Der Münchner Trinkgeld- Report: Anerkennung statt Einkommen

Kann Trinkgeld Niedriglöhne ausgleichen? Ein Kellner berichtet, wie wichtig das Extra ist und wie viel die Münchner geben. Der große Münchner-Trinkgeldreport.
| Daniel von Loeper, Annika Schall
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München - Gehälter unterm Mindestlohn: Verboten aber für Kellner in München scheinbar keine Seltenheit. Wie die AZ am Mittwoch berichtete, beklagt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten viele hiesige Wirte würden sich vor der Zahlung des Minimal-Lohns drücken.

Doch Kellner verdienen nicht nur das, was auf dem Gehaltszettel steht: Trinkgeld macht einen wesentlichen Teil ihres Einkommens aus.

Wie es hier um die Zahlungsmoral der Münchner bestellt ist, weiß Joachim Salewski. Er arbeitet seit 35 Jahren in der Gastronomie, 20 davon im Hotel Deutsche Eiche. "Das Trinkgeld ist natürlich wichtig", bestätigt er. Obwohl die Deutsche Eiche ein Betrieb sei, in dem er "fair und gut" bezahlt werde, so Salewski.

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Auf der Dachterrasse der Deutschen Eiche verdient Joachim Salewski besonders gut. Foto. Daniel von Loeper

Fünf bis zehn Prozent Trinkgeld gibt der Münchner im Schnitt

Fünf bis zehn Prozent gibt der Münchner im Schnitt – zumindest in der Deutschen Eiche, berichtet der Kellner. Von Kollegen in anderen Lokalen hat er ähnliches berichtet bekommen. Bei Touristen hänge die Zahlungsbereitschaft stark mit der Nationalität zusammen: "Beim Amerikaner sind es vielleicht 20 Prozent. Bei Japanern, Finnen oder Skandinaviern ist es unüblich, Trinkgeld zu geben – das machen die meistens dann auch hier nicht", so Salewski.

Auf wie viel sich das Trinkgeld von einheimischen und ausländischen Gästen in der Woche summiert, will der Kellner nicht verraten. "Ich denke, keiner will dazu Zahlen nennen – das sagt man nicht", sagt er und grinst.

Solche Zahlen wären vermutlich auch nicht aussagekräftig, denn: Trinkgeld ist nicht planbar. "Es gibt Tage, da hat man eine Hochzeit, da gibt es dann für vier Kellner 100 Euro Trinkgeld, es kann aber auch eine Firmenveranstaltung sein, bei der alles auf Rechnung läuft, dann gibt es überhaupt nichts", so Salewski.

Manchmal ändern schon kleine Dinge, wie der Sitzplatz eines Gastes die Trinkgeldbilanz. So verdienen Kellner auf der Dachterrasse der Deutschen Eiche besser als im Wirtshaus. Der Grund: Oben wird jedes Getränk sofort abkassiert.

Vor allem aber, das hat Salewski gelernt, hängt das Trinkgeld nicht nur vom Gast, sondern von ihm selber ab: "Wenn man mit dem Gast nett ist, dann gibt es Trinkgeld. Man darf Gäste nicht einfach abfertigen", erklärt er. Eine Einschätzung, die auch von den AZ-Lesern geteilt wird. In unserer Online-Umfrage gab rund die Hälfte an, auch mal nichts zu geben, wenn der Service nicht gepasst hat.

Das Problem der schlechten Löhne kann laut dem Kellner durch Trinkgeld ohnehin nicht gelöst werden. Denn spätestens im Alter, macht sich Dumpingbezahlung in jedem Fall bemerkbar: "Wenn ein Kellner nur den Mindestlohn bekommt, oder gar darunter ist, dann ist das schlecht für die Rente, denn Trinkgeld ist da nicht dabei", so Salewski.

Und so ist das Extra für ihn vor allem eines: "Eine Anerkennung für meinen Job."


Trinkgeld international

Wie viel Trinkgeld ist angebracht? Die Frage beschäftigt auch Touristen regelmäßig, denn nicht immer sind die Gepflogenheiten vor Ort allgemein bekannt.

Schon in Europa gehen die Sitten weit auseinander. Während in vielen skandinavischen Ländern Trinkgeld in Restaurants und Bars eher unüblich ist, ist es zum Beispiel in Italien fester Bestandteil der Rechnung und auch in England zahlt der Gast in vielen Lokalen eine "service charge" von zehn Prozent.

Internationales Extrembeispiel sind die USA. Hier verdienen Kellner, je nach Bundesstaat, fast nichts und Trinkgelder zwischen 20 und 30 Prozent sind für sie überlebenswichtig. In China und Japan dagegen kann man mit dem Extra gründlich ins Fettnäpfchen treten. Hier hat Trinkgeld keine Tradition und wird fernab touristischer Lokale auch mal als Beleidigung empfunden.

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