"Deutliches Ergebnis": Bekommt München eine neue Fußgängerzone?
Der Saal ist proppevoll. Rund 330 Haidhauser sind am Dienstagabend in die katholische Stiftungshochschule in der Preysingstraße gekommen, um zu erfahren, wie es nun weitergeht. Kommt sie nun, die neue Fußgängerzone im Franzosenviertel? Wie lautet die Bilanz bei Anwohnern, Passanten und Ladenbetreibern? Stadtplanerin Sonja Rube von USP Projekte moderiert den Abend. Sie rechnet mit einem emotionalen Abend, sagt, sie würde es mögen, „wenn es zünftig hergeht“.

Das Projekt hatte stark polarisiert. Gegner hatten versucht, es schon vor dem Start mit Klagen zu verhindern. Es gab Anfeindungen und zerstörte Plakate, Aufrufe zum Boykott und ein beschmiertes Schaufenster. Im Sommer 2024 ging die Fußgängerzone schließlich in die Testphase.
Fußgänger blieben auf dem Gehweg – auch ohne Autos
Ein Jahr lang war der Abschnitt in der Weißenburger Straße zwischen Weißenburger Platz und Pariser Platz für den regulären Autoverkehr gesperrt. Wo zuvor Autos fuhren, standen Blumenkübel, es gab Sitzgelegenheiten, Nachbarschaftstreffen, Feste – und auch eine missratene Farbgestaltung auf dem Asphalt (AZ berichtete).
Fußgänger spazierten im Alltag trotzdem lieber auf dem Gehweg – vielleicht auch, weil Radler durch die Fußgängerzone fahren durften. Im Juli vergangenen Jahres wurde alles wieder zurückgebaut. Seitdem rollen die Autos wieder wie zuvor durchs Franzosenviertel.

Nun haben Mobilitätsreferent Georg Dunkel (parteilos/Grünen-nah) und sein Team die Ergebnisse der Befragungen und Verkehrszählungen zu der temporären Fußgängerzone vorgestellt. "Was mich sehr freut: Die Mehrheit wünscht sich Veränderungen!", sagt Dunkel gleich eingangs. "Die Testphase hat gezeigt, dass die Fußgängerzone "funktioniert!"
Insgesamt wurden 4020 Fragebögen verteilt, 1060 kamen ausgefüllt zurück. Von den 60 Gewerbetreibenden, die die Möglichkeit hatten, sich an der Befragung zu beteiligen, machte knapp die Hälfte davon Gebrauch: 28 füllten den Bogen aus (46,6 Prozent).
Auffallend: Während Passanten und Anwohner eine Fußgängerzone mit großer Mehrheit befürworten, sehen die Gewerbetreibenden sie nach wie vor deutlich kritischer. Insgesamt 57 Prozent der Händler bewerten die Testphase rückblickend als sehr schlecht oder schlecht, nur 32 Prozent als sehr gut oder gut. Und sogar 60 Prozent sahen eine Verschlechterung für ihre Kundschaft und ihr Geschäft.
Buchhändler spricht von massiven Einbußen
Während der Veranstaltung berichtet Thomas Voglgsang, von teils massiven Umsatzeinbußen. Er betreibt in der Weißenburger Straße eine Buchhandlung. Er habe ein Minus von fünf bis 18 Prozent im Monat gemacht. Nachdem die Fußgängerzone wieder zurückgebaut war, sei sein Umsatz prompt wieder gestiegen: um vier bis 20 Prozent.
Mehr als ein Drittel (36 Prozent) wünscht sich zwar eine Veränderung der Straße – aber mit weniger Einschränkungen für den Autoverkehr. Zu ihnen gehört auch Voglgsang. Nur ein Viertel der Ladenbetreiber will, dass alles beim Alten bleibt. Veränderung ja, aber anders.
Die Anwohner loben in der Befragung vor allem die gestiegene Aufenthaltsqualität. Zwei Drittel gaben an, dass sie sich gern aufgehalten hätten in der Fußgängerzone.
Einig sind sich die meisten – sowohl Anwohner als auch Passanten und Gewerbetreibende – dass, wenn die Fußgängerzone kommt, sie besser gestaltet werden muss.
58 Parkplätze weniger in der Testphase
Auswirkungen hatte die Fußgängerzone freilich auch auf den Verkehr. Wie Zählungen ergaben, verschärfte sich der hohe Parkdruck – schließlich gab es 58 Parkplätze weniger. Die für den normalen Verkehr gesperrte Straße hatte auch zur Folge, dass mehr Autos durch die Lothringer Straße und die Sedanstraße fuhren.
Das Thema Fußgängerzone ließ manche Gemüter in Haidhausen zeitweise ganz schön hochkochen. Im Laufe der Testphase habe sich die Situation zunehmend beruhigt, sagt Jörg Spengler (Grüne), der Vorsitzende des Bezirksausschusses Au-Haidhausen. Auch der Abend, an dem Bilanz gezogen wird, verläuft friedlich.
Spengler spricht von einem „deutlichen Ergebnis“ für eine dauerhafte Fußgängerzone. Zudem hätten bei zwei Online-Petitionen sechsmal mehr Menschen dafür gestimmt, nämlich 2439 – und nur 391 dagegen.
Spengler meint: "Ich finde, wir sollten zeitnah damit anfangen. Was wir brauchen, ist eine schnelle, pragmatische Lösung."
Umbau kostet zweistelligen Millionenbetrag
Doch so schnell, wie es sich die Befürworter wünschen, geht es nicht. Ein Umbau der Weißenburger Straße würde laut Fachleuten einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Die Stadt aber muss sparen. Und im März wird erst mal neu gewählt.
Am Ende des Abends sagt Georg Dunkel, die Vorlage für den Stadtrat werde man wohl im Sommer fertighaben. Danach "kann es schon noch mal ein bis zwei Jahre dauern".
Vorausgesetzt, der neue Stadtrat stimmt überhaupt zu.
Das sagen Haidhauser zur Bilanz des Mobilitätsreferats:

Erdmute Albat, Sozialpädagogin aus Haidhausen:"Ich bin nicht überzeugt von den Ergebnissen dieses Abends. Alternativen zu einer Fußgängerzone wie zum Beispiel eine Einbahnstraße waren kein Thema mehr. Die Weißenburger ist eine lebendige Einkaufsstraße. Ich sehe eine große Gefahr für die inhabergeführten Geschäfte. In der Sendlinger Straße haben viele Kleine nicht überlebt."
"Ich wünsche mir ein Miteinander."

Andreas Schuster, Mobilitätsexperte, SPD-Stadtrat: "Ich wünsche mir, was wir in der Testphase erlebt haben: ein Miteinander und eine hohe Aufenthaltsqualität. Nachvollziehen kann ich, dass viele sagen, dass man sagt, dass die Ausgestaltung wünschen. Auch die Bedarfe der Gewerbetreibenden muss man sich genau anschauen. Aber in der Fußgängerzone in der Innenstadt funktioniert das ja auch."
"Für mich ist es eine Existenzfrage!"

Thomas Voglgsang, Inhaber der Buchhandlung Buch und Töne: "Ich hatte in der Testphase toujours Einbußen, bis zu 19 Prozent. Manche meinen, es hätte an der Baustelle nebenan gelegen. Aber die gab es dreieinhalb Jahre, nicht nur eins. Ich hätte mir eine Alternative zur Fußgängerzone gewünscht. Es war kein ergebnisoffener Prozess. Wenn wieder eintritt, was zuvor der Fall war, nämlich, dass ich im Schnitt zehn Prozent weniger im Monat habe, ist es gut möglich, dass ich umziehen muss mit meinem Laden. Bei mir ist es die Frage von Existenz und Nicht-Existenz. Ich kann nicht mehr als 60, 70 Stunden in der Woche arbeiten."
"Es wird keine Fußgängerzone geben."

Martin Wiesbeck, Inhaber der St. Johannis Apotheke: "Ich bin frustriert. Wir haben viel Zeit und Geld ausgegeben, um festzustellen, dass wir weder Zeit noch Geld haben. Es wird keine Fußgängerzone geben … Wir hätten alle gern eine gehabt. Es war ein schönes Jahr!"
- Themen:
- Sendlinger Straße

