"Das nervt unglaublich": Straßenreiniger packt über Münchens Müllproblem aus
Glasscherben klirren, als Ali Demir den Rechen über den Asphalt zieht. Mit wenigen Bewegungen schiebt er Pappbecher, Zigarettenschachteln und Burgerverpackungen zu kleinen Haufen zusammen.
Es ist ein Dienstagmorgen, kurz nach vier Uhr am Wedekindplatz in Schwabing. Der Himmel ist noch dunkel, es ist ungewöhnlich kühl für einen Sommermorgen, etwa zehn Grad. Vor einem Burgerladen steht eine Gruppe Jugendlicher und lacht.
Straßenreinigung am Wedekindplatz
Ali Demirs Schicht hat vor ein paar Minuten begonnen. Der 47-Jährige arbeitet bei der Straßenreinigung. Sein Wecker klingelt jeden Tag um 3.10 Uhr. Dann steht er auf, zieht sich an und macht sich auf den Weg. Kaffee gibt es nicht zu Hause, sondern später mit den Kollegen. Meist fährt er mit dem Fahrrad zur Arbeit, an diesem Morgen nimmt er das Auto. Am Vorabend hat er noch Fußball gespielt. Müde sei er trotzdem nicht. "Ich bin daran gewöhnt."

Während Demir den Müll zusammenkehrt, fährt ein Kollege mit der Kehrmaschine hinterher und saugt die Haufen auf. Ein anderer leert die Mülleimer. Daneben stapeln sich etwa sechs Pizzakartons auf einem eigenen Gestell. "Das ist praktisch", sagt Demir. Würden die Kartons im Mülleimer landen, bliebe kaum noch Platz für anderen Abfall.

Mehr Müll seit Corona
Seit Corona liege rund um den Wedekindplatz deutlich mehr Müll. "Die Leute essen immer draußen, alles to go", sagt er und hebt die Tüte eines Burgerladens vom Boden auf. Er wünscht sich, dass die Menschen ihren Müll – auch Sperrmüll – ordentlich entsorgen.
Wenig später fährt ein Kollege mit einem kleinen Wagen vorbei. Hinten hat er einen Badezimmerschrank geladen. "Das nervt unglaublich", sagt Demir. "Die Leute stellen ihren Sperrmüll einfach auf die Straße." Das mache die Arbeit unnötig schwer.
Doch Demir ist keiner, der sich viel beschwert. "Ich mache einfach meine Arbeit", sagt er. Auf einem Mülleimer klebt Erbrochenes. Natürlich ekle ihn das, sagt er. Trotzdem bleibt er pragmatisch: "Das machen wir mit dem Druckreiniger weg." Im Vergleich zum Wochenende sei das ohnehin nicht so viel Dreck.

Seit 1998 arbeitet Demir bei der Münchner Straßenreinigung, seit 2004 als Vorarbeiter. Ursprünglich begann er eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Die theoretische Prüfung schaffte er wegen der Sprachbarriere nicht und wechselte zur Straßenreinigung. "Es macht mir Spaß", sagt er. Ihm gefällt, dass er sich so viel draußen bewegt. Und befriedigend ist der Job auch: "Wenn alles sauber ist, fühlt sich das gut an", sagt er.
Immer wieder bedanken sich Menschen bei ihm und seinem Team für ihre Arbeit, erzählt er. "Das freut uns, das ist unsere Motivation."

Kurz vor fünf färbt sich der Himmel über Schwabing von Dunkelblau zu Hellblau. Die aufgehende Sonne taucht die Straßen in kühles Licht. In der Siegesstraße kehrt Demir in seiner orangefarbenen Arbeitskleidung unter parkenden Autos Zigarettenstummel und Kronkorken hervor. Die Borsten seines Besens schaben über den Asphalt. Schritt für Schritt arbeitet er sich bis zur Leopoldstraße vor.

Zwischen zwei Fahrrädern schiebt er den Besen tief in den Fahrradständer. Ein süßlich-fauliger Geruch liegt in der Luft. Nur mühsam lösen sich Zigarettenstummel und anderer Schmutz. Für solche Stellen würde er gerne das ganze Jahr über einen Laubbläser einsetzen. Erlaubt ist das aber nur im Herbst, ab 9 Uhr. Für die 4-Uhr-Schicht sei das schon zu spät.
Kaffeepause mit dem Team
Langsam verschwindet der blaue Schleier der Nacht. "Der Sonnenaufgang gibt uns Kraft", sagt Demir und blickt auf die Leopoldstraße. Am Busbahnhof der Münchner Freiheit glänzen frische Pfützen auf dem Boden. Drei Menschen warten dort auf den Bus.
Auf Höhe des Cafés Münchner Freiheit treffen seine Kollegen ein. Sie haben die Leopoldstraße ab dem Siegestor gereinigt. Bis spätestens sieben Uhr muss sie sauber sein, bevor der Berufsverkehr einsetzt. Heute kommen sie gut voran.

Ist die Leopoldstraße geschafft, macht das Team eine kurze Kaffeepause. An diesem Morgen gehen Ibrahim, Beyhani, Mustafa und Demir zur Bäckerei Stadler in der Marktstraße. Sie bestellen Kaffee, Demir trinkt seinen mit etwas Milch. Auf einem Tisch steht ein großer Karton mit süßem Gebäck, den die Bäckerin für die Straßenreiniger vorbereitet hat.
Mit Kaffeebechern und Bäckertüten setzen sich die vier auf eine Parkbank. Einige zünden sich eine Zigarette an, Demir nicht.

24 Kilometer sauber machen
Inzwischen radeln immer mehr Menschen zur Arbeit oder eilen zur U-Bahn und zum Bus. Für Demir und seine Kollegen ist der Arbeitstag noch lange nicht vorbei. Bis 12.30 Uhr reinigen sie insgesamt 24 Kilometer Straßen.
- Themen:
- Leopoldstraße

