Die Münchner Fan-Versteher feiern 25. Jubiläum

Sozialarbeit mit Fußball-Anhängern? Das war vor einem Vierteljahrhundert Neuland. Jetzt feiert das Fanprojekt Jubiläum. Und zieht in der AZ Bilanz.
| Felix Müller
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Sozialarbeiter mit eigenem U-Bahn-Zug (v.l.): Jochen Kaufmann, Lothar Langer und Thomas Emmes vom Fanprojekt auf dem Bahnwärter-Thiel-Gelände.
Bernd Wackerbauer Sozialarbeiter mit eigenem U-Bahn-Zug (v.l.): Jochen Kaufmann, Lothar Langer und Thomas Emmes vom Fanprojekt auf dem Bahnwärter-Thiel-Gelände.

München - Kürzlich gab es im Rathaus eine Panne. Beinahe wären neue Regeln beschlossen worden, die an Spieltagen rund ums Grünwalder Stadion und die Arena gelten sollten, da stellten Politiker verschiedener Parteien fest, dass ja das Fanprojekt vor der Entscheidung gar nicht angehört worden war.

Der Stadtrat vertagte sich – weil es selbstverständlich keine Entscheidungen mehr gibt, vor denen man nicht die Praktiker anhört, die die Fanszenen so gut kennen, immer vor Ort sind, bei Konflikten zwischen Polizei und Jugendlichen vermitteln. Wie ernst man die Sozialarbeiter vom Fanprojekt der Arbeiterwohlfahrt in der Stadt-Politik nimmt, sagt viel aus darüber, was schon erreicht wurde. Denn zu den Anfängen des Fanprojekts, das vor 25 Jahren gegründet wurde, war das völlig anders.

Anfangszeit: "Mit den Behörden war das nicht auf Augenhöhe."

Lothar Langer war schon damals dabei. Jetzt sitzt er an einem heißen August-Tag auf dem Bahnwärter-Thiel-Gelände im Schlachthofviertel auf einer Bierbank im Schatten. Auch dieser Ort hat eine Symbolik, die Fanprojekt-Mitarbeiter haben hier zwischen besprühten Containern und Biergarten-Betrieb einen alten U-Bahn-Zug bezogen. Vorläufig bis Ende des Jahres sind sie hier für ihr Klientel ansprechbar. Mitten in der Stadt, da, wo sich junge Leute aufhalten.

In der Anfangszeit war alles noch viel schwieriger, erinnert sich Langer. "Mit den Behörden war das überhaupt nicht auf Augenhöhe." Und mit den Fußball-Fans? Langer ist kein studierter Sozialarbeiter wie die meisten anderen Fanprojektler, er kommt selbst ursprünglich aus der gewaltbereiten Fanszene der Löwen. Sowas kann die Akzeptanz bei den Fans erhöhen. Einerseits. "Andererseits bin ich zum Beispiel dafür, dass wir mit Behörden zusammenarbeiten, am Anfang auch viel härter angegangen worden", sagt er. Zu den Jugendlichen, die damals die ersten Ultra-Gruppen gründeten, sei der Kontakt von Anfang an gut gewesen, eher die Älteren hätten das Fanprojekt kritisch beäugt. Damals hatte man ein Büro am Johannisplatz, seit ein paar Jahren ist man in Fröttmaning nahe der Arena – und jetzt zusätzlich im U-Bahn-Zug am Viehhof.

"Heute gibt es beim Fußball viel weniger Gewalt als früher"

Heute sind die Ultra-Fans die mit Abstand sichtbarste Jugendkultur der Stadt, ihre Aufkleber und Graffiti sind in Kneipen, Unterführungen, an Stromkästen allgegenwärtig – in den Fankurven sind die großen Gruppen stilprägend und organisieren Choreographien und andere Aktionen. Der Ansprechpartner und Vermittler bei Problemen ist für viele dieser Leute das Fanprojekt.

Die Sozialarbeiter sind bei allen Heim- und Auswärtsspielen dabei, die Fanszenen treffen sich vor Heimspielen am Streetwork-Bus – an der Arena beziehungsweise in Giesing am Candidplatz. Sie können sich dort sammeln, ihre Stände aufbauen, grillen oder T-Shirts und Karten für die nächste Auswärtsfahrt verkaufen – und fühlen sich für diese Orte verantwortlich. Ein Erfolgskonzept, das auch die Polizei anerkennt.

Probleme gibt es dort an Spieltagen eigentlich nie. Wie es überhaupt sehr viel weniger Probleme als früher gibt, so sehen es die Praktiker. Auch Thomas Emmes sitzt am Bahnwärter Thiel im Schatten. Er ist für die Fanszene des FC Bayern zuständig. Auf die Frage, was ihre Arbeit vor allem von der vor 25 Jahren unterscheidet, sagt er sofort: "Es gibt viel weniger Gewalt." Das mag manchen Beobachter überraschen, doch auch viele Fans, die schon lange dabei sind, bestätigen, dass es früher beim Fußball in München deutlich rauer zuging.

Graffiti-Workshops und Fahrten zu KZ-Gedenkstätten

Das Fanprojekt mag mit seiner Arbeit dazu beitragen. Leiter Jochen Kaufmann und seine Leute werben immer auch um Verständnis für die Jugendlichen, die ihre Freiheiten bräuchten, gelegentlich für Nichtigkeiten "kriminalisiert" würden. Alles positiv sehen sie freilich nicht. "Die Fans waren vor 20 Jahren unbefangener unterwegs", sagt zum Beispiel Kaufmann. Langer sagt: "Früher gab es mehr Fans, für die Fußball nur am Wochenende war.

Die organisierten Fans sind heute sieben Tage die Woche mit ihren Gruppen beschäftigt." Einen "extrem hohen Organisationsgrad" stellen sie innerhalb der Münchner Fanszenen fest – aber auch zwischen den Szenen bundesweit. Sie glauben, dass die großen Gruppen deshalb auch die Corona-bedingte Stadion-Pause unbeschadet überstehen werden – obwohl viele Ultras wohl erst wieder ins Stadion gehen dürften, wenn die Stehplatz-Bereiche wieder ohne große Auflagen geöffnet sind.

Die Fanprojektler werden dann auf jeden Fall da sein, klar. Wie sie auch jetzt in diesen Monaten an Spieltagen unterwegs waren, dann eben an Giesinger Kneipen oder irgendwo an der Isar, wo sich Bayern-Fans trafen. Klassische Streetwork eben. Aber sie bieten auch ganz andere Dinge an, Fußball-Turniere, Graffiti-Workshops – und auch schon lange Fahrten zu KZ-Gedenkstätten.

Und so bleibt zum Schluss im Schatten der besprühten Fanprojekt-U-Bahn im Schlachthofviertel noch die Frage, was denn am meisten Spaß macht an dieser ganz besonderen Sozialarbeiter-Arbeit. "Draußen sein und mit Menschen zu tun haben", sagt Langer, der Sozialarbeiter, der kein Sozialarbeiter ist. "Eigentlich die Aktionen abseits der Spieltage, das macht es so vielfältig", sagt Emmes. Und Kaufmann sagt: "Die Zeit mit den Jugendlichen macht viel mehr Spaß als die Arbeit mit Behörden und Politik." Wenn die sich dann am Ende wieder mal doch nach dem Rat des Fanprojekts richten, soll es den jugendlichen Fußball-Fans aber auch recht sein.

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