Die traurige Wahrheit über die Pflege

Deutschlands bekanntester Pflege-Experte über die Angst der alten Menschen, ausgebrannte Pflegekräfte und einen Windel-Selbstversuch.
| Timo Lokoschat
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Bei ihm stapeln sich die Fälle, die die Missstände in der Pflege dokumentieren: Claus Fussek im Gespräch mit der AZ.
AZ Bei ihm stapeln sich die Fälle, die die Missstände in der Pflege dokumentieren: Claus Fussek im Gespräch mit der AZ.

„Danke für diesen Artikel, jetzt ist mir schlecht“, schreibt AZ-Leserin Alexandra Schellhase. „Gut, dass das endlich mal ausgesprochen wurde!“, meint Karolina Basek. „Ich finde es super, dass die AZ das thematisiert“, lobt Andrea Brown.

Der Bericht einer Krankenschwester, die die schlimmen Bedingungen in der Pflege schonungslos offenlegt, hat viele Leser bewegt.

Die AZ hat mit Claus Fussek, dem Münchner Pflege-Experten, über den Dauer-Notstand gesprochen.

Herr Fussek, die Krankenschwester will anonym bleiben, hat ihren Wohnort nicht genannt. Könnte so ein Fall auch in München spielen?

Wenn ich mir die Formulierungen anschaue, die sie gebraucht hat, kann ich sagen: Das könnte in jedem Ort, in sehr vielen Einrichtungen sein. Auch in München.

Die Frau klagt, dass sie vom OP-Saal in die katastrophal unterbesetzte Pflegeabteilung zwangsversetzt worden sei. Ist so etwas üblich?

Unbequemes Personal wird intern strafversetzt – das ist leider keine Seltenheit. Ich verstehe trotzdem nicht, warum sie sich das gefallen lässt. Ich bin immer wieder erschrocken, wie hoch die Leidensfähigkeit von Pflegekräften ist. Sie können sich ihren Arbeitsplatz doch frei aussuchen.

Sieben Minuten bleiben ihr pro Patient.

Das ist das Prinzip der Fließband- und Akkordpflege.

Zum Reden ist keine Zeit, moniert die Krankenschwester.

Bei dem Satz bin ich immer vorsichtig. Wenn es heißt „Ich habe keine Zeit mehr für ein freundliches Wort“, sage ich: „Ein unfreundliches dauert genauso lange“. Auch während man pflegt, kann man mit dem Patienten sprechen. Aber wir wissen natürlich, dass viele Pflegekräfte inzwischen völlig ausgebrannt, psychisch und physisch überfordert sind – oder resigniert haben.

Viele Patienten liegen, so berichtet die Frau, tagelang ungewaschen im Bett.

Auch das ist in vielen Einrichtungen leider Normalität. 

Häufig fehle es an der Zeit, die Windeln zu wechseln . . .

Auch das passiert. Saugfähige Windeln werden leider häufig als Pflegeerleichterung verwendet. Bei Vorträgen sage ich manchmal zum Publikum: Es ist Sommer, trinken Sie bitte viel – und gehen Sie die nächsten drei Stunden nicht auf Toilette, ich habe eine Windel dabei mit einem Fassungsvermögen von 3,8 Litern.

Die Reaktion?

Erstaunen. Dann sage ich: Versetzen Sie sich in die Situation der Heimbewohner. Etwas Würdeloseres ist kaum vorstellbar. Das ist in vielen Heimen aber längst Alltag, an den wir uns beschämenderweise gewöhnt haben.

Die Pflegekräfte ebenfalls?

Die Engagierten tun sich schwer. Neulich schrieb mir eine Altenpflegerin: „Ich beobachte, dass alte Menschen nichts mehr trinken, weil sie Angst haben, nicht mehr auf Toilette zu kommen, sondern ihre Notdurft in einer Windel verrichten zu müssen. Ich kann ihnen nicht mehr in die Augen schauen, ich schäme mich.“

Bis zu 35 Patienten werden von zwei Schwestern betreut. Eine realistische Zahl?

Absolut. Ob es 35, 30 oder 25 sind, ist eigentlich egal. Das ist wie mit einem Auto: Ob sie drei oder zwei Räder haben – es fährt so oder so nicht!

Wer zu langsam isst, bekommt in vielen Fällen eine Magensonde eingepflanzt.

Stellen Sie sich mal vor, was los wäre, wenn man im Tierpark einem kleinen Eisbären eine Magensonde verpassen würde, weil er zu langsam frisst!

Beim Thema Pflege hält sich die öffentliche Erregung meistens in Grenzen.

Nach Ihrem Beitrag von gestern müsste es eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Empörung geben, einen Aufschrei der Kirchen, der Menschenrechtsgruppen, der Verbände, der Politik. Aber wir regen uns lieber über Zugverspätungen auf, über die Maut, debattieren leidenschaftlich über einen Konzertsaal – aber bei diesem Thema herrscht beklemmendes Schweigen. Seit Jahren. Obwohl alle Bescheid wissen. Obwohl es uns alle einmal betrifft.

Ist die Situation in Heimen oder Kliniken schlimmer?

Wenn ich Vorträge halte, in denen überwiegend Mitarbeiter aus Pflegeheimen anwesend sind, höre ich: „Herr Fussek, Sie müssen mal was über die Krankenhäuser machen – da ist es viel schlimmer.“ Spreche ich vor Krankenhausangestellten, ist es genau umgekehrt.

Gibt es denn auch positive Beispiele?

Selbstverständlich geht es auch anders. Solche „Leuchttürme“ gibt es, auch in München. Interessanterweise haben die auch nicht mehr Geld. Es steht und fällt mit der Leitung, mit der Haltung, Wertschätzung und Qualifikation des Personals.

Woran können Angehörige erkennen, ob eine Einrichtung gute Pflege anbietet?

Fragen Sie die Heimleitung, ob es Beschwerden gibt. Sagt die „Bei uns ist alles bestens!“, können Sie gleich wieder gehen. Das ist in etwa, als ob Sie einen Schuldirektor fragen: „Gibt es bei Ihnen Gewalt?“ Und wenn er „Nein“ sagt, dann fragen Sie: „Haben Sie auch Schüler?“ Absurd.

Worauf sollte man bei einem Besuch vor Ort achten?

Auf Kleinigkeiten. Zum Beispiel: Sitzen die Menschen bei schönem Wetter im Garten? Wie riecht es? Stehen frische Blumen auf dem Tisch? Welche Musik läuft? Die Lieblingsmusik der Pfleger oder eher Musik für die Senioren? Gibt es Einzelzimmer? Kommen Fachärzte? Arbeitet man mit dem Hospiz zusammen? Sind viele Angehörige da? Letzteres ist immer ein gutes Zeichen.

Manche Angehörige haben ein schlechtes Gewissen.

Ja, weil sie wissen, dass ihr Vater oder ihre Mutter hier eigentlich nie hin wollten. Wichtig ist, dass sie regelmäßig präsent sind – selbst in gut geführten Einrichtungen – und ihre Eltern nicht im Stich lassen. Schulen und Kindergärten sucht man nach der Nähe zur eigenen Wohnung aus, bei Pflegeeinrichtungen sollte dies ebenfalls ein Kriterium sein.

Wer ist der richtige Ansprechpartner bei Beschwerden?

Neben der Heimleitung gibt es die Beschwerdestelle der Stadt, die örtliche Heimaufsicht und den Medizinischen Dienst.

Manchmal wollen die Gepflegten nicht, dass Kritik geäußert wird.

Das ist fast immer so. Eine gespenstische Situation. Würden Sie Ihr Kind in einen Kindergarten schicken, wenn es Angst vor den Erziehern hat? Ganz wichtig: Wir dürfen hier nicht alle Pflegekräfte unter Generalverdacht stellen, aber manche lassen ihre Macht leider subtil oder direkt an den alten, kranken, ausgelieferten und sterbenden Menschen aus.

Welche Druckmittel sind da zum Beispiel denkbar?

Ausschimpfen oder respektloser Umgangston. Oder Klingel, Getränke und Fernbedienung außer Reichweite legen.

In Pflege-Tests bekommen die Einrichtungen aber immer überragende Noten.

In die Tonne damit! In Baden-Württemberg gibt’s etwa die Note 1,0 und 100 Prozent Kundenzufriedenheit – das bekommen Sie nicht mal in Nordkorea hin! Der verstorbene Dieter Hildebrandt hat immer gesagt: „Das ist Realsatire!“ Kostet einen Haufen Geld, bringt nichts.

Sie kritisieren, dass gute Heime durch das System bestraft werden.

Einfach gesagt: Wir pflegen die alten Menschen „in die Betten“ – je höher die Pflegestufe, desto mehr Geld gibt es. Hier brauchen wir einen Paradigmenwechsel, einen Anreiz, dafür zu sorgen, dass die Älteren möglichst lange mobil und selbstständig bleiben. Pflegekräfte sollten auch nur noch das dokumentieren, was sie tatsächlich aufgrund des knappen Personals leisten können. Dann hätten wir die strukturellen Probleme Schwarz auf Weiß.

Sind Pflegende zu schwach organisiert?

Würden sich alle ehrlichen Pflegekräfte mit den Pflegebedürftigen, den Angehörigen und den Ärzten solidarisieren, dann hätten sie eine größere Macht als alle Lokomotivführer und Piloten zusammen.

Was kann die Politik tun?

Sich vor Ort ein Bild machen.

Manche Politiker tun das.

Ja, aber angekündigt! Das bringt nichts. Fahrkarten- und Lebensmittelkontrollen kündigt man auch nicht an. Ich plädiere eher für einen Selbstversuch der Politik und der Wohlfahrtsfunktionäre.

Das heißt?

Zum Beispiel einen ganzen Parteitag in einer Windel zu verbringen und das Hotelzimmer mit einem wildfremden Delegierten zu teilen. Das mag polemisch klingen, würde aber den Entscheidern vor Augen führen, was sie von anderen Menschen verlangen.

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