Die süße Stunde der Frauen

Die AZ traf Katja Mutschelknaus im Café Platzhirsch am Viktualienmarkt und sprach mit ihr über Kaffee, Kuchen und Kultur.
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Gemütliches Kaffeekränzchen: Autorin Katja Mutschelknaus (r.) mit AZ-Reporterin Dorina Herbst im Café Platzhirsch.
Daniel von Loeper 2 Gemütliches Kaffeekränzchen: Autorin Katja Mutschelknaus (r.) mit AZ-Reporterin Dorina Herbst im Café Platzhirsch.
Moderne Kuchen-Fans: Nach 300 Jahren lernen auch Männer den Kaffeeklatsch schätzen. Die Kellner Flo, David und Flo bei der Arbeit.
Daniel von Loeper 2 Moderne Kuchen-Fans: Nach 300 Jahren lernen auch Männer den Kaffeeklatsch schätzen. Die Kellner Flo, David und Flo bei der Arbeit.

Die AZ traf Katja Mutschelknaus im Café Platzhirsch am Viktualienmarkt und sprach mit ihr über Kaffee, Kuchen und Kultur.

Kaffeeklatsch ist weibliche Emanzipation. Jahrhundertelang durften Frauen das Haus nicht ohne ihren Gatten verlassen. Teestuben und Kaffeehäuser waren tabu. Der Kaffeeklatsch daheim bot die beste Gelegenheit, sich mit anderen Damen zu treffen. Sie plauderten über Privates, tauschten kleine Geheimnisse und den brisantesten Stadttratsch aus. Der Beginn weiblicher Gesprächskultur.

Den Männern war das nicht geheuer. Zwar verdiente so mancher Gemahl genug Geld, um seiner Teuersten eine Visitenstube für das Kaffeekränzchen einzurichten, doch beliebt war dieser Luxus bei ihm nicht. Katja Mutschelknaus schreibt in ihrem Buch „Kaffeeklatsch. Die Stunde der Frauen“: „Wohl kaum jemand hat den Kaffeeklatsch so zu bagatellisieren versucht wie die Herren der Schöpfung, die sich vor diesem zarten Ritual fürchteten wie das Soufflé vor dem Luftzug“.

Bis heute betrachten Männer das Damenkränzchen mit Argwohn. Für Frauen war und ist es die Königsdisziplin weiblicher Gastlichkeit und entspannter Gemütlichkeit.

AZ: Frau Mutschelknaus, was ist das Besondere am Kaffeeklatsch?

KATJA MUTSCHELKNAUS: Ich habe viele Frauen gefragt und alle haben gesagt: Ich kann mich in das Kaffeekränzchen fallen lassen, wie auf ein weiches Kanapee. Es ist Wellness für die Seele.

Warum ist es so beliebt?

Man kann mit relativ wenig Aufwand, etwas erschaffen, das Entspannung bringt und etwas Festliches signalisiert. Die Hausfrau muss nicht ständig in die Küche rennen, sondern sitzt mit den Freundinnen am Tisch. Sie ist bei sich selber Gast.

Ihr Kaffeeklatsch-Rekord?

Vier Stunden.

Die häufigsten Themen?

Die Frauen sprechen über ernste Themen wie Politik, Erziehung und Religion. Viele kennen sich seit Jahrzehnten und wachsen zu einer sehr vertrauten Runde zusammen.

Was darf keinesfalls fehlen?

Der Kuchen. Er war damals die Krönung des Luxus. Schwierig und mit sündhaft teuren Zutaten gemacht.

Was darf niemals auf dem Kaffeetisch landen?

Kaffeehumpen, Thermoskanne und Tiefkühlkuchen.

Die perfekte Torte?

Früher war sie fett, groß und schwer. Heute ist sie eher klein und fein. Der Kalorienwahn hat dem Kaffeeklatsch mindestens genauso arg den Gar ausgemacht wie die Berufstätigkeit.

Ist die Berufstätigkeit wirklich ein Problem?

Die Frauen hatten früher viel mehr Zeit, regelmäßig Kaffeekränzchen zu pflegen. Sie haben gebacken, dekoriert, sogar die Tischdecke selber gestickt. So viel Zeit ist Luxus.

Junges Fräulein, feine Dame oder reifere Frau – für wen ist das Kränzchen geeignet?

Kaffee und Frauen sind eine zeitlose Verbindung eingegangen. Man weiß, dass Kaffee nicht nur anregende, sondern auch entspannende Wirkungen hat. Jetzt kam raus: Er hat auch Sympathie fördernde Eigenschaften.

Stichwort Netzwerken?

Genau. Das ist gar keine moderne Geschichte. Networking haben die Frauen damals genauso gemacht. Sie hatten die Fäden in der Hand, auch wenn die Absichten andere waren.

Was für Absichten?

Dass man für die Tochter des Hauses eine gute Partie findet. Man kannte die wichtigen Familien und so konnte man brillant Heiratspolitik betreiben.

Könnte man das Kaffeekränzchen „historischen Frauenstammtisch“ nennen?

Nicht ganz. Der Männerstammtisch ist aus der Vereinskultur entstanden. Der häusliche Kaffeeklatsch war für die Frauen viel, viel mehr.

Warum?

Frauen zelebrierten dabei eine Lebensart. Sie zeigten ihren Geschmack, waren kreativ. Porzellan, Accessoires, Einrichtung, Zuckerwaren... das alles war absoluter Lifestyle – genau wie heute.

Warum spotten Männer über den Kaffeeklatsch?

Schon in der Hausväterliteratur schimpften die Männer über die Kosten der Kaffeekränzchen. Sie versuchten es den Frauen madig zu machen.

Und wie?

Sie sagten, dass das schwarze, teuflische Gebräu namens Kaffee zu Wollust führe und mit dem Tod bestraft werde. Das ist nichts anderes, als wenn Udo Jürgens „Aber bitte mit Sahne“ singt. In seinem Text essen die Frauen aus Gier und sterben zur Strafe.

Wie haben die Frauen auf die Drohungen reagiert?

Sie haben sich zur Wehr gesetzt. Aus den Kaffeekränzchen ist eine Bildungsbewegung entstanden. Katholische Lesekränzchen haben die ersten Mädchengymnasien vorangetrieben. Männer haben das Kaffeekränzchen klein geredet, weil sie genau wussten, dass es Sprengstoff ist.

Katja Mutschelknaus im Café Platzhirsch

„Dieses Buch lüftet den Schleier der Klischees, die über dem Kaffeeklatsch schweben wie das Milchschaumhäubchen auf dem Cappuccino“, sagt Katja Mutschelknaus über ihr Werk „Kaffeklatsch. Die Stunde der Frauen“. Amüsant und unterhaltsam deckt sie auf, was Damen an Kaffeekränzchen schätzen – und warum Männer ein wenig Angst davor haben. Am Sonntag, 16. 11., liest sie ab 17.30 Uhr im Café Platzhirsch aus ihrem Buch.

Café Platzhirsch, Rosental 8, Tel.: 26 45 46, Mo. - Do. 13 - 1, Fr. und Sa. 13 - 2, So. 13 - 20 Uhr

DIE BESTEN ORTE FÜR KUCHEN UND TORTE

Dresdner Stollen mit Stil

Im Kreutzkamm geht`s auch nach dem Umbau sehr gemütlich zu. Die Herrentorte isst man hier mit Stil. Nicht ganz billig ist das Vergnügen, dafür allerfeinst. Die Kreutzkamms sind übrigens aus Dresden. Ihr Stollen ist also echt und exquisit.

Café Kreutzkamm, Maffeistr. 4, Tel.: 29 32 77, Mo. - Fr. 8 - 19, Sa. 8.30 - 19 Uhr, Sonn- und Feiertage von 12 - 18 Uhr

Im Torten- und Strudelparadies

60 wunderbare Torten und raffinierte Strudel, 32 Eissorten und vieles mehr: Im Traditions-Café Münchner Freiheit der Familie Eisenrieder kommen Genießer auf ihre Kosten.

Café Münchner Freiheit, Münchner Freiheit 20,Tel.: 33 00 79 90, Mo. bis So. von 6.30 bis 20 Uhr.

Ausflug ins Schlaraffenland

Etwas versteckt, hinter dem Gasteig in Haidhausen, liegt die kleine Konditorei Wölfl. Der süße Geruch aus der Backstube, ein Blick in die Kuchentheke und es ist geschehen: Man möchte immer wieder kommen – selbst sonntags, wenn schon mal mit Wartezeiten gerechnet werden muss.

Café Konditorei Wölfl, Kellerstraße 17, Tel.: 48 12 71, Mo. - Fr. 8 - 18, Sa. 8 - 17, So. 10 - 17 Uhr

Charmant, verrückt und gemütlich

Kleine Stühle, Sitzkissen im Schaufenster und eine Verkaufsecke voller kuriosem Krimskrams – die Aroma-Kaffeebar hat ihre speziellen, aber charmanten Eigenarten. Die Atmosphäre ist urgemütlich. Der Milchkaffee, der Kuchen, die Schnecken und die feinen Törtchen sind nur eins: eine Sünde wert!

Aroma-Kaffeebar, Pestalozzistraße 24, Tel.: 26 94 92 49, Öffnungszeiten: Mo. - Fr. 7 - 20 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertags 9 - 20 Uhr

Dorina Herbst

Gemütliches Kaffeekränzchen: Autorin Katja Mutschelknaus (r.) mit AZ-Reporterin Dorina Herbst im Café Platzhirsch.
© Daniel von Loeper
Moderne Kuchen-Fans: Nach 300 Jahren lernen auch Männer den Kaffeeklatsch schätzen. Die Kellner Flo, David und Flo bei der Arbeit.
© Daniel von Loeper
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