"Die Leistung steht nicht im Vordergrund": Warum eine Münchner Hundetrainerin Mantrailing-Kurse anbietet
Konzentriert kneift Hündin Allie die Augen zusammen, streckt die Schnauze in die Luft und schnuppert. Bis hierhin konnte die Mischlingsdame der Spur durch den Schwabinger Norden zielsicher folgen. Nun tippelt sie etwas ratlos auf und ab und sieht unschlüssig zu ihrem Frauchen.
"Mantrailing": Für Hunde ein Hochleistungssport
Das, was Allie da macht, nennt sich "Mantrailing", zu deutsch: Personensuche. Für Hunde ein Hochleistungssport. Um einer Fährte zu folgen, atmen die Tiere bis zu 300 Mal pro Minute Luft durch die Nase ein und wieder aus. Kaum vorstellbar für einen Menschen, der in Ruhe auf etwa 18 Atemzüge kommt.
Hunde haben bis zu 250 Millionen Riechzellen
Und auch in Sachen Geruchssinn sind uns die Spürnasen weit überlegen. Während Menschen lediglich fünf Millionen Riechzellen haben, sind es bei Hunden bis zu 250 Millionen.
Damit vollbringen sie wahre Wunder. Über Kilometer können sie den Geruch eines Individuums aus Tausenden anderen herausschnuppern und seine Route verfolgen.
Suchhunde unterstützen Polizei bei vermissten Personen, Drogen oder Sprengstoff
Seit Jahrhunderten werden Hunde deshalb bei der Jagd eingesetzt: Mit ihren feinen Nasen spüren sie Wild im dichten Unterholz, aber auch über weite Felder auf. Heute sind sie außerdem ein fester Bestandteil der Polizei. Sie unterstützen bei der Suche nach vermissten Personen, Drogen oder Sprengstoff. Sogar geschmuggeltes Bargeld können sie erschnüffeln.
Anna Genske aus München: Sie trainiert Hunde zu Höchstleistungen
Und selbst in der Humanmedizin spielen sie zunehmend eine Rolle. Denn Hunde sind in der Lage, kleinste Veränderungen im menschlichen Körper zu wittern. So gibt es etwa Diabetiker-Warnhunde, die ihr Herrchen oder Frauchen sogar nachts wecken, wenn sie eine gefährliche Unterzuckerung wahrnehmen.
In all diesen Bereichen werden allerdings nur professionell ausgebildete Hunde eingesetzt. Die Vierbeiner müssen dabei ein intensives Training durchlaufen und Prüfungen bestehen. Dass das Training des komplexen Riechorgans aber für jeden Hund sinnvoll sein kann und nicht immer einen höheren Zweck für den Menschen erfüllen muss, davon ist die Hundetrainerin Anna Genske aus München überzeugt.

Zahlreiche Kurse zum Verhaltenstraining von Hunden
Vergangenes Jahr hat sich die 38-Jährige mit ihrem Unternehmen "Luna lernt" selbstständig gemacht. In ihrem Angebot finden sich verschiedene Kurse zum Verhaltenstraining von Hunden, von denen einige auch online absolviert werden können. Dazu gehört zum Beispiel der Online-Kurs "Wie kann ich meinen Hund entspannt alleine zu Hause lassen?".
Darüber hinaus bietet sie einen Gassiservice sowie sogenannte Social Walks an, bei denen Hunde und ihre Halter den entspannten Umgang mit Artgenossen und anderen Menschen lernen.
Mantrailing: "Die Leistung steht nicht im Vordergrund"
Seit einiger Zeit kann man bei Anna Genske auch Mantrailing-Kurse buchen. Allerdings nicht mit dem Ziel, dass die tierischen Kursteilnehmer einmal tatsächlich bei der Suche von vermissten Personen eingesetzt werden. Sondern: "Mir ist wichtig, dass nicht die Leistung im Vordergrund steht. Die kommt oft von ganz alleine, wenn man das Trailen bedürfnisorientiert für den Hund gestaltet", sagt die Trainerin.
Genau hier setzt ihre Trainingsphilosophie an: "Beim Mantrailen fördert man das, was der Hund von Natur aus gut kann. Das macht dem Hund Spaß und nebenbei entwickelt er ein größeres Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen - was sich wiederum auf den Alltag auswirkt", erklärt die 38-Jährige.
Hundetrainerin: Viele Halter haben Schwierigkeiten mit ihren Hunden
Zu Anna Genske kämen häufig Halter, die Schwierigkeiten mit ihren Hunden haben. Etwa weil sie Angst vor anderen Menschen hätten oder aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen zeigten. "Im Alltag dreht sich bei ihnen viel um das Problem - zum Beispiel, dass andere Menschen komisch gucken, weil ihr Hund viel bellt, oder, dass sie blöde Sprüche aus ihrem Umfeld bekommen. Da ist es schön, wenn es mal nicht darum geht, sondern darum, was ihr Hund kann."
Das Training stärke also nicht nur das Selbstbewusstsein des Vierbeiners, sondern auch das des Besitzers. "Es ist so schön, zu sehen, wenn die Halter plötzlich umschwenken, ein Strahlen im Gesicht bekommen und stolz darauf sind, was ihr Hund kann", sagt die Münchnerin und strahlt bei dem Gedanken selbst.
Mischlingshündin Allie hat schon 20 Maintrailing-Stunden absolviert
Zurück zu Mischlingsdame Allie: Die vierjährige Hündin hat mit ihrem Frauchen Tanja schon etwa 20 Mantrailing-Stunden absolviert. Nun steht sie vor einer neuen Herausforderung: Ihre heutige Suchroute führt durch eine Unterführung für Fußgänger und Radfahrer.

Kursleiterin und Hundetrainerin Genske erklärt, weshalb das so knifflig ist: "So ein Tunnel ist wie eine Waschmaschine mit Geruchspartikeln - die Luftströme wirbeln alles durcheinander." Kein Wunder also, dass Allie an diesem Punkt ins Stocken gerät. Ein kleiner Tipp vom Frauchen hilft. Blitzschnell kann die Hündin die Fährte wieder aufnehmen und hastet in den Tunnel.
Mantrailing-Kurs: Hunde müssen Person mittels Waschlappen finden
Der ist an diesem Nachmittag gut besucht. Etliche Radfahrer preschen vorbei, während daneben Fußgänger ihre Einkaufstaschen nach Hause schleppen. Immer wieder wird es eng. Eigentlich ist die vierjährige Allie ein unsicherer Hund. Davon ist in diesem Moment nichts zu merken.
Die Mischlingsdame aus dem Tierschutz lässt sich nicht beirren.
Zeit dafür bleibt ihr ohnehin nicht - denn sie hat eine Mission. Und zwar die Person zu finden, an deren Waschlappen sie wenige Minuten zuvor schnuppern durfte.
Den besagten Waschlappen hat eine Kursteilnehmerin mitgebracht. Damit das Stück Stoff reichlich nach ihr riecht, hat sie es den ganzen Tag eng am Körper getragen, erzählt sie der AZ. Die vielen Geruchsmoleküle, die nun zwischen den Fasern haften, sind der Schlüssel für Hündin Allie.
Menschen verlieren etwa 40.000 Hautzellen pro Minute
Inwiefern, erklärt Hundetrainerin Anna Genske: "Wir verlieren die ganze Zeit Zehntausende Hautzellen. Etwa 40.000 pro Minute. Wenn wir irgendwo entlang gehen, hinterlassen wir eine Spur, und der versucht der Hund zu folgen."
Flink huscht Allie durch den Tunnel. Schnuppert mal rechts, mal links und stößt hin und wieder einen kräftigen Schwall Luft aus. Als sie aus dem Tunnel ins Freie tritt, ist die kleine Mischlingsdame kaum mehr zu halten. Zielsicher wirft sie sich ins Geschirr und stiert in Richtung einer Parkanlage. Frauchen und Trainerin haben Mühe, Schritt zu halten.
Die Hündin hatte den richtigen Riecher: Auf einer Parkbank wartet die Eigentümerin des Waschlappens. In der Hand hält sie eine offene Tupperdose bereit. Darin: klein geschnittene Wiener. In Sekundenschnelle hat Allie ihre Belohnung verputzt und blickt nun zufrieden drein. Sie hat jetzt Pause.
Später wird sie noch einmal trailen. Doch zuvor ist Lila an der Reihe, eine schwarze Ridgeback-Weimaraner-Hündin mit jahrelanger Erfahrung.

Wichtiger Bestandteil des Mantrailing-Trainings: die Belohnung danach
Lila und ihr Frauchen Tina sind, was Mantrailing betrifft, bereits alte Hasen. Seit Lila ein Jahr alt ist, trainieren die beiden zusammen. Heute soll die vierjährige Hündin noch einmal mehr gefordert werden. Ihre Route führt mehrere Hundert Meter um ein Hochhaus und endet hinter einer Tür. Um genauer zu sein, hinter der Schiebetür eines Hotels. Hunderte Menschen gehen hier täglich ein und aus. Lila muss sich also in einem Potpourri verschiedenster Gerüche zurechtfinden.
Doch der Hündin kann man nichts vormachen. Zielsicher trabt sie über den Vorplatz des Hotels in Richtung des Eingangs. Immer der Nase nach landet sie vor der Schiebetür, löst den Bewegungsmelder aus und verschwindet im Vorraum.
Dort wartet ihre Versteckperson mit einem echten Schmankerl auf sie: Nassfutter mit Joghurt. Ausgiebig schleckt Lila aus der Dose und trottet anschließend zufrieden mit ihrem Frauchen zurück ins Freie.
Jetzt ist wieder Mischlingsdame Allie an der Reihe - und die weiß ganz genau: Wer suchet, der findet Wiener.
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