen zu sehen. Und es ist ja auch die Aufgabe des Menschen, die Schöpfung zu behüten und zu bewahren. Das Tier ist letzten Endes an den Menschen verstorben. Die sind verantwortlich für die Verschmutzung der Meere, die Netze, die Verbringung von Plastik und so weiter.

Gunz über Wal-Experten: "Die haben sich oft geirrt" 

Wenn also eine noch so kleine Überlebenschance besteht, sollte man immer versuchen, Tiere zu retten?
Das würde ich bei jedem Lebewesen versuchen. Auch einen Regenwurm würde ich vom Pflaster zurück ins Gras bringen. Jedes Leben ist kostbar. Und für mich ist es etwas Schönes, Leben zu beschützen und zu helfen, wenn es möglich ist.

Es gibt aber auch Fachleute, die argumentieren, dass man der Natur ihren Lauf und das Tier hätte sterben lassen sollen.
Es gibt die sogenannten Experten, die immer alles vorher schon wissen und die alles vorher gewusst haben. Aber die haben sich auch so oft geirrt, zum Beispiel bei ihren ersten Diagnosen über den Gesundheitszustand des Tieres, ohne es jemals untersucht zu haben. Ich halte es für verrückt, dass der Wal sich da zum Sterben hingelegt hat. Er hat einen sehr lebendigen Eindruck gemacht und die Ärzte haben ihm auch eine gute Gesundheit attestiert.

Viele Menschen sahen das so wie Sie und unterstützten die Aktion.
Das hat mir gezeigt, dass es nicht nur die grauen Experten gibt, sondern auch Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben. Gestern Morgen um zehn Uhr standen Leute bei mir an der Türe, die haben eine Pralinenschachtel mit einem Brief gebracht, in dem sie sich bedanken, auch wenn die Rettung nicht gelungen ist. "Man sieht nur mit dem Herzen gut", sagt Saint-Exupéry im Kleinen Prinzen und ich glaube, das ist etwas, was wir von dieser Wal-Geschichte lernen können.

Geldgeber für Rettungsaktion: "Hier sind ganz seltsame Dinge passiert"

Die Freilassung ist nicht so gelaufen wie geplant. Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?
Da ist unheimlich viel schiefgelaufen. Man hat den Wal an der Stelle ausgesetzt, wo wir es nicht wollten und man hat ihn wie einen Container abgeladen. Das ist für mich eine große Verletzung seiner Würde. Und der Kapitän hat sich geweigert, unsere Crew einzubeziehen. Was das für Gründe hat, kann ich mir nicht erklären. Es gibt leider auch keine Dokumentation, wie der Wal letztendlich freigelassen worden ist. Hier sind ganz seltsame Dinge passiert.

Der vor Wochen in Deutschland gestrandete Wal liegt tot vor der dänischen Insel Anholt. Die private Rettungsinitiative versucht, die dänischen Behörden dazu überreden, den Kadaver ins Meer zu bringen.
Der vor Wochen in Deutschland gestrandete Wal liegt tot vor der dänischen Insel Anholt. Die private Rettungsinitiative versucht, die dänischen Behörden dazu überreden, den Kadaver ins Meer zu bringen. © Marcus Golejewski (dpa)

Haben Sie vor, gegen die Crew vorzugehen?
So eine Untat sollte irgendwie geahndet werden, aber wir haben ja keine Dokumentation. Ob das Sinn ergibt und wie die Rechtsgrundlage dafür aussieht, muss ein Anwalt beurteilen.

Es hieß, die Rettungsinitiative teile die Daten des am Wal angebrachten Trackers nicht mit dem Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Was waren dafür die Gründe?
Der Tracker hat von Anfang an nur teilweise Signale geliefert. Er zeigte wohl nur an, wenn der Wal auf- oder abgetaucht ist. Wir konnten damit aber nie den Standort bestimmen. Der Tracker soll jetzt überstellt und ausgewertet werden. Da ist aber nie etwas verschleiert oder verhindert worden.

Menschen klettern auf Wal-Kadaver: "Es gibt nicht nur gute Menschen"

Der Wal liegt nun am Strand der Insel Anholt. Teilweise sind Schaulustige auf den Kadaver gestiegen, der dadurch im schlimmsten Fall explodieren könnte. Ärgert Sie das?
Ja, das ist schlimm und pietätlos. Das Tier hat so viele Herzen erobert und jetzt steigen da Leute drauf und machen ein Selfie. Es gibt nicht nur gute Menschen, sondern auch Verrückte. Damit muss man leben.

Die dänischen Behörden wollen das Tier nun bergen, weil es so nah am Strand Einheimische und Touristen stören könnte. Halten Sie das für den richtigen Umgang?
Wir hatten ganz stark dafür plädiert und setzen uns noch immer dafür ein, dass der Wal ins Meer gezogen wird und der Körper in seiner natürlichen Umgebung sein physisches Ende findet. Wir finden, das ist die einzige vernünftige Lösung. Den Wal zu sezieren, um herauszufinden, woran er gestorben ist, macht ihn auch nicht wieder lebendig. Mein Herzenswunsch wäre, den Wal in Ruhe zu lassen.

Besteht die Chance, dass sich die dänischen Behörden noch umentscheiden?
Ja, wir versuchen, sie zu überreden. Aber kämpfen Sie mal mit Behörden. Das kann immer so und so ausgehen.

Denken Sie, dass die Rettungsaktion langfristig den Umgang mit gestrandeten Tieren ändern wird?
Ich hoffe schon, dass das ein Startschuss ist, sich zu überlegen, ob man die Meere, die Tiere und die Natur nicht doch besser schützen kann.

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