Dieses Café ist beliebt bei den Münchnern – aber nur wenige dürften diese Geschichte kennen

Es ist ein Schmuckstück aus der Gründerzeit, das Besucher in bester Innenstadtlage anzieht: das Café Luitpold in der Brienner Straße. Doch um die Jahrhundertwende trafen sich Damen dort keineswegs nur zum Kaffeekränzchen. Es ging um nicht weniger als die Gleichberechtigung der Frau. Welche Rolle das Münchner Traditionshaus dabei spielte und warum der Landtag es nun dafür ausgezeichnet hat.
von  Heinrich Überall
Der Luitpoldblock in der Brienner Straße.
Der Luitpoldblock in der Brienner Straße. © Fotostand / Fritsch via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Wer heute im Café Luitpold Kaffee und Kuchen genießt, wandelt auf historischen Spuren. Denn wie kaum ein anderer Ort ist das Café mit der Frauenbewegung in München und Bayern verbunden. Wegen seiner Bedeutung für die Frauenstimmrechtsbewegung um 1900 und als Versammlungsort des Frauenstimmrechtskongresses von 1912 wurde es kürzlich vom Bayerischen Landtag zum "Ort der Demokratie in Bayern" ernannt.

"Die Frauenbewegung in München begann eigentlich 1894, als Anita Augspurg und Sophia Goudstikker den Verein für Fraueninteressen gegründet haben. Der hieß damals noch Gesellschaft für die Interessen der Frauen", erklärt die Historikerin Adelheid Schmidt-Thomé der AZ. Sie beschäftigt sich mit der Geschichte von Frauen vorrangig in München, gibt zu diesem Thema Stadtführungen und hält Vorträge.

In Bayern besonders strenges Vereinsrecht

Zu dieser Zeit hatten Frauen kein Wahlrecht. Sie durften unter anderem nicht studieren und erhielten in der Regel keine höhere Bildung. Außerdem galt in Bayern ein Vereinsrecht, das Frauen die Teilnahme an politischen Versammlungen oder die Gründung politischer Vereine untersagte.

Erst die Lockerung des Vereinsrechts im Jahr 1898 änderte daran etwas. Der Verein für Fraueninteressen konnte jetzt öffentliche Veranstaltungen organisieren und nutzte dafür besonders prestigeträchtige Orte, vor allem das erst zehn Jahre zuvor eröffnete "Café und Restaurant Luitpold" in der Brienner Straße, ein beliebter Treffpunkt für viele Künstler.

Frauenvereins-Vorsitzende Ika Freudenberg (l.)  mit der niederländischen Frauenrechtlerin Sophia Goudstikker.
Frauenvereins-Vorsitzende Ika Freudenberg (l.) mit der niederländischen Frauenrechtlerin Sophia Goudstikker. © Gemeinfrei

Vom 18. bis 21. Oktober 1899 veranstaltet der Verein für Fraueninteressen unter ihrer Vorsitzenden Ika Freudenberg zusammen mit sieben anderen bayerischen Frauenvereinen den Ersten Allgemeinen Bayerischen Frauentag. Die Eröffnungsveranstaltung findet im Prinzensaal des Café Luitpold statt. Dort vernetzen sich die Teilnehmerinnen und diskutieren über viele Themen und Probleme. Nicht nur deswegen war die Veranstaltung ein wichtiger Meilenstein. "Beim Frauentag sind die Frauen erstmals geballt an die Öffentlichkeit gegangen, nicht nur innerhalb ihrer internen Clubs oder ihrer Treffen", sagt Schmidt-Thomé.

Warum ausgerechnet München?

Daraus folgten weitere Veränderungen, wie beispielsweise die Öffnung bayerischer Universitäten für Frauen 1903 und auch immer mehr die Forderung nach dem Frauenwahlrecht. "Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann waren bereits einige Jahre zuvor immer wieder in England bei den Demonstrationen der Suffragetten, die dort schon lange fürs Stimmrecht gekämpft haben", sagt Schmidt-Thomé. Im Jahr 1912 wollten sie eine solche Demonstration auch in Deutschland. Weil diese in Berlin nicht genehmigt wurde, wählten sie für ihre Demonstrationsfahrt und den anschließenden Frauenstimmrechtskongress München.

Der Palmengarten im Café Luitpold hat ein ganz besonderes Flair.
Der Palmengarten im Café Luitpold hat ein ganz besonderes Flair. © Bernd Wackerbauer

Am 24. September 1912 treffen sich Frauen aus dem ganzen Deutschen Reich vor dem "Grosswirt" in Schwabing mit geschmückten Wagen, Fahnen und Plakaten. Ihre Route führt vom Feilitzschplatz, der heutigen Münchner Freiheit, zum Siegestor und durch den Englischen Garten zum Chinesischen Turm. Der eigentliche Kongress findet dann wieder im Prinzensaal des Café Luitpold statt. Bis die Forderung nach dem Frauenwahlrecht in der Bamberger Verfassung erfüllt wird, dauert es allerdings noch sieben Jahre.

Das Café Luitpold war ein Raum, in dem Zukunft gedacht wurde

Dass das Café Luitpold mit seiner Bedeutung für die Frauenrechtsbewegung durch den Bayerischen Landtag jetzt zum "Ort der Demokratie in Bayern" ernannt wurde, sieht Schmidt-Thomé positiv. "Ich finde es sehr erfreulich, dass wahrgenommen wird, wie wichtig es ist, die Frauengeschichte zu betrachten und diesen Einsatz auch zu honorieren, den die Frauen damals geleistet haben. Es ist ja ein demokratischer Akt, den Menschen ein Stimmrecht zu geben."

Für Karsten Schmitz vom Luitpoldblock, in dem sich das Café Luitpold befindet, ist die Auszeichnung sowohl Anerkennung als auch Ansporn. "Sie erinnert uns daran, dass das Café Luitpold, auch als historischer Ort der Frauenbewegung, immer ein Raum des gesellschaftlichen Austauschs war, in dem Zukunft gedacht wurde."

Bereits vor drei Jahren widmete sich eine Sonderausstellung im hauseigenen Museum der Geschichte der Frauen, die den Luitpoldblock prägten. Zudem wolle man laut Schmitz die Auszeichnung zum Anlass nehmen, diese Geschichte des Luitpoldblocks noch sichtbarer zu machen.

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