Das Licht im ersten Stock ist aus: Mein letzter Besuch bei Mario Adorf in Schwabing

Mario Adorf ist tot – ein persönlicher Besuch an seinem Münchner Zuhause und Erinnerungen an einen der größten deutschen Schauspieler. Der ehemalige AZ-Chefreporter Tim Pröse hat ihn für seine Biografie ein Jahr lang begleitet – und erinnert sich an einen besonderen Menschen.
von  Tim Pröse
Mario Adorf im Cafe des Arri-Kinos. Seine Schauspielkarriere startete an der legendäre Falckenberg Schule in den Münchner Kammerspielen. Seine Sommer verbrachte er in St. Tropez.
Mario Adorf im Cafe des Arri-Kinos. Seine Schauspielkarriere startete an der legendäre Falckenberg Schule in den Münchner Kammerspielen. Seine Sommer verbrachte er in St. Tropez. © Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Gestern ging ich noch einmal bei ihm vorbei. Stand vor seinem Münchner Zuhause, diesem stolzen Mietshaus in Schwabing, an deren Klingel "M.A." steht, in Messing eingraviert. Ich strich noch einmal über das Schild und legte eine Blume auf die Stiegen.

Oben im ersten Stock wohnte er, wenn er in Deutschland war. Und nicht gerade in seinen anderen Wahlheimaten, Paris oder St. Tropez. Immer wieder hatte ich gehofft, dass wir uns eines Tages noch einmal wiedersehen in Adorfs deutscher Lieblingsstadt. Gleich um die Ecke vom Siegestor. Und dass wir nochmal eine Pizza essen gehen bei "seinem" Italiener, in seiner Straße.

Die Maximilianstraße erinnert an ihn

Nun ist es zu spät. Das Licht im ersten Stock wird nicht mehr auf den Gehsteig fallen am Abend. Es gibt keine Zugabe mehr. Leider. "Mario Adorf. Zugabe!" – so heißt das Buch, das ich über ihn schreiben durfte. Seine letzte Biografie. Für dieses Buch durfte ich ihn ein ganzes Jahr lang immer wieder begleiten. Für mich, den ehemaligen Chefreporter der AZ, war es eine der schönsten Zeiten meines Journalistenlebens.

Tim Pröse hat Mario Adorf ein Jahr lang für die Biografie "Mario Adorf. Zugabe!" begleitet.
Tim Pröse hat Mario Adorf ein Jahr lang für die Biografie "Mario Adorf. Zugabe!" begleitet. © privat

Und weil ich heute nicht mehr bei ihm läuten konnte, ging ich stattdessen an dem Ort entlang, an dem für ihn alles begann. Wie oft bin ich an diesem Haus an der Münchner Maximilianstraße vorbeigegangen? An diesem Ort, an dem sich sein Lebenstraum erfüllte. Die legendäre Falckenberg Schule in den Münchner Kammerspielen. Hier sprach er zum ersten Mal vor, und hier nahmen sie ihn auf. Er kam mir beim Gang über die Maximilianstraße fast immer in den Sinn. Jener berühmte Absolvent dieser Schule, an der auch seine Kollegen wie etwa Otto Sander anfingen, Joachim Król, Sebastian Koch oder Katja Riemann. Und immer war da dieser Wunsch, dem Mann, der 1953 hier sein Glück suchte, einmal von Nahem zu erleben.

Mario Adorfs Wohnung in Schwabing

Mario Adorf, der Weltbürger. Ein frischer Geist weht bis heute durch seine Schwabinger Wohngegend. Noch dazu liegt der "Geschwister Scholl"-Platz nahe und erinnert an die Heldentaten der Widerstandskämpfer. Man kann sich von Herzen daran freuen, dass der Jahrhundertzeuge Adorf ausgerechnet in der Nachbarschaft der Münchner Universität wohnte, in der Hans und Sophie Scholl ihre mutigen Taten wagten. Und dass er ihre Botschaften und Vermächtnis verehrte. Er stand damit für das andere München. Für das Mutmachende jener Stadt, die einmal "Hauptstadt der Bewegung" war.

Mario Adorf 1988.
Mario Adorf 1988. © United Archives / kpa via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Wenn ich am Messingklingelschild läutete, knisterte seine Stimme durch die Sprechanlage. Die Tür öffnete sich und man stand in einem Portal mit halbrunder Decke. Oben angekommen, warf Adorf die Espressomaschine an, aus der gleich eine Wolke herauszischte, die einen an ein Café aus dem letzten Rom-Urlaub erinnerte. Und klar legte er auch das passende Gebäck dazu, das nach Amaretto schmeckte und aufs Parkett krümelte.

Er redete nie lange drumherum

Jeder seiner Schritte knarzte über das Holz, das dann seine ganz eigenen Geschichten erzählte. Bis Adorf selbst seine Stimme erhob. Die immer dann erst so richtig ins Klingen geriet und die Räume seiner Wohnung ausfüllte, wenn sie begann, eine kleine Geschichte zu erzählen. Alles davor, diese ganzen alltäglichen Höflichkeitsformeln oder der Beinahe-Smalltalk, dauerten bei ihm erstaunlich kurz. Mit Adorf redete man nie lange drumherum.

Wenn man ihm gegenübersaß, war es wie im Kino. Immer lief irgendwie ein Film ab. Manchmal hörte man ihm so gebannt zu, dass man gar nicht bemerkte, wie er die Stimme grad eben abgesetzt hatte und eine Antwort erwartete. Man musste dann schnell zurücktauchen aus dem Film ins Jetzt. Ein paar Worte aber reichten. Denn man mochte vom Film ja nichts verpassen.

Mario Adorf zusammen mit Ehefrau Monique.
Mario Adorf zusammen mit Ehefrau Monique. © imago stock&people

Links lag das Wohnzimmer. Dort versanken wir in diesen Sesseln, aus denen man sich Stunden später nur mit einem mutigen Ruck wieder herausschaukeln würde, so halbliegend kam man in ihnen zum Sitzen. An den Wänden leuchteten Farben aus abstrakten Bildern. Rechts das Arbeitszimmer. Adorfs Schreibtisch war beinahe mehrstöckig, mit lauter offenen Fächern, in denen Manuskripte lagen. In der Mitte sein von lauter Denkzetteln umzingelter Laptop. Große Fenster ließen den weißblauen Tag herein. Neben ihnen hing Hildegard Knefs Selbstporträt. In seinem Rücken, unscheinbar für ihn selbst und auch für seine Gäste, standen ein paar Dutzend seiner Preise, die er in den vergangenen sechs Lebensjahrzehnten bekommen hatte. Vier Stück davon für den "Großen Bellheim".

Die Einladung ins Sommerhaus nach St. Tropez

München war für ihn seit seinen Anfängen an der Falckenberg Schule künstlerische Heimat. Kaum, dass er 1955 an den Kammerspielen sein erstes festes Engagement bekam, holte er seine geliebte Mutter an die Isar. Ihr Grab liegt bis heute in unserer Stadt. Und sobald er das erste richtig gute Geld verdiente, mietete er ihr ein Haus im feinen Stadtteil Harlaching. Bis er ihr 1970 ein Haus in Grünwald baute. 2004 kehrte er dann selber wieder zurück nach München, nachdem er die Wohnung in Rom aufgegeben hatte. Denn von Italien, insbesondere von Berlusconi, hatte Adorf damals genug.

2019 lud er mich ein in sein Sommerhaus nach St. Tropez. Ich durfte eine Woche Gast sein in seiner Einliegerwohnung. Er erzählte mir sein Leben für unser Buch. Eine herrliche Männerwoche. Hier oben auf einem grünen Hügel redete es sich leichter vom großen Abschied. Seine Villa lag verborgen hinter Pinienhainen und Oleanderhecken. Im Garten setzte sich Mario Adorf unter eine Pergola, darüber rankte wilder Wein. Von all den Ebenen seines Hauses, das sich in Terrassen an den Hang lehnte, schaute er hinab zur Küste der Côte d’Azur. Meist hinein in sein bevorzugtes Blau.

"Dieser Gedanke hat für mich nichts Trauriges"

"Azzurro" war eine der Lieblingsmelodien, die er gern vor sich hinsummte. Auch gegen die Wehmut, die manchmal aufzog in seinem Gemüt, sogar hier in seinem Paradies. So viele Ausgekochte und Abgebrühte hatte er gespielt in seinem Leben. Jetzt bloß nicht sentimental werden! Und doch waren da schwere Gedanken: "Was, wenn dieser Sommer, der sich bald davonmacht, sein letzter wäre?", dachte er schon damals im Jahr 2019. Da saßen wir im Garten und blickten hinunter zur blauen Küste der Côte d’Azur. Mario Adorf erinnerte sich gerne – so lange, bis der Abend kam und die Lichter in den Cafés und Bars zu glimmen begannen. Dann zog hier oben jedes Mal eine Stille auf, in die nur das Zirpen der Zikaden drang. Es war eine Stille, die nachklang – ebenso wie die Worte Adorfs nachhallten, wenn er aufhörte zu erzählen.

In unseren Gesprächen beschrieb er oft das "große letzte Mal". Er erzählte, wie er sich ausmalte, dass er Menschen, Orte und Dinge ein letztes Mal genießen würde. "Dieser Gedanke hat für mich nichts Trauriges, sondern es befriedigt mich sogar, diese Augenblicke bewusst zu empfinden." Schon immer umgab diesen Weltstar etwas Unerklärliches. Jene typische Adorf-Aura, von der es hieß, er habe mit ihr einen Raum, den er gerade erst betreten hatte, aus dem Stand heraus für sich einnehmen können. Manchmal kam es einem sogar so vor, als wäre seine Aura schon vor ihm da gewesen. Etwa, wenn er irgendwo entfernt sprach. Seine Stimme mit diesem Kaminknistern kündigte ihn dann schon von Weitem an. Und ergriff Besitz von einem.

Eine traurige Kindheit

Sprach ich ihn an auf den Goldnugget, den er verborgen unter seinen Hemden an einer langen Halskette trug, dann brummte er, dass der ihm "nichts weiter bedeute". Denn das Glück, das war ihm auch ohne Talisman immer gewogen. Durch alle Zeiten. Wenn er nachts ganz allein durch seinen Garten in St. Tropez spazierte und ich seine Schritte über den Kies knirschen hörte in meinem Bett, musste ich mir manchmal vorstellen, wie diesen Mann von Kindesbeinen an eine Einsamkeit umgeben hatte.

Denn seine geliebte Mutter – der italienische Vater hatte sich davongemacht – musste ihn unter der Woche ins Waisenhaus von Mayen geben. Als Näherin arbeitete sie Tag und Nacht, um den Buben durchzubringen. Vielleicht behielt Mario Adorf ein Stück eben jener Einsamkeit lebenslang. Er verwandelte sie in eine seiner Stärken.

Der Wunsch: Für immer in München bleiben

Rainer Maria Rilke, von dem Adorf ein paar Gedichte rezitiert hatte, schreibt: "Es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; dass etwas schwer ist, muss uns ein Grund mehr sein, es zu tun." Dass etwas schwer ist, war für Adorf immer ein Grund, es zu tun. Mit seiner "schweren Einsamkeit", aber sicher auch mit einer eleganten Egozentrik brachte er es an eine im wahrsten Wortsinn einsame Spitze. Was er vermisste, das waren wahre Freundschaften. "Sie zu pflegen, versäumte ich zeitlebens. Das war ein Fehler", sagte er.

Wenn ich damals in St. Tropez von ihm Abschied nehmen musste und sich das Tor vor seinem Haus öffnete, fühlte es sich an, als ob ein Vorhang fiel. Man umarmte einander und ich stieg in den Wagen. Schaute noch einmal in den Rückspiegel. Dort auf der Straße vor seinem Haus stand er. Hob die Hand, winkte lange nach. Bis der Mann aus dem Rückspiegel verschwand. Und doch bei einem blieb. Bis heute.

An Heiligabend 2025, zur Bescherungszeit, rief er ein letztes Mal an. Er sagte, dass er nun in Paris sei und dort auch bleiben wolle. So gern er auch noch einmal nach München gekommen wäre. Da ahnte ich, dass er sich vorbereitet hatte auf seine letzte Reise. Vielleicht, so hoffe ich, kommt er doch noch einmal zurück zu uns. Zum Bogenhauser Friedhof. Dort, wo Fassbinder liegt. Dietl. Fischer. Eichinger. Dort, so sagte er mir, würde er gerne eines Tages für immer bleiben.

Tim Pröses Biografie "Mario Adorf. Zugabe!" erschien 2019 im Kiepenheuer & Witsch Verlag und kostet als Taschenbuch 16 Euro.

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