„Die Abspielbude wird zum Uni-Kino"

Zusammen mit Dozenten der LMU präsentiert das CinemaxX eine neue Veranstaltungsreihe mit dem Rahmenthema „Gewalt im Film“. Los geht’s mit Quentin Tarantinos „Kill Bill“.
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Ein Rache-Epos in Reinkultur: Kampfmaschine Uma Thurman startet in dem ungeheuer gewalttätigen Actionfilm „Kill Bill“ einen Vergeltungszug, der nur ein Ziel hat – Bill, den Anführer eines Killerkommandos, zu töten.
az Ein Rache-Epos in Reinkultur: Kampfmaschine Uma Thurman startet in dem ungeheuer gewalttätigen Actionfilm „Kill Bill“ einen Vergeltungszug, der nur ein Ziel hat – Bill, den Anführer eines Killerkommandos, zu töten.

Zusammen mit Dozenten der LMU präsentiert das CinemaxX eine neue Veranstaltungsreihe mit dem Rahmenthema „Gewalt im Film“. Los geht’s mit Quentin Tarantinos „Kill Bill“.

Gewalt im Film, Gewalt des Films“ – das klingt eigentlich eher nach Expertenrunde und Programmkino als nach Multiplex. Kai Matzanke, der Marketing-Verantwortliche im CinemaxX am Isartor, will beides zusammenbringen: Heute Abend startet in seinem Haus als eine Art Ringvorlesung eine neue Veranstaltungsreihe mit Filmen, die die Diskussion dieses Themas in der Politik und den Medien provoziert haben. Eingeführt werden die Klassiker von Dozenten der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) und der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF).

Kai Matzanke: „Die Abspielbude für Blockbuster wird sozusagen zum Uni-Kino. Zielgruppe dieser Reihe sind jedoch nicht nur Studenten aller Fachrichtungen, sondern auch das anspruchsvolle Kinopublikum.“

Los geht es heute Abend mit einem Double Feature von „Kill Bill“ (2003/2004), Quentin Tarantinos Hommage an Martial-Arts-Filme und den Italowestern. Eine interessante Bandbreite zeigt sich schon in diesen zwei Filmen von dem, was Gewalt im Kino heißen kann: Auf die irrwitzig im Manga-Stil herumwirbelnden Klingen und Leiber des ersten Teils ließ der B-Movie-Fan Tarantino eine entschleunigte, fiebrige Meditation über Schicksal und Sühne folgen, die Uma Thurmans scheinbar so gnadenloser Rächerin Zeit zum Selbstzweifel aufzwang. Denn vermutlich wäre die unheimliche Faszination am Grauen auf der Leinwand, die so viele von uns empfinden, nicht halb so stark, wenn es nur ums Schlachten ginge. „Häufig ist Gewalt im Film verbunden mit der Liebe“, sagt Oliver Jahraus. Der LMU-Professor für Neuere Deutsche Literatur und Medien hält den ersten Vortrag der neuen Uni-Kino-Reihe und ist sich sicher: „Das Kino ist wie kein anderes Medium geeignet, starke Affekte zu transportieren. Im dunklen Saal kann ich mich dem Geschehen auf der Leinwand vollends ausliefern.“

Damals noch ein Skandal

Genau diese Fähigkeit brachte es aber auch immer wieder in Verruf: Die Morde, mit denen Kubricks „Uhrwerk Orange“ (1971) und Scorseses „Taxi Driver“ (1976) schockierten, sorgten damals noch für Skandale. Bis bei Kubrick die stilisierte Satire auf den Erziehungsstaat und Scorseses sensible Studie über Einsamkeit durchschimmerten, brauchte es ein wenig. Inzwischen sind die Filme längst kanonisierte Meisterwerke.

Wie der Blick auf Gewalt im Kino sich verändert hat, zeigen nicht nur die fünf Oscars, die „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) einheimsen konnte. Der Serienkiller als Heldenfigur rief eher noch weniger Empörung hervor als Zack Snyders Feier von Opfergeist und Männerkörpern, die er in „300“ (2006) zelebrierte. Die Inszenierung des aussichtslosen Kampfes einer Handvoll Spartaner gegen die Heere des Perserkönigs Xerxes erinnerte manchen an die unheilvolle Propaganda einer Leni Riefenstahl, während der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad sein Volk verunglimpft sah in den verkrüppelten Karikaturen, als die Snyder Xerxes' Mannen zeigte. Was darüber gerne vergessen wurde: „300“ geht dermaßen in die Vollen, flirtet nicht nur mit dem Heroismus, dem Sexismus und der Fantasy, sondern gibt sich ihnen so unverhohlen hin, dass man das Ganze in unterschiedlichster Weise verstehen konnte – aber ganz sicher nicht als eine auch nur ansatzweise ernst gemeinte Geschichtsstunde.

„Gewalt im Kino hat sich niemals gerechtfertigt“, sagt Jahraus. „Im Gegenteil: Bevor wir sie verdammen, müssen wir erst einmal lernen, diese Gewalt als ästhetisches Phänomen zu genießen und nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln.“ Und vielleicht wird dies einfacher dadurch, dass viele der Filme ihre Brutalität einer Grabung im reichhaltigen Schatz der kulturellen Archive verdanken: der Rasanz und Intensität des Kinos selbst, wie „Kill Bill“, der Psychologie und Radikalität der Literatur, wie „Uhrwerk Orange“ und „Das Schweigen der Lämmer“ oder der heldischen Pose des Comic, wie „300“. Die Auswahl richtete sich ausdrücklich auch nach der Publikumswirksamkeit der einzelnen Werke. Also keine Angst vor dem, was in dunklen Winternächten im CinemaxX da kommen mag: Die Geschichte des Mediums hat Fieseres zu bieten – weitaus Fieseres.

Tim Slagman

Auf einen Blick

Wo: CinemaxX, Isartorplatz 8

Uhrzeit: jeweils 20 Uhr

Eintritt: 6,50 Euro, am 27. 10. (Double Feature) 13 Euro

Karten: online unter www.cinemaxx.de, Tel.01805/24636299

Programm:

„Kill Bill Vol. 1 & 2“ (27. 10.), Einführung von Prof. Oliver Jahraus (Dekan am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur und Medien): „Rache als Kunstwerk“.

„Uhrwerk Orange“ (17. 11.), Einführung von Prof. Bernd Scheffer (Literaturwissenschaft): „Das Gute am Bösen / Das Böse am Guten“

„Taxi Driver“ (15.12.), Einführung von Dr. Frieder von Ammon (Literaturwissenschaft): „Heimkehrer“

„Das Schweigen der Lämmer“ (19. 1.), Einführung von Michaela Krützen (Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft, HFF): „Zwei Serienmörder“

„300“ (26. 1.), Einführung von Dr. Jörg von Brincken (Theaterwissenschaft): „Ganz schön gewaltige Bilder“

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