Dorf-Experiment in Bayern: Welcher Münchner will der Großstadt entfliehen?
Alle wollen weg aus der Provinz und lieber in der Großstadt leben? Weil das Internet überall auf dem Land lahm ist und die Busverbindungen auch? Dass diese Vorurteile nicht pauschal zutreffen, beweist Daniel Lerner (43).
Er hat schon in München, Stuttgart, Hannover, Saarbrücken, Karlsruhe oder auch in Kairo in Ägypten gelebt – und ist trotzdem ganz bewusst in ein Dorf nach Oberfranken gezogen. Obwohl er dessen Namen – nämlich Nordhalben – vorher noch nie in seinem Leben gehört hatte.
Wem es ähnlich geht: Der seit 1975 anerkannte Erholungsort liegt im Landkreis Kronach. Im Naturpark Frankenwald, mit fast 100 Kilometer Wanderwegen. Einwohner: rund 1600. Postleitzahl: 96365.
Experiment "Work.Land.Life": Bald beginnt Runde vier
Wie kam es dazu? Lerner hat an einem Experiment teilgenommen: Landluft statt Großstadtstress. Das Projekt heißt "Work.Land.Life" und geht in diesem Jahr bereits in die vierte Runde.
Das Prinzip: Ausgewählte Teilnehmer tauschen sechs Wochen lang ihren Großstadt-Alltag gegen das Leben in Nordhalben. Landleben auf Probe. Dort wurde die alte Volksschule in den Co-Working- und Co-Living-Space "Nordwald Space" umgewandelt (unter anderem Büros und acht Apartments).

Bis 10. April 2026 kann man sich noch für die diesjährige Runde bewerben, der Aufenthalt ist kostenlos und findet von 15. Mai bis 1. Juli 2026 statt. Dabei sein können digitale Co-Worker, Selbstständige und Freelancer. Also Menschen, die ortsunabhängig arbeiten können und wissen wollen: Wie ist denn nun das Landleben wirklich?
Keine Pflichtaufgaben, aber Engagement ist erwünscht
Der 43-Jährige hat im ersten Jahr des Projekts 2023 teilgenommen und ist danach im Jahr 2024 wirklich nach Nordhalben umgezogen. Nun kümmert er sich um das neue Landtester-Experiment, das mittlerweile die Kommune in Eigenregie organisiert (vorher mit Oberfranken Offensiv e. V.).

Was müssen Teilnehmer bei dem Experiment leisten? Gewünscht ist, dass man sich in die Gemeinschaft einbringt. "Sie arbeiten wie gewohnt zu ihren Arbeitszeiten und können sich im Dorf einbringen, wie sie möchten", erklärt Lerner. "Es gibt keine Pflichtaufgabe, aber wir wünschen uns schon, dass man sich für den Ort interessiert, mit den Menschen in Kontakt kommt und womöglich an Projekten mitwirkt."
Eine Idee, die daraus entstanden ist, sei zum Beispiel eine Baum-Aktion für den Frankenwald.
"Ich hätte das Landleben anders erwartet"
Sein Umzug aufs Land hat ihn selbst überrascht und war am Anfang nicht seine Intention, wie Lerner der AZ erzählt: "Ich habe noch nie auf dem Land gelebt, ich bin ein Großstadtjunge." Und weiter: "Ich hätte das Landleben anders erwartet: Kühe, Hühner, Gegacker. Aber das ist in Nordhalben nicht der Fall."
Gegencheck mit der Statistik: 2020 haben sechs Menschen in Nordhalben 42 Hühner gehalten. Und vier Bauern hatten 64 Rinder. Überschaubar.

Lerner sagt: "Ich war geflasht und begeistert." Die Menschen, die Gespräche. "Ich hatte in der ersten Woche in Nordhalben wahrscheinlich so viele Gespräche und soziale Kontakte, wie ich sie in einem ganzen Jahr in der Großstadt nicht hatte." Fast auf jedem Foto, das er mitschickt, ist er mit lachenden Menschen abgelichtet. Und er selbst strahlt auch.
"Oma Gabi" überrascht ihn schon nach wenigen Tagen
Eine Anekdote erzähle er besonders gern: Er habe am zweiten Tag im örtlichen Lebensmittelmarkt "Oma Gabi" getroffen. Es war kalt, der Wind zog. Sie seien ins Gespräch gekommen, er fragte sie, ob man hier im Ort eine Jacke kaufen könne. Sie lächelte, "leider nein". Ihr Tipp: nach Kronach fahren. Knapp 25 Kilometer.

Das wollte er machen und fügte an, er werde sich auch gleich einen Schal dazu besorgen. "Zwei Tage später lag im Co-Working-Space ein Paket für mich – von Oma Gabi: ein Schal als Geschenk." Gesten wie diese hätten ihn sehr schnell vom Landleben und der Zugewandtheit der Menschen überzeugt.
"Warum soll ich zurück nach Stuttgart? Ich bleibe hier!"
An Tag 25 des Experiments, ein Sonntag, wachte er auf und traf eine Entscheidung: "Warum soll ich zurück nach Stuttgart? Ich bleibe hier! Ich habe die Entscheidung aus dem Herzen heraus getroffen." Bereut hat er sie noch nie.
Was hat ihm in der Großstadt gefehlt? "Das Miteinander. Ich habe in keinem Ort jemals den Zusammenhalt erlebt, wie es ihn auf dem Dorf gibt. Es ist wie eine große Familie." Obwohl er mit seinen Mitarbeitern ein gutes Verhältnis hat: "In Stuttgart habe ich fast nur gearbeitet."

Er hat eine Online-Marketing-Agentur, ist zusammen mit seinem Bruder selbstständig. Seit seiner Kindheit ist er generell sehr oft umgezogen. Daher ist er einerseits örtlich flexibel und ist es zugleich gewohnt, sich schnell und gut an neuen Wohnorten einzufinden.
Auf dem Land habe er viele Freizeit-Möglichkeiten für sich entdeckt: Basketball, Fußball (nach 20 Jahren spielt er nun wieder), Tennis und mehr. Unglaublich: Nordhalben hat über 40 Vereine. Wie sich auf der Gemeindeseite nachlesen lässt: zum Beispiel Fanclubs der Sechzger und des FC Bayern. Lerner sagt: "Von wegen auf dem Land ist nichts los!"

Noch ein Vorurteil, das er nicht bestätigen kann: dass das Internet voll lahm sei. "Das Internet in Stuttgart war schlechter!"
Lerner hat kein Auto, mit dem Bus könnte er sehr regelmäßig nach Kronach fahren. Auch hier sieht er für sich keine Einschränkung, die ihn am Landleben stört. Damit unterscheidet er sich von den anderen Dorfbewohnern, denn viele seien aufs Auto angewiesen und pendelten zur Arbeit.
Was ihm ansonsten auffällt: Digitales Arbeiten ist noch nicht überall auf dem Land verbreitet.
So entwickelt sich die Einwohnerzahl
Wie schaut es mit dem demografischen Wandel auf dem Land aus? Dem Landesamt für Statistik zufolge steigt die Alterskurve ab 50plus in Nordhalben deutlich an. Das Durchschnittsalter lag 2022 bei 50,2 Jahren.
Generell schrumpft der Ort, wie die Zahlen des Landesamtes für Statistik zeigen. 1970 lebten noch 2757 Menschen dort, über 1000 mehr als heutzutage. 1970 wurden 47 Babys geboren, 2022 waren es 8.
Eine offizielle Vorausberechnung erwartet, dass 2033 noch 1410 Menschen in Nordhalben leben.
"Wir haben noch drei Kneipen"
Lerner liebt das Landleben, das hört man bei jeder Silbe heraus. Was ihm nur manchmal im Vergleich zur Großstadt fehlt: ein Nachtclub. Ab und zu auch ein Stadtbummel oder sich abends noch schnell an einer Straßenecke einen Snack holen zu können. Die Annehmlichkeiten der Stadt eben. Das kann ein Dorf freilich nicht bieten. "Wir haben noch drei Kneipen, sie können aber nicht die ganze Zeit offen haben."

Die positiven Seiten wiegen das für ihn auf. Etwa die Landluft, die Aussicht, die herzlichen Menschen. Mit dem Bürgermeister? Ist er per Du. "Ja, klar. Alle sind per Du. Ich mag das."
Thema Mieten: "Es ist deutlich günstiger"
Dann wäre da noch das leidige Thema: Mieten. Ein Schmerzpunkt für viele Großstädter. Auch das ist auf dem Land anders. "Es ist deutlich günstiger." Im Vergleich zu Stuttgarter Verhältnissen schätzt er die Mietpreise um die Hälfte niedriger ein. Aber: In Nordhalben gebe es bisher nur wenige Mietoptionen trotz Leerstand.
Er teilt der AZ auch ehrlich mit: "Nordhalben zählt zu einer der finanzschwächsten Gemeinden Bayerns." In den letzten 20 Jahren habe ein Geschäft nach dem anderen geschlossen.
Der Bürgermeister Michael Pöhnlein (fraktionslos) schreibt auf der Webseite des Ortes trotzdem: "Nordhalben verfügt über aktive Bürger, die auch gerne neue Wege einschlagen, um Herausforderungen zu meistern." Er nennt explizit den Nordwald Space als Besonderheit im Ort.

Die Teilnahme ist kostenlos, man kann in einem privaten Bereich im Nordwald-Space wohnen und arbeiten. Für Essen muss jeder selbst sorgen.
Auch Alleinerziehende sind willkommen
In der Vergangenheit seien auch schon zwei Münchner dabei gewesen. Kommen in diesem Jahr noch mehr dazu? Bei der Auswahl wolle man eine bunte Mischung treffen. Auch Alleinerziehende mit Kind können mitmachen.
Zur Bewerbung: https://nordwaldspace.de/worklandlife/#bewerben
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