Die hilfreiche Faszien-Technik: So behandelt eine Münchner Yogalehrerin Körper und Geist

Lärm, Tempo, Reizüberflutung – unser Alltag zieht die Aufmerksamkeit ständig nach außen. Der Kontakt zum eigenen Inneren geht dabei oft verloren.
Somatisches Yin Yoga schafft bewusst einen Gegenraum: ruhig, langsam und nach innen gerichtet. In Verbindung mit Prinzipien der Vipassana-Meditation entsteht eine Praxis, in der Sie wieder lernen, zu spüren statt zu funktionieren. „Somatisch“ leitet sich vom griechischen „Soma“ ab und meint den Körper als gelebte Erfahrung. Im Mittelpunkt steht also nicht die äußere Form, sondern das, was Sie von innen wahrnehmen.
Sie beobachten Empfindungen, Gedanken und Reaktionen – ohne sie zu bewerten. Neben Dehnung und Muskelspannung treten feinere Wahrnehmungen in den Vordergrund: Propriozeption (Lage und Bewegung im Raum) und Interozeption (innere Zustände wie Atmung, Herzschlag oder Emotionen). Diese Wahrnehmung ist immer individuell geprägt.
Eine Schlüsselrolle spielt das Fasziengewebe – ein sensibles Netzwerk im ganzen Körper. Es reagiert besonders auf langsame, achtsame Dehnung.
Genau hier setzt Yin Yoga an: Sie verweilen mehrere Minuten in einer Haltung und lernen, auch bei intensiveren Empfindungen ruhig zu bleiben. Das Nervensystem kann sich regulieren, innere Spannungen dürfen sich lösen.
Auch die Vipassana-Meditation folgt diesem Prinzip. Ihr Kerngedanke: Alles entsteht und vergeht. Sie üben, Empfindungen mit Gleichmut zu betrachten. Dabei können auch alte Muster sichtbar werden. Ziel ist nicht, sie zu verändern, sondern sie wahrzunehmen.
Das wirkt sowohl mental als auch körperlich: Emotionen können verarbeitet und das Nervensystem kann stabilisiert werden.
Wichtig ist ein achtsamer Umgang mit den eigenen Grenzen – besonders bei sensiblen Erfahrungen. Gehen Sie nur so weit, wie es sich stimmig anfühlt. Unterstützen Sie Ihren Körper und orientieren Sie sich an einer Intensität, die noch Wohlwollen zulässt.
Faszien-Techniken: So üben Sie richtig
Richten Sie jede Haltung sorgfältig ein, stützen Sie empfindliche Bereiche. Bleiben Sie drei bis zehn Minuten darin und beobachten Sie Ihre Empfindungen von innen heraus. Lösen Sie die Position langsam auf und spüren Sie nach.
Liegender Schmetterling

Leitsatz: „Ich bin bei mir, ich bin genug, ich bin sicher.“
In Rückenlage sinken die Knie nach außen, die Fußsohlen berühren sich. Unterstützen Sie die Beine bei Bedarf.
Somatischer Aspekt: Spüren Sie Ihre Fußsohlen, Temperatur, Kontaktpunkte zum Boden. Nehmen Sie Empfindungen wie Kribbeln oder Pulsieren wahr. Lenken Sie den Atem von einer Hand über das Herz zur anderen.
Vorsicht bei: Bandscheibenerkrankungen, Schmerzen im unteren Rücken, Gebärmuttersenkung.
Liegender Baum

Leitsatz: „Es darf sich alles entwirren, was nicht mehr zu mir passt.“
Ein Fuß ist aufgestellt, das Knie sinkt nach außen. Die Arme liegen entspannt über dem Kopf.
Somatischer Aspekt: Nehmen Sie Unterschiede zwischen den Körperseiten wahr. Spüren Sie Weite, Asymmetrie oder auch Neutralität. Lassen Sie den Atem über Flanken und Arme fließen.
Vorsicht bei: Schmerzen im unteren Rücken.
Korkenzieher

Leitsatz: „Ich bin bei mir, ich darf mich sicher fühlen.“
Führen Sie ein Knie zur Gegenseite und kommen Sie in eine sanfte Drehung.
Somatischer Aspekt: Spüren Sie die Rotation der Wirbelsäule. Lassen Sie Becken und Bein schwer werden und sinken Sie mit jeder Ausatmung tiefer.
Vorsicht bei: Schwangerschaft, HWS- und Rückenbeschwerden.
Libelle

Leitsatz: „Ich bin bei mir, ich darf mich sicher fühlen.“
Im Sitzen öffnen Sie die Beine und beugen sich langsam nach vorn.
Somatischer Aspekt: Spüren Sie Dehnung in den Beinen, Ihre Stimmung und den Atem im Beckenraum. Nehmen Sie sich Raum – ohne Druck.
Vorsicht bei: Schmerzen im unteren Rücken oder Bandscheibenerkrankungen (ggf. aufrecht bleiben).
Sitzender Schmetterling

Leitsatz: „Ich bin schützend von unendlicher Liebe und Weisheit umgeben.“
Die Fußsohlen berühren sich, Oberkörper sinkt nach vorne.
Somatischer Aspekt: Beobachten Sie die Öffnung der Hüften. Spüren Sie Ihre Grenzen und lenken Sie die Aufmerksamkeit entlang der Körpermittellinie.
Vorsicht bei: Ischiasbeschwerden oder Bandscheibenvorfall (aufrecht bleiben). Bei Nackenproblemen Kopf abstützen.
Raupe

Leitsatz: „Manchmal ist Rückzug keine Flucht, sondern tiefste Selbstfürsorge.“
Im Langsitz sinken Sie mit rundem Rücken nach vorne.
Somatischer Aspekt: Nehmen Sie alles wahr, was da ist – körperlich und emotional. Bleiben Sie beobachtend und lassen Sie die Empfindungen zu.
Vorsicht bei: Empfindlichen Knien oder stark verkürzten Beinrückseiten (unterstützen).
Herzöffnung

Leitsatz: „Ich darf mich öffnen, ohne etwas beweisen zu müssen.“
Mit Unterstützung unter Rücken und Kopf kommen Sie in eine sanfte Rückbeuge.
Somatischer Aspekt: Spüren Sie Ihren Herzraum und den Atem. Lassen Sie Weite und Vertrauen entstehen.
Ausgleich: Knie zur Brust.
Vorsicht bei: Rücken-, Schulter- oder Nackenbeschwerden.
Shavasana

Leitsatz: „Ich bin. Ich lebe. Ich darf ruhen.“
In Rückenlage lassen Sie den Körper vollständig los. Genießen Sie die Schluss-Entspannung.
Somatischer Aspekt: Beobachten Sie den Atem, ohne einzugreifen. Der Körper darf regenerieren, das Nervensystem zur Ruhe kommen.
Somatisches Yin Yoga ist keine Frage von Leistung – sondern eine Einladung, sich selbst wieder zu spüren.
Doris Iding ist Achtsamkeitscoach und lehrt auch Meditationsübungen (glueckundachtsamkeit.de)