Interview

"Der Tod hat seinen Schrecken verloren": Eine Bestatterin erzählt von ihrem Alltag

Von der Flugbegleiterin zur Bestatterin: Tanja Scerri-Brockmann erzählt, was sie an ihrem Beruf schätzt und warum auch ein Golfplatz ein passender Ort für eine Trauerfeier sein kann.
Maja Aralica |
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Tanja Scerri-Brockmann hat sich vor drei Jahren beruflich umorientiert und ist jetzt Bestattungsberaterin. Feuerbestattungen werden immer beliebter, sagt sie. In der Filiale in Neuhausen hängen verschiedene Urnen an der Wand. Die in ihrer Hand besteht aus Thymian und Rosmarin – das riecht man.
Tanja Scerri-Brockmann hat sich vor drei Jahren beruflich umorientiert und ist jetzt Bestattungsberaterin. Feuerbestattungen werden immer beliebter, sagt sie. In der Filiale in Neuhausen hängen verschiedene Urnen an der Wand. Die in ihrer Hand besteht aus Thymian und Rosmarin – das riecht man. © Hannes Magerstädt

AZ: Frau Scerri-Brockmann, haben Sie Angst vor dem Tod?

TANJA SCERRI-BROCKMANN: Der Beruf verändert die Sicht auf den Tod und das Sterben, weil wir uns täglich damit beschäftigen. Wenn unser Telefon klingelt, ist am anderen Ende oft jemand, der gerade einen Verlust erlebt und in seinem Schmerz gefangen ist. Wir versuchen, diese Menschen abzuholen und durch die Situation zu begleiten. Ich würde sagen, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Er hat seinen Schrecken verloren.

Wie sind Sie Bestatterin geworden?

Ich war viele Jahre bei einer großen Fluggesellschaft angestellt und habe drei Kinder. Mit der Geburt meiner jüngsten Tochter wurde mir klar, dass die Fliegerei nicht unbedingt der beste Beruf für mich als Mutter ist. Ich wollte mich beruflich neu orientieren. Vor vier Jahren ist mein Vater gestorben. Zum ersten Mal habe ich eine Bestattung geplant, die Trauerrede geschrieben und den Ablauf organisiert. Danach bekam ich in den sozialen Medien immer wieder Stellenanzeigen von Bestattung Himmelblau angezeigt. Eines Tages habe ich zu meinem Partner gesagt: „Was hältst du davon, wenn ich Bestatterin werde?“ Er hielt es für einen Scherz, aber der Gedanke ließ mich nicht mehr los.

Was hat Sie an dem Beruf überzeugt?

Ich war am Anfang sehr gerne bei Trauerfeiern dabei. Ich mag die Stimmung und die Atmosphäre auf dem Friedhof. Wenn ich eine Trauerfeier organisiere, ist das ein bisschen mit Eventmanagement vergleichbar: Es gibt viele Punkte, die zusammenspielen müssen. Es muss einfach sitzen – egal, ob es eine kleine, intime oder eine große Feier ist. Es ist wie bei einer Hochzeit. Das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber dem verstorbenen Menschen und den Angehörigen. Ich wusste danach sofort, dass ich diesen Beruf machen möchte.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Das Schönste an meinem Beruf ist, dass ich keinen typischen Tag habe. Ich wollte keinen Nine-to-five-Job, bei dem jeden Tag das Gleiche passiert. Manchmal bin ich auf dem Friedhof, manchmal besuche ich Angehörige zu Hause. Meistens nehmen Menschen telefonisch Kontakt zu uns auf oder kommen direkt in die Filiale. Dann vereinbaren wir ein Erstgespräch und besprechen die Wünsche des verstorbenen Menschen und der Angehörigen, die Bestattungsform und die Organisation der Trauerfeier.

Was gehört zu Ihren Aufgaben – und was übernehmen Ihre Kollegen?

Zunächst organisieren wir die Abholung des verstorbenen Menschen, etwa aus einer Klinik, einem Pflegeheim oder von zu Hause. Unsere Bestattungsfachkräfte übernehmen die hygienische Versorgung und richten den Menschen würdevoll her. Ich als Bestattungsberaterin kümmere mich im Hintergrund um die Trauerfeier: Ich vereinbare den Termin mit dem Friedhof und organisiere je nach Wunsch einen Pfarrer oder eine Trauerrednerin beziehungsweise einen Trauerredner, Blumen und Musik. Ich begleite auch Abschiede am offenen Sarg, wenn Angehörige das möchten oder ich das Gefühl habe, dass sie Unterstützung brauchen.

Die 46-Jährige ist Bestattungsberaterin und leitet die "Himmelblau Bestattung" Filiale in Neuhausen. Das österreichische Unternehmen hat Standorte in Hamburg und München.
Die 46-Jährige ist Bestattungsberaterin und leitet die "Himmelblau Bestattung" Filiale in Neuhausen. Das österreichische Unternehmen hat Standorte in Hamburg und München. © Hannes Magerstädt

Wie gehen Sie mit der emotionalen Belastung um?

Das muss man in diesem Beruf lernen. Das Thema ist schwer, und man muss einen Weg finden, sich selbst zu schützen. Wir sind im Team sehr eng und unterstützen einander. Oft bleiben wir freitags nach der Arbeit noch zusammen und lassen die Woche Revue passieren. Man kann die Erlebnisse nicht einfach mit ins private Umfeld nehmen, sondern muss lernen, sie auch hierzulassen. Schwieriger ist das, wenn ein verstorbener Mensch im gleichen Alter oder in einer ähnlichen Lebenssituation war. Solche Fälle können einen auch privat noch beschäftigen.
Sie begleiten auch Menschen, die ihre eigene Bestattung planen. Wie ist das?
Das sind oft intensive Gespräche, die sich über mehrere Treffen erstrecken, weil es den Menschen gesundheitlich nicht mehr so gut geht. Bei solchen Feiern ist es mir eine Herzensangelegenheit, den Abschied zu begleiten.

Sie haben auch Trauerfeiern außerhalb des Friedhofs organisiert. Was war ein besonders eindrücklicher Ort?

Eine besonders schöne Feier fand auf einem Golfplatz statt. Es war ein farbenfroher Abschied von einem jungen Menschen, mit einer Mischung aus Traurigkeit, Intensität und Fröhlichkeit. Die Feier passte sehr gut zu ihm und seiner Familie. Ich bekomme von den Angehörigen heute noch Weihnachtskarten.

Gibt es auch besonders skurrile Orte, an denen Abschied genommen wird?

Ich habe mal eine Trauerfeier an einem FKK-Strand organisiert, weil der Verstorbene passionierter Nacktschwimmer war. Wir haben dafür eine ruhige Zeit an einem öffentlichen See ausgewählt. Wir haben die Urne am Strand aufgestellt. Als Höhepunkt schwamm zufällig ein Nackter im Hintergrund vorbei. Das war sehr besonders.

Wie hat sich die Bestattungskultur in den vergangenen Jahren verändert?

In München gibt es nach wie vor viele traditionelle, christliche Erdbestattungen. Was sich aber verändert hat, ist die Wahl der Grabform. Familien leben heute oft nicht mehr an einem Ort und können nicht sicher sein, dauerhaft dort zu bleiben. Deshalb geht der Trend zu pflegefreien oder pflegeleichteren Gräbern. Bei einer Feuerbestattung ist man bei der Wahl der Grabstätte flexibler: Möglich sind etwa Baumbestattungen, anonyme Gräber oder besondere Formen wie eine Bestattung an einer Weinrebe, die bieten wir in Wien an.

Ist die Feuerbestattung inzwischen die häufigste Form?

Ja, die Tendenz geht deutlich in Richtung Feuerbestattung. Eine Urne kann weniger unmittelbar wirken als ein Sarg, in dem der Körper liegt. Das macht den Abschied für manche vielleicht etwas abstrakter.

Welche Urnen-Designs sind besonders beliebt?

Bei der Auswahl der Urne beobachten wir, dass Angehörige oft überlegen, was dem verstorbenen Menschen gefallen hätte.
Unsere Leo-Print-Urne finden viele toll, aber nur wenige trauen sich da ran. Die meisten entscheiden sich für schlichte Designs.

In der Filiale hängen verschiedene Urnen an der Wand. Die Leo-Print-Urne komme gut an, sagt Scerri-Brockmann. Doch nur wenige trauen sich da ran.
In der Filiale hängen verschiedene Urnen an der Wand. Die Leo-Print-Urne komme gut an, sagt Scerri-Brockmann. Doch nur wenige trauen sich da ran. © Hannes Magerstädt

Was unterscheidet eine weltliche Trauerfeier von einer kirchlichen?

Eine freie Trauerfeier lässt sich stärker auf den verstorbenen Menschen und die Angehörigen abstimmen. Das kann den Ort betreffen, die Musik oder persönliche Details. Es muss auch nicht alles schwarz und ausschließlich traurig sein. Es darf leichte und fröhliche Momente geben – so wie im Leben. Die Feier soll Persönlichkeit zeigen und nicht nach Schema F ablaufen. Wir hatten zum Beispiel einmal eine verstorbene Schneiderin. Die Angehörigen brachten Stoffstücke als persönlichen Gruß mit, und das wurde in die Dekoration und den Abschied eingebunden.

Allerheiligen ist für viele Menschen ein Anlass, das Grab zu besuchen. Welche Bedeutung hat ein fester Ort für die Trauer?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, die Trauer zu verorten. Es gehört zum Trauerprozess und zum Abschied, einen Ort zu haben, an den man gehen kann – nicht nur an Allerheiligen oder an besonderen Tagen, sondern immer wieder. Das gilt unabhängig davon, für welche Bestattungsform man sich entscheidet. Auch für Kinder und Enkel ist es wichtig, zu wissen, wo ein geliebter Mensch liegt. Wenn jemand in einer Klinik stirbt und die Angehörigen erst später eine Urne sehen, kann im Verstehensprozess etwas fehlen. Deshalb kann es hilfreich sein, noch einmal bewusst Abschied zu nehmen.

Was raten Sie Menschen, die um einen Angehörigen trauern?

Jeder Verlust und jedes Leben sind anders. Ich würde überlegen, ob ein weiterer Abschied hilfreich sein könnte und was die Angehörigen brauchen. Wenn ein Mensch nach langer Krankheit stirbt, kann es manchmal helfen, den eigenen Schmerz ein wenig zurückzustellen und dankbar für die gemeinsame Zeit zu sein. Das ist aber eine sehr persönliche Empfindung.

Welches Vorurteil über Ihren Beruf möchten Sie aus der Welt schaffen?

Manche Menschen denken, Bestatterin zu sein müsse ein schrecklicher, negativer Beruf sein. Das würde ich widerlegen. Natürlich geht es um Sterben und Tod. Aber wir erfahren so viel über das Leben eines Menschen, über seine Geschichten und Gefühle. Die kurze Zeit, in der wir die Angehörigen begleiten, ist wertvoll und intensiv. Für mich ist es ein wunderschöner Beruf. Mir war wichtig, eine Aufgabe mit Tiefe zu finden, bei der ich auch etwas geben kann.

Was hat der Beruf mit Ihrem eigenen Blick auf das Leben gemacht?

Weil wir das Ende täglich vor Augen haben, gehen wir sehr achtsam durchs Leben. Wenn jemand stirbt, werden viele Menschen für eine Zeit bewusster im Umgang mit ihren Lieben, ihrer Gesundheit und dem Leben. Das wird auch uns immer wieder vor Augen geführt. Ich versuche, bewusst zu leben und so durchs Leben zu gehen, dass ich, wenn ich einmal gestorben bin, eine positive Erinnerung hinterlasse.

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