Demo-Anschlag in München: "Schneise der Verwüstung" - Beamtin der Spurensicherung sagt als Zeugin aus

Update vom 12. Februar, 12.22 Uhr: Handschuhe unterm Scheibenwischer, ein pinkfarbener Schnuller auf der Motorhabe, Schirme, Brillen, Verdifahnen: Der siebte Prozesstag gehört der Spurensicherung. Eine Beamtin (50) stellt als Zeugin mit großer Akribie die Fundstücke am Tatort Seidlstraße vor.
Als ihre Rede auf den gebrochenen Kinderwagen von Hafsa, der bei dem Anschlag ums Leben gekommenen Zweijährigen, kommt, ist die Beklemmung im Gerichtssaal spürbar.
Eine "Schneise der Verwüstung" habe der Mini verursacht, sagt die Ermittlerin. Als die 50-Jährige am Tatort eintraf herrschte noch Chaos, die Straße war ein Trümmerfeld. Autoteile des Mini, aber auch viele persönliche Gegenstände der Demonstranten lagen auf der Straße. Der Tatort auf der Seidlstraße sei 23 Meter lang gewesen.
Eines der verletzten Opfer fragte die Polizei, ob sie seine Brille gefunden hätten, berichtet die Zeugin. Rahmenlos mit roten Bügeln. Und tatsächlich konnte man ihm die Brille zurückgeben.
Ursprungsmeldung vom 11. Februar: Es ist der sechste Prozesstag und zum ersten Mal klingt so etwas wie Bedauern bei Farhad N. (25) durch. Mehrere Polizisten, die den Demozug begleiteten, berichten im Zeugenstand, dass der Fahrer des Anschlag-Minis kurz nach seiner Festnahme gesagt habe: "Ich habe in meinem Leben nur einen großen Fehler gemacht und das war gerade eben."
Sein "Fehler": Er lenkte seinen Mini in eine Demonstration von Verdi. Eine Mutter und ihr Kind starben, 44 weitere Teilnehmer werden verletzt, einige lebensgefährlich. Noch am Tatort wird der Fahrer des Wagens festgenommen, ein Afghane. Die Ermittler gehen bald von islamistischem Terrorismus aus.
Minuten nach dem Demo-Anschlag: Polizisten berichten, dass Farhad N. seine Tat bedauert haben soll
Ein Polizist (32) berichtet, dass ein Demo-Teilnehmer mit einer Fahnenstange auf die Windschutzscheibe eingestochen habe. Die Stimmung sei aggressiv gewesen, die Menge war aufgebracht, es seien auch Beleidigungen gefallen. Die Panik unter den Demoteilnehmern war in Wut umgeschlagen. Auch deshalb trugen die Polizisten den Fahrer in einen nahegelegenen Hinterhof. Aber auch dort konnten Schaulustige von ihren Balkonen das Geschehen verfolgen.
Farhad N. rief "in Dauerschleife" "Ya Allah", berichtet ein weiterer Polizist. Deshalb habe man ihn in einer Unterführung abgelegt. Einer seiner Kollegen (25) erinnert sich, wie er einer Frau half, ihr Bein aus dem Radkasten des Autos zu befreien. Sie hatte starke Schmerzen und stöhnte, verlor auch vorübergehend das Bewusstsein.
Am Freitag jährt sich der Anschlag
In einem bewegenden Moment berichtet ein Polizist, wie er sich um das kleine Mädchen kümmern wollte. Das Kind lag auf dem flach gelegten Kinderwagen. "Sie war blass, hatte blaue Lippen und einen starren Blick." Er habe angenommen, dass sie bereits tot war. "Sie atmete nicht mehr."

Am Freitag jährt sich der Anschlag. Die Stadt München und die Gewerkschaft Verdi haben an diesem Tag um 13 Uhr am Tatort Seidlstraße zu einem Gedenken eingeladen. Laut Verdi war es der schwerste Angriff auf eine gewerkschaftliche Veranstaltung in der Nachkriegsgeschichte.
Auch OB Dieter Reiter wird sprechen: "Das Leid und die Folgen des Anschlags begleiten unsere Stadt bis heute – am Jahrestag werden Schmerz und Erinnerung besonders spürbar." Zu dem Gedenken werden auch Teilnehmer der Demo und Überlebende erwartet.
Das Landgericht hat noch weitere Termine anberaumt. Stand jetzt wird bis 12. August 2026 verhandelt.