Die Stadt im 19. Jahrhundert: Bilder aus dem ur-alten München

Die Stadt, wie sie im 19. Jahrhundert ausgesehen hat, gibt es nur noch in Anklängen. Ein Bildband führt zurück in die Vergangenheit Münchens und zu den Anfängen der Fotografie in Deutschland.
Thomas Müller
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1850: Der riesige Kopf der Bavaria steht im Hof der Erzgießerei von Ferdinand von Miller in der Erzgießereistraße am westlichen Rand der Maxvorstadt. Anschließend wurde er feierlich zur Theresienwiese gefahren.
Stadtarchiv München 14 1850: Der riesige Kopf der Bavaria steht im Hof der Erzgießerei von Ferdinand von Miller in der Erzgießereistraße am westlichen Rand der Maxvorstadt. Anschließend wurde er feierlich zur Theresienwiese gefahren.
1837: Das allererste Foto! Die Frauentürme sind deutlich zu erkennen.
Stadtarchiv München 14 1837: Das allererste Foto! Die Frauentürme sind deutlich zu erkennen.
25. August 1880: Festlich geschmückt ist die Mariensäule zum Jubiläum „700 Jahre Wittelsbacher in Bayern“. Hinten rechts: der imposante Bau vom alten Donisl.
Stadtarchiv München 14 25. August 1880: Festlich geschmückt ist die Mariensäule zum Jubiläum „700 Jahre Wittelsbacher in Bayern“. Hinten rechts: der imposante Bau vom alten Donisl.
1860 am alten Hauptbahnhof mit Blick Richtung Altstadt: Personal und Fahrgäste warten auf den Zug.
Stadtarchiv München 14 1860 am alten Hauptbahnhof mit Blick Richtung Altstadt: Personal und Fahrgäste warten auf den Zug.
Armut gab’s in München immer schon: Hier ein Blick 1904 in die öffentliche Speisehalle für Bedürftige in der Hotterstraße in der Altstadt.
Stadtarchiv München 14 Armut gab’s in München immer schon: Hier ein Blick 1904 in die öffentliche Speisehalle für Bedürftige in der Hotterstraße in der Altstadt.
Das Künstleratelier von Wilhelm von Kaulbach 1874 in der Oberen Gartenstraße, die später nach dem Malerfürsten benannt worden ist.
Stadtarchiv München 14 Das Künstleratelier von Wilhelm von Kaulbach 1874 in der Oberen Gartenstraße, die später nach dem Malerfürsten benannt worden ist.
1889: Was das hier mal wird? Die St.-Anna-Pfarrkirche im Lehel des Architekten Gabriel von Seidl, die hier noch im Bau ist.
Stadtarchiv München 14 1889: Was das hier mal wird? Die St.-Anna-Pfarrkirche im Lehel des Architekten Gabriel von Seidl, die hier noch im Bau ist.
1910: Ein Kaiser’s Kaffeegeschäft an der Schellingstraße, Ecke Türkenstraße. Später hat die Supermarkt-Gruppe Tengelmann Kaiser’s übernommen.
Stadtarchiv München 14 1910: Ein Kaiser’s Kaffeegeschäft an der Schellingstraße, Ecke Türkenstraße. Später hat die Supermarkt-Gruppe Tengelmann Kaiser’s übernommen.
Ganz schön was los auf dem Viktualienmarkt 1865: viele kleine Standl, dahinter die Schrannenhalle und ganz rechts noch viel von der alten mittelalterlichen Bebauung.
Stadtarchiv München 14 Ganz schön was los auf dem Viktualienmarkt 1865: viele kleine Standl, dahinter die Schrannenhalle und ganz rechts noch viel von der alten mittelalterlichen Bebauung.
1890: Das Wöstermayr-Bad an der Müller-, Ecke Hans-Sachs-Straße. Nur fünf Jahre später kam das Aus für das 1781 errichtete Gesundheitsbad.
Stadtarchiv München 14 1890: Das Wöstermayr-Bad an der Müller-, Ecke Hans-Sachs-Straße. Nur fünf Jahre später kam das Aus für das 1781 errichtete Gesundheitsbad.
1910: Wer kennt diesen Innenhof? Das ist der Hof vom Hofbräuhaus. Ein Andenkenverkäufer und eine Breznverkäuferin bieten den nicht gerade zahlreichen Gästen ihre Waren an.
Stadtarchiv München 14 1910: Wer kennt diesen Innenhof? Das ist der Hof vom Hofbräuhaus. Ein Andenkenverkäufer und eine Breznverkäuferin bieten den nicht gerade zahlreichen Gästen ihre Waren an.
19. Juni 1886: Staatstrauer! Der Trauerzug mit dem Leichnam Ludwigs II. vor der Michaelskirche. Das Volk bleibt erst mal ausgesperrt und muss hinten in der Kaufingerstraße ausharren.
Stadtarchiv München 14 19. Juni 1886: Staatstrauer! Der Trauerzug mit dem Leichnam Ludwigs II. vor der Michaelskirche. Das Volk bleibt erst mal ausgesperrt und muss hinten in der Kaufingerstraße ausharren.
Eine Kinderschar hat sich aufgereiht 1895 vor einem baufälligen Vorstadthaus in der Inneren Isarstraße (heute: Reitmorstraße). Vom hochnoblen Lehel ist hier noch (fast, siehe links hinten!) nichts zu sehen.
Stadtarchiv München 14 Eine Kinderschar hat sich aufgereiht 1895 vor einem baufälligen Vorstadthaus in der Inneren Isarstraße (heute: Reitmorstraße). Vom hochnoblen Lehel ist hier noch (fast, siehe links hinten!) nichts zu sehen.
Stadtarchiv München 14

Gut 2,5 Millionen Fotos hat das Münchner Stadtmuseum in seinen Beständen – die größte und bedeutendste Sammlung in einem Kommunalarchiv in ganz Deutschland. Der Schirmer/Mosel Verlag hat, zusammen mit der früheren Leiterin des Foto-Archivs Elisabeth Angermair, einen Bildband gezaubert, der nicht nur das alte München zeigt vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, sondern das ur-alte München im 19. Jahrhundert und weiter bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914.

Das erste Foto Deutschlands

Im Fokus der zweiten Neuauflage des prächtigen Bildbands steht auch die erste Fotografie Deutschlands: eine Aufnahme der Frauentürme von 1837 durch Franz von Kobell und Carl August Steinheil, der die Kamera dazu erschaffen hatte. Das erste Foto Deutschlands! Wenn nicht sogar der ganzen Welt: Als Geburtsjahr der Fotografie gilt zwar seit jeher das Jahr 1839, als Louis Jacques Mandé Daguerre in Paris sein Verfahren der Daguerreotypie vorgestellt hatte. Kobell und Steinheil dagegen hatten bereits 1837 fotografiert – die handschriftliche Datierung auf ihrem Foto von den Frauentürmen wurde erst 2024 entdeckt. Ihren Erfolg aber stellten sie erst nach Daguerre in München vor, wie in dem Buch anschaulich nachzulesen ist.

Historiker entdeckt Foto im Keller des Deutschen Museums

Entdeckt freilich, und das steht nicht in dem Bildband, sollte aber nicht unerwähnt bleiben, hatte das Ur-Münchner Foto der Münchner Fotograf und Historiker Heinz Gebhardt – im Keller des Deutschen Museums. Er schrieb ein Buch darüber und richtete 1978 eine Ausstellung im Stadtmuseum dazu aus.

In der Schau waren damals sämtliche Originale von Kobell und Steinheil ausgestellt. "Die Datierung lautete damals zwar nicht 1837 sondern 1838, aber immerhin ein Jahr vor der Bekanntgabe von Daguerre", so Gebhardt zur AZ. Der Grund: Er durfte die Fotos zwar ausstellen, aber nicht anfassen. Und so blieb der handschriftliche Vermerk "1837" auf der Rückseite damals noch unentdeckt...

"Auf diese drei Bände bin ich schon ein bisschen stolz"

Aber – der gewichtige Bildband hat noch viel mehr zu bieten. Ausgehend vom 360-Grad-Panorama der Stadt, das Georg Böttger 1858 vom Alten Peter aus aufgenommen hatte, wird das ur-alte München vorgestellt. Ausgehend von der Altstadt und weiter raus in alle Himmelsrichtungen über imposante Dachlandschaften und mehrstöckige Speicher in die damals noch dörflichen und gar nicht herrschaftlichen Vorstädte Münchens, in denen windschiefe Herbergen das Leben der Kleinhäusler vor der Stadt bestimmt haben.

Mit dem neu aufgelegten Bildband "München im 19. Jahrhundert" (49,80 Euro), dem Bildband über das Ruinenleben Münchens "Memento 1945" (48 Euro) und dem gleichfalls neu aufgelegten Bildband "München in Farbe, 108 Stadtbilder von 2009 bis 2025" des Fotografen Rainer Viertlböck (49,80 Euro) hat der Verlag Schirmer/Mosel drei gewichtige Standardwerke über die Stadt geschaffen, die eigentlich in jedem Bücherschrank zu finden sein sollten. Wie meint doch Verleger Lothar Schirmer (81) zur AZ? "Auf diese drei Bände bin ich schon ein bisschen stolz." Das darf er auch sein.

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