Der letzte seiner Art in München: Kult-Laden macht dicht
In einigen Münchner Wohnungen, Speichern und Kellern ruhen sie noch: alte Schreibmaschinen. Die Retro-Geräte heißen brav "Monika" oder "Gabriele", sind oft taubenblau oder blassgrün. "Erika" nennt sich die weltberühmte leichte Reiseschreibmaschine. Viele haben rasante Namen, wie "Carrera de Luxe". Sie stammen von klingenden Marken: "Triumph", "Olympia","Olivetti" oder "Torpedo".
All diese Retro-Modelle haben Josef Bajfus (69) und Karl-Heinz Schulze (81) in ihrer Büromaschinen-Werkstatt in Milbertshofen repariert. Mittwochs war, fast 30 Jahre, immer Schreibmaschinen-Sprechstunde in der Lüneburger Straße 2.

Im Schreibmaschinen-Paradies biegen sich die Regalbretter
Acht bis zehn Kunden kamen dann durch die Glas-Tür. Hinein in das vollgestopfte und kruschelige Münchner Schreibmaschinen-Paradies, in dem sich die Regalbretter biegen. Oft besorgt und in Alarm-Stimmung: Denn, der Patient Schreibmaschine, persönliche Schreibhilfe und privates Liebhaber-Objekt, brauchte dringend den kundigen Reparateur.
Münchner Promis waren Kunden bei den letzten Büromaschinenmechanikern der Stadt
Im Laden riecht es beim AZ-Besuch nach Reinigungsbenzin, Walzenreiniger und Öl. Die beiden freundlichen Herren mit Brille, die hier werkeln, sind leidenschaftliche Büromaschinenmechaniker, die letzten der Stadt – mit 5000 Adressen in der Kartei. Etliche Prominente, wie Kabarettistin Luise Kinseher, auch Dieter Hildebrandt, Loriot oder zum Beispiel Ex-BR-Moderatorin Caroline Reiber haben bei den Münchnern ihre Schreibmaschinen gekauft oder reparieren lassen. Josef Bajfus erinnert sich: "Hildebrandt hatte mehrere Schreibmaschinen daheim, mindestens vier oder fünf, sicher fünf. Wir haben sie alle wieder zum Laufen gebracht."

Bis 16. März ist Räumungsverkauf in Milbertshofen
Doch dieser Münchner Retro-Laden muss schließen: Nach 28 Jahren ist am 31. März ganz Schluss. Bis 16. März geht der Räumungsverkauf: Mechanische Schreibmaschinen im Koffer kosten ab 70 Euro, welche mit Display und Speicher rund 200 Euro. 30 Stück lagern noch in den offenen Regalen. Mit dem sympathischen kreativen Chaos im Geschäft und den altmodischen Werkstattschränken aus Holz mit den kleinen Schubladen voller Ersatzteile ist es dann vorbei.

Mietvertrag gekündigt – Haus wird generalsaniert
"Es geht dahin mit der weltberühmten Firma", sagt Josef Bajfus traurig zum Abschied. "Aus dem Laden wird eine Wohnung, habe ich gehört", sagt er. Sein Mietvertrag ist gekündigt worden. Das Haus ist eingerüstet und wird generalsaniert. Beiden Männern fällt es schwer, hier aufhören zu müssen. Jugendliche, die retro cool finden, werden hier fündig. "Eine eigene Schreibmaschine wächst einem ans Herz. Wir haben unsere Kunden ziemlich glücklich gemacht, wenn sie eine gesäuberte, leichtgängige Maschine mit frischem Farbband zurückbekommen haben", sagt Bajfus.
Es gibt Senioren, die lieber tippen
Kürzlich ist im Seniorenheim Augustinum einem über 90-jährigen Mann seine Schreibmaschine vom Tisch gefallen. Josef Bajfus hat sie abgeholt, repariert und schnell zurückgebracht: "Der war so happy. Er braucht seine Maschine. Es gibt ältere Münchner, die können besser tippen als mit der Hand schreiben", weiß der Münchner Mechanikermeister.

In der Werkstatt gab es nie Streit
Kariertes Hemd, Pulli, eine nostalgische Lampe auf eine gekippte Maschine gerichtet: Karl-Heinz Schulze half bis jetzt immer mittwochs im Laden aus. Schulzes Großvater hat schon Schreibmaschinen repariert. Mit seinem Kollegen Bajfus hat er sich in 18 Jahren in der Werkstatt nicht einmal gestritten. Beide haben als junge Männer zufällig im gleichen Münchner Betrieb gelernt. Beide sind friedliche Menschen. Doch wenn bei der Arbeit etwas hakt, die Maschinen-Hebel immer noch nicht gut fallen, schimpft Bajfus manchmal laut: "Scheiß Glump. Ich schmeiß’ dich an die Wand!". Schulze stört so ein Ausbruch jedoch nicht, sagt er.
Das Klappern von Schreibmaschinen – es ist der Sound des letzten Jahrhunderts. Für den Großkunden Hypobank ging man "Maschinen auspinseln". Die Handwerker haben von der Pike auf gelernt, wie man die Mechanik leichtgängig macht. Beide Männer lieben das Zerlegen und Zusammensetzen: das leichte Aufschrauben von Gehäusen, das unverwüstliche, funktionale Metall. Im Laden wurden später auch Drucker und Faxgeräte repariert. Doch Josef Bajfus mag sie weniger: "Man braucht ja Fingernägel, um diese Plastikdinger aufzukriegen. Und wenn man an der falschen Stelle drückt, bricht das Plastik."
Wir machen uns noch die Finger schmutzig
Karl-Heinz Schulze kratzt mit einem Schraubenzieher altes Fett aus dem Inneren einer Schreibmaschine. "Das pappt wirklich. Das ist ja grauslich. Wir machen uns die Finger noch schmutzig", sagt er und lacht. In Zukunft will er "mal wieder ins Gebirge fahren". Außerdem hat er einen Garten, der ihn gut beschäftigt.

"Ich habe die letzten 25 Jahre nie Urlaub gehabt, war Montag bis Samstag im Laden, habe gemacht und getan", erklärt Josef Bajfus: "Ich wollte meine Kunden nicht hängen lassen. Das war halt so." Wenn der Laden ausgeräumt ist – und die letzte Fuhre beim Sperrmüll ist – will Josef Bajfus reisen. Er war jetzt auf der Kapverdischen Insel Sal. Demnächst geht es an die Nordsee. "Dort war ich noch nie", sagt der Münchner. Ihm ist es zwar "zuwider", bald nicht mehr helfen zu können. Josef Bajfus seufzt: "Leider ist es unvermeidbar."
München braucht mehr Freundlichkeit

Was er München wünscht: "Die Stadt braucht mehr Freundlichkeit. Der Dienst am Kunden kommt heute viel zu kurz. Am Telefon höre ich nur noch "Hallo, drücken Sie die 1. Diesen Schmarrn finde ich furchtbar", sagt Bajfus. Sein Arbeitsethos lautete: "Wir sind immer ans Telefon gegangen. Wir haben sofort zurückgerufen und meist gesagt: Kommen Sie gleich bei uns in Milbertshofen vorbei!". Bis 16. März haben die Münchner noch die Chance.
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