Die eingemottete Opern-Spielstätte

Der Münchner Pavillon 21 droht zur Investitionsruine zu werden: Der Pavillon mottet in Containern vor sich hin, irgendwo auf einem Lagerplatz bei Regensburg. Zukunft ungewiss.
| dapd, Georg Etscheit
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Passanten gehen in Muenchen an der Spielstaette "Pavillon 21 Mini Opera Space" vorbei ueber den Marstallplatz (Foto vom 14.06.10).
AP Passanten gehen in Muenchen an der Spielstaette "Pavillon 21 Mini Opera Space" vorbei ueber den Marstallplatz (Foto vom 14.06.10).

München - Es sah aus, als sei ein Ufo auf dem Marstallplatz im noblen Herzen Münchens gelandet. Doch der silberne, mit bizarren Stacheln besetzte Kasten kann nicht fliegen. Er muss, verpackt in 20 Seecontainer, mühsam und teuer auf- und wieder abgebaut werden. Und weil auch das Geld dazu nicht vom Himmel fällt, hat die Bayerische Staatsoper ein Problem: Ihre Off-Spielstätte mit dem komplizierten Namen Pavillon 21 MINI Opera Space droht zur Investitionsruine zu werden.

Konstruiert hatte den Bau, der über 300 Sitzplätze verfügt und, so Staatsopernchef Nikolaus Bachler, Raum für „ungewohnte Formate des Musiktheaters“ bieten sollte, kein Geringerer als der Wiener Stararchitekt Wolf D. Prix, Gründer des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. Prix und seine Leute beglücken die Welt seit mehr als 40 Jahren mit Bauten im Stil des Dekonstruktivismus, die zuweilen so aussehen, als besäßen ihre Planer die Fähigkeit, die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen. In München bauten Coop Himmelb(l)au den verschachtelten Anbau der Kunstakademie und die futuristische BMW Welt.

Erstmals wurde der Pavillon 21 auf dem Marstallplatz zu den Münchner Opernfestspielen 2010 aufgeschlagen. Künstlerisch in Erinnerung blieb vor allem einer der letzten Auftritte des Regisseurs Christoph Schlingensief, der wenig später seinem Lungenkrebs erlag. Im vergangenen Jahr durfte der junge tschechische Komponist Miroslav Srnka im Pavillon 21 seine erste „abendfüllende“ Oper präsentieren. Außerdem gab es allerlei „junge“ Kunst- und Amüsierangebote: Performances, Clubbing, Barbetrieb.

Geräuscharm verschwand das silberne Gehäuse danach in der Versenkung. Dabei hätte die Oper ihre spleenige Spielstätte auch zu den diesjährigen Opernfestspielen mit ihrem breiten Beiprogramm zu Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ wohl gut gebrauchen können. Doch offenbar kam ein erneuter Aufbau aus Kostengründen nicht in Frage. Dem Vernehmen hätte dies eine halbe Million Euro gekostet. Also mottet der Pavillon einstweilen in Containern vor sich hin, irgendwo auf einem Lagerplatz bei Regensburg. Zukunft ungewiss.

Reisen undenkbar

Mehr als zwei Millionen Euro hatte das Opernhaus en miniature gekostet. Die Mittel wurden von der Staatsoper selbst, dem Freistaat Bayern und privaten Sponsoren aufgebracht. Damit sich der happige Preis für Prix' und Bachlers Kopfgeburt auch lohnt, sollte der Bau national und international auf Reisen gehen und die Staatsoper in europäischen Großstädten als lohnendes Reiseziel präsentieren. Doch für eine Tournee hätte es wohl eines Sonderzugs oder einer Armada von Lkws bedurft. „Reisen ist undenkbar“, sagt Bachler selbst.

Anlässlich der Vorstellung des Projekts hatte der österreichische Opernmanager im November 2009 historisch weit ausgeholt. Der Pavillon sei „ein Ort der Recherche, des Experiments, des Labors und des Risikos“, an dem „unterschiedliche Formen der Kommunikation“ erprobt werden könnten. Im Gegensatz zu den in Europa vorherrschenden Theaterräumen des 19. Jahrhunderts setze der flexible Bau den künstlerischen Formen keine Grenzen.

Den finanziellen Möglichkeiten allerdings schon. Der Aufbau des Pavillons sei „in der Tat sehr aufwendig“, ließ die Pressestelle der BMW-Group verlauten, deren Marke Mini das Projekt gesponsert hatte. Derzeit sei man mit der Staatsoper „in Gesprächen“ und könne „noch keine konkreteren Aussagen zur Zukunft des Pavillons treffen“. Auch die Pressestelle von Coop Himmelb(l)au in Wien gab sich, befragt nach möglichen Konstruktionsmängeln, zugeknöpft. Prix sei im Moment auf Reisen.

 „Absoluter Irrsinn“

Ein Plan zur Zukunft des Pavillons scheint sich bereits zerschlagen zu haben. Ein namentlich nicht genannter Mäzen, der sich sowohl bei der Staatsoper wie beim renommierten Münchner Kammerorchester engagiert, hatte sondiert, ob das mobile Gebäude als dringend benötigter Probensaal für das Ensemble in Frage käme, das zur Zeit heimatlos durch Münchner Säle vagabundiert.

Bislang jedoch hat sich im teuren München kein passendes Grundstück gefunden. Das soll nicht irgendwo im Gewerbegebiet liegen, sondern in prominenter Lage. Ohne einen „attraktiven Standort“ könne man die Suche nach einem privaten Finanzier gleich aufgeben, sagte Florian Ganslmeier, Geschäftsführer des Kammerorchesters. Dass sich der Pavillon – mit entsprechenden Einbauten – für eine dauerhafte Aufstellung eigne, habe ein Architekturgutachten bescheinigt.

Ganslmeier hält es für „absoluten Irrsinn“, dass der teure Bau nach zwei Jahren im „Reservoir“ verschwunden sei und hofft weiter auf eine Lösung. Bachler scheint den Pavillon für die Staatsoper schon abgeschrieben zu haben. „Wir hatten weltweiten Erfolg damit“, sagte der Staatsopernintendant der Nachrichtenagentur dapd. „Zwei Jahre lang hatten wir eine große Aufmerksamkeit, die sich gelohnt hat.“

 

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