Einst fast ausgerottet: Seltene Vogelart brütet jetzt mitten in München

Ein großer schneller Schatten zieht über ein LBV-Biotop im Münchner Norden. Was auf den ersten Blick wie eine Krähe scheint, entpuppt sich auf den zweiten als Kolkrabe. Mächtige schwarze Vögel mit einer Flügelspannweite von bis zu 150 cm. Sie sind die "großen Brüder" der Krähen, aber deutlich seltener zu beobachten.
Brütende Paare gab es in München bislang nur vereinzelt am Stadtrand, etwa in Haar oder im Landschaftsschutzgebiet Schwarzhölzl. Doch in diesem Jahr konnte der LBV zum ersten Mal eine Brut im Stadtgebiet nachweisen.
Genauer gesagt, sind gleich zwei gesicherte Brutnachweise gelungen. "Das ist ein Novum für München, denn zuvor waren in der Stadt keine Brutvorkommen bekannt", so Isabel Rohde, Leiterin für Vogelkunde und Vogelschutz beim Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV).
Die Vogelart waren schon einmal fast ausgerottet
Isabel Rohde erklärt: "Kolkraben wurden bis in die 1940er-Jahre intensiv bejagt und waren in ganz Mitteleuropa so gut wie ausgerottet." Obwohl sie Mäuse und Insekten vertilgen, galten sie früher als Schädlinge in der Land- und Forstwirtschaft und hatten als aasfressende ‚Galgenvögel’ ein schlechtes Image.
Nachdem sich die Bestände erholt hatten, kämen sie in Bayern eigentlich vorrangig in offenen Landschaften und im Gebirge vor. Von 1200 bis 1500 Brutpaaren geht man derzeit aus. "Dass wir sie jetzt als Brutvögel in München haben, ist eine Sensation", so Rohde.
Worin unterscheiden sich Raben und Krähen?
Der Rabe ist der größte Singvogel der Welt und übertrifft mit seinem Gewicht und seiner Körperlänge sogar den Mäusebussard. "Raben sind gute 10 Zentimeter größer als Krähen und haben einen auffallend kräftigen Schnabel. Außerdem treten sie nicht im Schwarm, sondern meist als Paar auf – das ist wohl der offenkundigste Unterschied." Auch anhand ihrer Rufe sind die Arten zu erkennen. Während Krähen "Kräh Kräh" krächzen, rufen die Raben ein typisch grollendes "Krook Krook", dem sie auch ihren Namen verdanken.
Fühlen sich die Vögel wohl, bleiben sie auch
Weil Kolkraben genau wie die Krähen sehr intelligent sind, geht der LBV München davon aus, dass die Bruten im Stadtgebiet zunehmen werden. "Haben die Raben einmal gemerkt, dass sie in der Stadt gut zurechtkommen und ihren Nachwuchs großziehen können, geben sie diese Information weiter", schätzt Isabel Rohde. "Einem angenehmen Revier bleiben sie ein Leben lang treu – genau wie ihrem Partner oder ihrer Partnerin."
Ökologisch gelten Kolkraben als besonders wertvoll. Sie gelten als "Gesundheitspolizei der Natur", weil sie Aas und kranke Tiere beseitigen. "Und: Wo Raben auftauchen, verschwinden Krähen. Sie sind einfach größer und stärker, da ziehen sich die kleineren Saat- und Rabenkrähen zurück".