"Crazy": Touristen in München von Streik überrascht

Am zweiten Verdi-Streiktag fahren morgens keine U-Bahnen – und kaum Trambahnen und Busse fahren kaum. Doch die Münchner haben sich ganz gut mit den geplanten Ausfällen arrangiert. Die streikenden Fahrer geben sich kämpferisch. Die Sonderbehandlung des FC Bayern bleibt großes Thema.
von  Eva von Steinburg
Ein Geisterbahnhof: Rot-weißes Flatterband sperrt die Bahngleise am U-Bahnhof Marienplatz in beide Richtungen bis 10 Uhr ab.
Ein Geisterbahnhof: Rot-weißes Flatterband sperrt die Bahngleise am U-Bahnhof Marienplatz in beide Richtungen bis 10 Uhr ab. © Eva von Steinburg

Wer einen wichtigen Arzttermin hatte oder eine Prüfung, hat sich Tage vorher vielleicht schon ein Uber bestellt. Am zweiten Warnstreiktag von Verdi fahren in München zunächst keine U-Bahnen, Trams und kaum Busse. Doch die funktionierende S-Bahn bringt Münchner am Mittwoch früh oft nah an ihr Ziel. Einige gehen dann zu Fuß bis zu ihrer Arbeit oder ihrem Arzt.

Eine Lehrerin in der S 6, die in der Alten Heide unterrichtet, wird vom Hausmeister der Schule mit dem Auto am Isartorplatz abgeholt, plus vier weitere Pädagogen.

Zimmerer-Azubi Julian Dürr (19) kommt heute zu spät in den Maschinenkurs seiner Berufsschule in der Elsenheimerstraße, weil er von der S-Bahn-Station Hirschgarten laufen wird. Er sagt: "Ich finde es gut, dass es die Gewerkschaft gibt, die für gute Arbeitsbedingungen kämpft. Zum Glück lebe ich in einem Land, in dem man streiken kann.“ Für das Fußballspiel FC Bayern gegen RB Leipzig hat er Karten: „Ich wäre da mit einem Shuttle-Bus von der Donnersbergerbrücke hingekommen. Ich finde es krass, dass der FC Bayern jetzt so wichtig ist, dass dafür der Streik gebrochen wird.“

In der S-Bahn: Azubi Julian Dürr
In der S-Bahn: Azubi Julian Dürr © Eva von Steinburg

Die S-Bahn ist morgens nicht voll

Weil, wie am ersten Verdi-Streiktag, dem 2. Februar, wohl wieder nur ein Teil ihrer Schüler kommt, wird die Lehrerin mit den 15- bis 17-jährigen Bewerbungen schreiben. "So ein Tag hat Vorteile. Ich kann meine Schüler dabei 1:1 betreuen. Diesen Streiktag finde ich nicht chaotisch. Die S-Bahn ist nicht voll, die Gleise auch nicht. Der Verkehr für uns Pendler ist erstaunlich entspannt. Die Leute konnten sich ja auch lange genug darauf einstellen“, sagt sie.

Lebensmittel sind so teuer geworden

Für die Forderung nach mehr Lohn bei der MVG hat die Münchnerin Verständnis. „Lebensmittel sind so teuer geworden, auch für mich. Ich zahle schon 50 Euro für einen kleinen gefüllten Korb bei Aldi. Ich weiß nicht, wie das Leute machen, bei denen es finanziell vorher schon eng war.“

Touristen wundern sich

Am U-Bahnhof Marienplatz sind die Bahnsteige bis 10 Uhr komplett mit rot-weißen Flatterbändern abgesperrt. Touristen wundern sich: "Crazy“. Viele schütteln den Kopf, konsultieren ihr Handy. "Was ist hier los?“, werden Rischart-Verkäuferinnen gefragt. Drei indische Ordensschwestern ziehen irritiert weiter.

Häufige Durchsagen für die MVG-Fahrgäste informieren: "Aufgrund des Streiks fahren momentan keine U-Bahnen“. Und wiederholen stetig: „Verlassen Sie bitte den Bahnsteig“, ohne die Alternative zu erwähnen, dass die Münchner S-Bahn ja normal fährt – denn wer am U-Bahnsteig landet, weiß nichts von dem Streik.

 

In der Auslage der Bäckerei bleiben Semmeln, Käse-Bagels und Zimtschnecken am Vormittag liegen. Doch überraschend nimmt die U 6 vom Marienplatz bis Fröttmaning bereits ab 10 Uhr ihren Betrieb auf, nicht wie angekündigt erst ab 17.30 Uhr – um die Fans zum Fußballspiel um 20.45 Uhr in die Allianz Arena zu bringen.

Verdi: Wir betteln nicht mehr!

Mit ein Grund: "Dummerweise haben wir in München Streikbrecher. Die Gewerkschaft Nahverkehrsgesellschaft boykottiert leider unseren großen Verdi-Warnstreik“, sagt Alfred Köhler, Vertrauensmann der Stadtwerke München und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der MVG. Viele Fahnen wehen bei der Verdi-Kundgebung am Vormittag am Straßenbahndepot Nähe Leuchtenbergring.
Köhler erklärt hier kämpferisch: "Heute ist kein Arbeitstag. Heute ist Verdi-Streiktag! Denn reden ohne Streik ist kollektives Betteln, finde ich. Wir betteln nicht mehr.“

Katharina Wagner von Verdi.
Katharina Wagner von Verdi. © Eva von Steinburg

Katharina Wagner hält ein pinker Schal in der Kälte warm. Die Verdi-Verhandlungsführerin meint: "Es ist Druck im Kessel. Wir wissen, wo der Schuh drückt. Die Arbeit in der Werkstatt wird verdichtet. Schichtdienst im Fahrdienst ist hart. Es gibt krasse Krankenstände“, erklärt die Gewerkschaftssekretärin. „Wir streiken für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn. Aber nicht gegen die Fahrgäste, sondern gegen das, was die Angestellten im ÖPNV kaputtmacht. Wir sind in einem Dilemma, das sollten die Münchner Fahrgäste verstehen.“

Die Linke auf der Verdi-Kundgebung: v.l. Christian Schwarzenberger, Nicole Gohlke, Lara Prölß.
Die Linke auf der Verdi-Kundgebung: v.l. Christian Schwarzenberger, Nicole Gohlke, Lara Prölß. © Eva von Steinburg

Politischen Druck baut an diesem Mittwoch auch Die Linke auf. Zwei Kandidaten für den Münchner Stadtrat sind per Radl und per S-Bahn vom Giesinger Bahnhof aus hier. Nicole Gohlke, die Bundestagsabgeordnete der Linken für München-West übernimmt das Mikrofon: „Großartig, dass ihr auf der Straße seid. Ihr seid goldrichtig mit euren Forderungen, damit die Stadt weiter funktioniert und die Infrastruktur nicht vor die Hunde geht.“ Sie lobt den Verdi-Ruf nach der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich als „Vorbild“ und sagt den Münchnern: „Bei steigenden Mieten, Energie- und Lebensmittelkosten braucht Arbeit eine angemessene Wertschätzung: also her mit der Kohle!“

Die Sonne kommt raus: Klimaaktivist Michael Jäger (31) und fünf Gymnasiasten straffen ihr großes Transparent: „Streiken bis zur Verkehrswende“.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.