Diese Änderung in Neuhausen schmerzt den AZ-Stadtspaziergänger besonders

Vor vielen Jahren, ich wohnte mit meiner damaligen Freundin in der Ruffinistraße, beobachtete ich an einem Samstagmorgen ein älteres Ehepaar, das Arm in Arm den Kaufhof am Rotkreuzplatz betrat. Kaum drin, löste sich die Dame von ihrem Mann und stöberte wild durch die angebotenen Auslagen, immer bereit, die Beute zu packen. Ihr Mann trottete langsam, wie ein müder Tanzbär, hinterher. So ging das eine ganze Weile.

Irgendwann blieb er unmittelbar neben mir stehen und sagte ganz leise, mehr zu sich selbst: "Ich schreie jetzt dann gleich." Wahrscheinlich der wildeste Ausbruch, den er sich gestattete. Nach einer Weile trottete er wieder hinter seiner Frau her, die ihn noch gar nicht vermisst hatte.
Der Galeria Kaufhof wird wohl abgerissen
Irgendwann verließen sie wieder Arm in Arm das Geschäft. Die Frau mit der eingetüteten Beute, er zufrieden, weil’s überstanden war. Bestimmt gab’s zu Hause einen frischgebackenen Datschi, einen Kaffee dazu – und die Welt war wieder in Ordnung. Sie hatte wahrscheinlich das Gefühl, ein großes Glück mit diesem Mann zu haben. Umgekehrt vielleicht auch.

Was ich sagen will: Natürlich muss nicht alles immer perfekt sein, aber man braucht auch die gelebten, vielleicht geliebten Rituale. Wahrscheinlich wird es den Kaufhof in der Form nicht mehr lange geben.
Wie’s ausschaut, soll das Gebäude abgerissen werden, ein Hotel entstehen, vielleicht ein abgespeckter Kaufhof bleiben. Manchmal wäre es schön, wenn einfach einmal alles so bleiben würde, wie es ist. Wenigstens hier und da.

Was es in Neuhausen alles zu entdecken gibt
Ich bin immer noch gerne am Rotkreuzplatz, auch wenn ich längst nicht mehr hier wohne. Ich mag den Weihnachtsmarkt, den Wochenmarkt, den Brunnen mit seinen unregelmäßigen Fontänen, die so manches Kind schon überrascht haben, den Maibaum, die Straßencafés, die Lokale und natürlich, nicht verhandelbar, ein Eis vom Sarcletti.

Die Straßen in der Umgebung mit den vielen kleinen Geschäften, den Canal Grande in der Nähe und das Schloss. Kürzlich war ich hier beim Bluesfest, welches einmal im Jahr stattfindet.
Ich hatte einen herrlichen Sonntag bei schönstem Sommerwetter, guter Musik, netten Leuten um mich herum, guten Gesprächen und viel Spaß.

Irgendwie ist es ein schönes Viertel, natürlich nicht perfekt, aber schön. Ein bewährtes Ritual. Schade, dass sich das alles bald ändert, aber vielleicht wird’s ja noch schöner.
In diesem Sinne eine schöne Woche
Ihr
Sigi Müller