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Demo-Anschlag in München: Unfallgutachter schließt technischen Fehler beim Auto aus

Am achten Prozesstag kommt der Unfallgutachter vor Gericht zu Wort. Seine Aussage entlastet den Angeklagten nicht.
John Schneider
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Prozessauftakt: Der Angeklagte Farhad N. wird in den Prozesssaal geführt. Links steht sein Anwalt Ömer Sahinci.
Prozessauftakt: Der Angeklagte Farhad N. wird in den Prozesssaal geführt. Links steht sein Anwalt Ömer Sahinci. © Peter Kneffel (dpa)

Update vom 13. Februar, 13.57 Uhr: Der achte Prozesstag im Verfahren gegen den 25-Jährigen, der vor genau einem Jahr seinen Mini in eine Verdi-Demonstration lenkte.

Einen technischen Fehler schließt der Unfallgutachter in seiner Befragung heute aus. Alles funktionierte bei dem Mini Cooper. Auf einen Defekt kann sich der Angeklagte also wohl nicht herausreden.

Er habe die sehr enge Lücke von zwei Metern zwischen zwei Polizeiwagen genutzt, um seinen 1,90 Meter breiten Mini in die Menschenmenge zu lenken.

Der Sachverständige hat anhand von Videos und Fotos die Geschwindigkeit des Wagens errechnet. Demnach war der Mini 34 bis 42 km/h schnell als er die 37-jährige Mutter und ihre zweijährige Tochter erfasste. Die Mutter war zehn Meter weit geflogen. Beide starben kurz darauf.

Die Vollgasgeräusche, die einige Zeugen wahrgenommen haben, ohne dass sich die Räder weiterdrehten, könnten ihre Ursache in einer durchgetretenen Kupplung gehabt haben. Oder aber der Gang war aufgrund der Kollisionen mit Demonstranten herausgesprungen. Das Herausspringen habe der Unfallgutachter bei Crashtests beobachten können. Ungewiss sei aber, ob das auch in diesem Fall tatsächlich der Grund gewesen war.

Der Prozess wird am 26. Februar fortgesetzt.

Update vom 12. Februar, 12.22 Uhr: Handschuhe unterm Scheibenwischer, ein pinkfarbener Schnuller auf der Motorhabe, Schirme, Brillen, Verdifahnen: Der siebte Prozesstag gehört der Spurensicherung. Eine Beamtin (50) stellt als Zeugin mit großer Akribie die Fundstücke am Tatort Seidlstraße vor.

Als ihre Rede auf den gebrochenen Kinderwagen von Hafsa, der bei dem Anschlag ums Leben gekommenen Zweijährigen, kommt, ist die Beklemmung im Gerichtssaal spürbar.

Eine "Schneise der Verwüstung" habe der Mini verursacht, sagt die Ermittlerin. Als die 50-Jährige am Tatort eintraf herrschte noch Chaos, die Straße war ein Trümmerfeld. Autoteile des Mini, aber auch viele persönliche Gegenstände der Demonstranten lagen auf der Straße. Der Tatort auf der Seidlstraße sei 23 Meter lang gewesen.

Eines der verletzten Opfer fragte die Polizei, ob sie seine Brille gefunden hätten, berichtet die Zeugin. Rahmenlos mit roten Bügeln. Und tatsächlich konnte man ihm die Brille zurückgeben.

Ursprungsmeldung vom 11. Februar: Es ist der sechste Prozesstag und zum ersten Mal klingt so etwas wie Bedauern bei Farhad N. (25) durch. Mehrere Polizisten, die den Demozug begleiteten, berichten im Zeugenstand, dass der Fahrer des Anschlag-Minis kurz nach seiner Festnahme gesagt habe: "Ich habe in meinem Leben nur einen großen Fehler gemacht und das war gerade eben."

Sein "Fehler": Er lenkte seinen Mini in eine Demonstration von Verdi. Eine Mutter und ihr Kind starben, 44 weitere Teilnehmer werden verletzt, einige lebensgefährlich. Noch am Tatort wird der Fahrer des Wagens festgenommen, ein Afghane. Die Ermittler gehen bald von islamistischem Terrorismus aus.

Minuten nach dem Demo-Anschlag: Polizisten berichten, dass Farhad N. seine Tat bedauert haben soll

Ein Polizist (32) berichtet, dass ein Demo-Teilnehmer mit einer Fahnenstange auf die Windschutzscheibe eingestochen habe. Die Stimmung sei aggressiv gewesen, die Menge war aufgebracht, es seien auch Beleidigungen gefallen. Die Panik unter den Demoteilnehmern war in Wut umgeschlagen. Auch deshalb trugen die Polizisten den Fahrer in einen nahegelegenen Hinterhof. Aber auch dort konnten Schaulustige von ihren Balkonen das Geschehen verfolgen.

Farhad N. rief "in Dauerschleife" "Ya Allah", berichtet ein weiterer Polizist. Deshalb habe man ihn in einer Unterführung abgelegt. Einer seiner Kollegen (25) erinnert sich, wie er einer Frau half, ihr Bein aus dem Radkasten des Autos zu befreien. Sie hatte starke Schmerzen und stöhnte, verlor auch vorübergehend das Bewusstsein.

Am Freitag jährt sich der Anschlag

In einem bewegenden Moment berichtet ein Polizist, wie er sich um das kleine Mädchen kümmern wollte. Das Kind lag auf dem flach gelegten Kinderwagen. "Sie war blass, hatte blaue Lippen und einen starren Blick." Er habe angenommen, dass sie bereits tot war. "Sie atmete nicht mehr."

Der Mini Cooper, den Farhad N. vor knapp einem Jahr in die Verdi-Demonstration lenkte, wird untersucht.
Der Mini Cooper, den Farhad N. vor knapp einem Jahr in die Verdi-Demonstration lenkte, wird untersucht. © IMAGO/Maximilian Eberl (www.imago-images.de)

Am Freitag jährt sich der Anschlag. Die Stadt München und die Gewerkschaft Verdi haben an diesem Tag um 13 Uhr am Tatort Seidlstraße zu einem Gedenken eingeladen. Laut Verdi war es der schwerste Angriff auf eine gewerkschaftliche Veranstaltung in der Nachkriegsgeschichte.

Auch OB Dieter Reiter wird sprechen: "Das Leid und die Folgen des Anschlags begleiten unsere Stadt bis heute – am Jahrestag werden Schmerz und Erinnerung besonders spürbar." Zu dem Gedenken werden auch Teilnehmer der Demo und Überlebende erwartet.

Das Landgericht hat noch weitere Termine anberaumt. Stand jetzt wird bis 12. August 2026 verhandelt.

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8 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.
  • Himbeer-Toni am 13.02.2026 17:10 Uhr / Bewertung:

    Sparen Sie sich bitte solch relativierende Kommentare. Die Angehörigen der Opfer danken es Ihnen.

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  • MUC am 13.02.2026 17:20 Uhr / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Himbeer-Toni

    Ja, im Münchner Fall waren die Gesten nach dem Anschlag und am Anfang der Gerichtsverhandlung eindeutig.

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  • Bluto am 13.02.2026 18:14 Uhr / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von MUC

    Er hat sowohl nach dem Vorfall als auch vor dem Prozess nichts anderes gesagt als "Mein Gott" auf Arabisch. Mehr weiß man nicht. Die einzige Aussage von ihm, die ein Polizist bisher bezeugt hat, ist die, dass er einen großen Fehler gemacht hat, was bei zwei Toten ja auch kaum zu bestreiten ist. Nichts an dem Vorfall entspricht dem Muster eines geplanten Anschlags. Das bedeutet nicht, dass es keiner war, aber ich fand den ganzen Vorgang von Anfang an nicht so eindeutig, wie er von offizieller Stelle dargestellt wurde.

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