"Das ist gefährlich": Wie eine Ampel am Mittleren Ring Menschen mit Behinderung hetzt
Schrille Töne von Trillerpfeifen schneiden durch die Luft und das dröhnende Poltern von Trommeln hallt bis tief in der Magengrube nach. Hier an der Chiemgaustraße Ecke Traunsteiner Straße haben sich am Dienstagvormittag etwa hundert Menschen in gelben Warnwesten versammelt. Viele von ihnen sitzen im Rollstuhl – und alle wollen auf einen Missstand aufmerksam machen: die Ampelschaltung.
Viel zu kurz sei die Grünphase. So kurz, dass sogar Menschen, die sonst recht zügig unterwegs seien, Schwierigkeiten hätten, die vier Spuren bei grün vollständig zu überqueren. Für Menschen im Rollstuhl oder mit einem Taststock – fast unmöglich.
Menschen mit Behinderung fühlen sich am Mittleren Ring gehetzt – die Stadt erkennt "keine zwingende Handlungsnotwendigkeit"
Schon vor einem Jahr hätten die Betroffenen im Rahmen des 5. Mai, dem "Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung", für eine längere Grünphase demonstriert.
Merklich verändert habe sich seitdem nichts, sagt Mitorganisatorin Melanie Bergzoll. Sie ist Teil des Projekts "Ois inklusiv!" vom Nachbarschaftstreff Giesing und sitzt selbst im Rollstuhl. Die Giesingerin erklärt der AZ, weshalb diese Ampel so wichtig ist: "Hier sind viele Behinderteneinrichtungen. Viele haben Blindenstöcke oder Rollstühle. Diese Menschen kommen nicht rechtzeitig über die Straße. Teilweise bleiben sie dann stehen, weil sie Angst kriegen – das ist einfach gefährlich."

Die Demonstranten fordern deshalb erneut, dass die Grünphase in Zukunft länger anhält – etwa weitere zehn Sekunden – um sicher und ohne Stress über die vier Spuren zu kommen. "Das schadet ja keinem. Vor allem ist das eine Sache, die, denke ich, einfach umzusetzen ist", findet Melanie Bergzoll. Sie zeigt sich zuversichtlich, dass sich nun etwas bewegt, und fühlt sich auch vom Bezirksausschuss gehört, sagt die Giesingerin. Bislang sei es noch an der Stadt gescheitert.
Das sieht auch Carmen Dullinger-Oßwald so. Sie ist aktuell noch Vorsitzende des Bezirksausschusses Obergiesing-Fasangarten, ließ sich allerdings nach über 25 Jahren im BA für die kommende Periode nicht noch einmal aufstellen.
Trotzdem ist sie am Dienstag gekommen. In gelber Warnweste quert sie mit den anderen bei Grün wieder und wieder die Chiemgaustraße.
Nach einigen Sekunden springt die Ampel wieder auf Rot, während einige der Demonstranten noch mitten auf der Straße sind.

Dem Bezirksausschuss sei dieses Problem bewusst, sagt Dullinger-Oßwald. Schon zweimal hätten sie deshalb einen Antrag bei der Stadt eingereicht. "Wir haben zweimal eine Ablehnung gekriegt", erzählt sie. "Die bezogen sich auch darauf, dass das der Mittlere Ring ist."
Für die Noch-BA-Chefin kein nachvollziehbarer Grund. "Ich finde gerade weil das der Mittlere Ring ist, wo soviel Verkehr ist und außenrum diese ganzen Stätten sind für Menschen mit Beeinträchtigungen, muss man das verändern. Und dann ist da auch noch die Schule, das heißt, dass auch Kinder gefährdet sind."
Man munkelt, die Stadt habe der Schule von einer Teilnahme abgeraten
Die Münchnerin spricht von der Grundschule Weißenseestraße in der Weißenseestraße 45, einer Parallelstraße der Chiemgaustraße. Laut dem Elternbeirat hatte eigentlich auch die Grundschule vor, sich an dem Protest zu beteiligen. Daraus wird dann leider doch nichts. Man munkelt, die Stadt habe von einer Teilnahme abgeraten – wegen des Beamtenstatus der Schulleitung.
Der Protest an der Chiemgaustraße wird an diesem Dienstagvormittag also fast ausschließlich durch die Betroffenen der umliegenden Einrichtungen für Menschen mit Behinderung gestärkt.
Ebenfalls in gelber Warnweste mit dabei: Karoline Zehntner vom Münchner Förderzentrum Giesing. Die 62-Jährige leitet den Tagesbereich der Einrichtung und kenne das Problem ihrer Klienten und Klientinnen gut. Dass sich an der Situation allerdings etwas ändern wird, sieht sie kritisch – und zwar wegen der Interessen der Autofahrer.

"Zur Stoßzeit ab 16 Uhr stehen die Autos. Wenn es dann noch heißen würde: 'Hier ist eine längere Grünphase', dann gäbe es natürlich ein großes Drama", sagt sie. Ob sie mit ihrer Vorahnung recht behält? Zumindest will sich das Mobilitätsreferat die Situation noch einmal ansehen, wie die AZ von der Stadt erfährt. Grund hierfür sei der "altersbedingte Geräteaustausch" der Ampeln.
Bisher konnte eine "zwingende Handlungsnotwendigkeit" allerdings "nicht erkannt werden". Und das, obwohl man laut eigener Aussage in den letzten Jahren immer wieder selbst vor Ort war, um die Lage zu bewerten – "teilweise auch mit betroffenen Personen".
Die Stelle an der Chiemgaustraße erfülle die Rahmenbedingungen, sagt die Stadt
Das Referat verweist auf die sogenannte "Schutzzeit", also die Zeit, in der die Ampel für Fußgänger zwar schon rot zeigt, für Autofahrer allerdings auch noch. Innerhalb der gesamten Zeit, also der Grünphase und der Schutzzeit, solle es laut der Stadt auch für mobilitätseingeschränkte Personen möglich sein, die Fahrbahn "ohne übertriebene Eile komplett zu queren". Bei der Stelle an der Chiemgaustraße würden diese Rahmenbedingungen eingehalten. Der "Zeitbereich von insgesamt 25 Sekunden" sei ausreichend, schreibt sie.
Während die Stadt also sagt, dass keine Gefahr bestünde, wenn man innerhalb der Grünphase die Straße betrete, fühlen sich die Betroffenen unsicher. Ob das Wissen über eine Schutzzeit daran etwas ändert? Schließlich haben die meisten schon früh verinnerlicht, dass eine rote Ampel schnell zur Gefahr werden kann – und dass man sich im Zweifel besser beeilt.
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