Depression und Leistungsdruck: Es kann auch Schüler treffen

Die Münchner Schülerin Emily ist 16, als sie Stress und Versagensängste krank machen. Mit einem aufrüttelnden Film fordern junge Filmemacher nun Schulen und Politik zum Handeln auf.
| Nina Job
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In der zehnten Klasse erkrankt Emily an einer Depression. Im Schüler-Doku-Drama „Grau ist keine Farbe“ berichtet sie, wie sie die schwere psychische Erkrankung erlebte – und überwand.
Screenshot Movie Jam Studios In der zehnten Klasse erkrankt Emily an einer Depression. Im Schüler-Doku-Drama „Grau ist keine Farbe“ berichtet sie, wie sie die schwere psychische Erkrankung erlebte – und überwand.

München - "Gab es irgendwann einen Zeitpunkt, wo du so nicht weiterleben wolltest?", fragt eine männliche Stimme aus dem Off. Emily, eine hübsche junge Frau mit grünen Augen und blonden Haaren, sitzt vor einem dunklen Hintergrund. Die Kamera ist auf ihr ernstes Gesicht gerichtet. Emily zögert kurz, dann antwortet sie mit einer Stimme, der man anhört, dass es sie Kraft kostet: "Jeden Tag eigentlich."

Die Münchnerin ist eine von drei Protagonisten des Doku-Dramas "Grau ist keine Farbe". Es ist ein Film von Schülern über Schüler, die an Depression erkrankt sind. Die Volkskrankheit trifft auch schon sehr junge Menschen, was bislang nur wenig bekannt ist.

Leistungsdruck in der Schule kann zu Depressionen führen

Hinter den Filmemachern "Movie Jam Studios" stehen sechs Schüler aus Taufkirchen: Alexander Spöri, Colin Maidment, Luca Zug, Leon Golz, Paul Schweller und Vitus Rabe haben in der sechsten Klasse mit dem Drehen begonnen. Für ihre Dokumentation "Unvergessen" über den Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum 2016, bekamen sie deutschlandweit viel Aufmerksamkeit und mehrere Auszeichnungen. Inzwischen stecken die Filmemacher mitten im Abitur. Wie es nach der Schule mit ihrem Projekt weitergeht, ist noch unklar.

Ihr neuer 60-minütiger Film wird am heutigen Samstag im Mathäser Filmpalast vor 400 Zuschauern gezeigt. Bald soll er auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Emily: "Ich hatte das Gefühl, dass ich nichts kann. Es wurde immer schlimmer"

Emily ist die Freundin von Alexander. Sie litt selbst unter einer Depression. "Ich war 16 und in der 10. Klasse", berichtete sie der AZ kurz vor der Premiere.

Der Leistungsdruck in der Schule und die Angst, zu versagen, machten ihr extrem zu schaffen. "Ich denke, es hat angefangen, als ich eine 5 in Mathe geschrieben hatte. Ich hab’ total an mir gezweifelt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nichts kann. Es wurde immer schlimmer."

Die Schülerin zog sich völlig zurück. Sie traf keine Freunde mehr, verließ ihr Zimmer kaum noch. "Alles war nur noch anstrengend. Ich wollte niemanden mehr sehen." Die 16-Jährige wusste nicht, wie sie aus diesem Loch wieder herauskommen sollte. "Ich habe mich sehr hilflos gefühlt." Mit ihren Eltern sprach sie nicht darüber.

Emily: "Damals war alles Schwarz. Heute ist um mich herum alles hell"

Von den Lehrern oder der Schulleitung, erzählt die heute 19-Jährige, bekam sie keine Unterstützung. Vermutlich hat niemand erkannt, wie schlecht es ihr ging. "Kann sein, dass die Klassenlehrer und Sozialpädagogen auch oft überfordert sind", sagt Emily.

Es ist ihr und den Filmemachern ein großes Anliegen, dass über Jugenddepressionen besser informiert wird: vor allem in den Schulen und das psychische Krankheiten nicht totgeschwiegen werden. "Schüler, die schlechte Noten schreiben oder schwänzen, sind nicht zwangsläufig faul. Oft brauchen sie Hilfe", sagt Filmemacher Alexander Spöri.

Emily schaffte es irgendwann nicht mehr, aufzustehen und in die Schule zu gehen. Da brachte ihre Mutter sie in die kbo-Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Emily: "Es ist gut, wenn man Hilfe annimmt"

"Es ist gut, wenn man Hilfe annimmt", sagt Emily heute. "Man sollte sich öffnen, darüber sprechen." Damals war sie dazu nicht imstande. "Ich möchte anderen mitteilen, dass man sich auf keinen Fall dafür schämen sollte, wie es einem geht."

Vier Monate verbrachte die Schülerin in der Klinik. Außer verschiedenen Therapien half ihr der Austausch mit anderen Jugendlichen, denen es genau so ging wie ihr. "Du fühlst dich verstanden, musst nichts erklären." Die Jugendlichen saßen stundenlang zusammen auf dem Gang, redeten.

Als Emily Monate später wieder zurück zur Schule ging, erfuhr sie von einem schlimmen Gerücht über sie: "Es hieß, dass ich deshalb so lange nicht da war, weil ich Krebs im Endstadium habe. Das war sehr verletzend."

Heute geht es Emily besser

Das Mädchen brach die Schule schließlich ab. Inzwischen hat sie eine Ausbildung zur Floristin begonnen.

Über Emilys Bett hängt ein großformatiges Bild, das sie damals mit Acrylfarben in der Klinik gemalt hat. Es besteht nur aus drei Farben: Schwarz, Blau und Weiß und erinnert sie an die dunkle Phase in ihrem Leben.

"Das waren meine Gefühle damals: Alles war schwarz. Heute ist um mich herum alles hell. Es geht mir gut."

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