"Das Gegenteil von Schwabing": Simon Pearce zeigt besonderes Münchner Viertel
Vierspurig tost der Mittagsverkehr vorbei an der Grünwalder Straße, eine Tram rattert. Fußgänger sind nicht zu sehen, dafür verrußte Fassaden. "Einfach geil", sagt Simon Pearce an einem heißen Dienstagmittag unten vor den alten Kassenhäusln des Sechzgerstadions. "Hier ist in manchen Ecken wirklich die Zeit stehen geblieben."
Das mag für Giesing als Ganzes gelten, wo das Verhältnis Stüberl zu Biomarkt noch nicht 1:10 ist (aber auch nicht mehr 10:0). Für Simon Pearce gilt das im Viertel aber auch deshalb, weil wahnsinnig viele Erinnerungen drinstecken.
Zum Beispiel hier an der Grünwalder Straße. Pearce zeigt hoch auf einen jener Altbauten, aus denen man einen Blick aufs Spielfeld hat. Und erzählt die Geschichte, wie er in der Regionalliga-Saison vor neun Jahren regelmäßig dort oben mit seinem Spezl, der in der Wohnung wohnt, die Spiele geschaut hat. "VIP-Lounge Giesing", stand auf der Fahne, die sie raushängten.

"Ich hab immer Leberkas mitgebracht", sagt Pearce. Besonders großen Ansturm gab es mal bei einem Geisterspiel: "Da haben Allesfahrer geklingelt und dreistellige Summen geboten". Einmal meldete sich auch Ivonne Mölders, die Ehefrau der Wampe von Giesing, bei ihm und kam gemeinsam mit einer anderen Spielerfrau in die "Lounge". "Sascha hat dann auch noch getroffen – und zu uns hochgejubelt", erinnert sich Pearce.

Auch der damalige Stadionsprecher Stefan Schneider habe irgendwann nicht nur die Fans in der Westkurve gegrüßt, sondern auch "die Fans in der VIP-Lounge Giesing". Pearce findet das immer noch ziemlich lustig – auch wenn die Lounge inzwischen Geschichte ist, alle Beteiligten lieber im Stadion selbst die Spiele schauen.
Bei Sechzig waren plötzlich alle wie Papa
Zu den Löwen brachte ihn ganz klassisch als Kind der Papa. Der Löwenbräu am Grünwalder war da noch der Wienerwald. Hier gab es das erste Mal Spezi und sechs Chickensticks für den kleinen Simon. Eingebrannt hat sich aber auch noch was anderes: "In Puchheim draußen waren wir ja nicht nur wegen unserer Hautfarbe Außenseiter, sondern auch als Sechzger", sagt er. Das sei beim ersten Stadionbesuch ein Wahnsinnsgefühl gewesen. "Hier waren plötzlich alle wie der Papa mit seinem Sechzgerschal."
Später spielte er als Kind sogar bei den Löwen, durfte Ballbub bei den Profis sein. Heute geht er mit seinem eigenen Sohn zu den Spielen – und liebt den Standort.

Dass die Ausbaupläne in diesen Wochen überraschend konkret wirken und OB Krause offenbar kein Veto einlegen will, findet er super. "Das ist doch richtig cool, dass der Dominik da zu seinem Wort steht", sagt er.
Warum es als Stadionsprecher bei den Löwen besonders emotional war
Bleibt der Traum, noch mal den Stadionsprecher zu machen. "Ein zweites Mal wäre schon gut", sagt Pearce und erzählt vom ersten Versuch: "Ich war wahnsinnig nervös, dass mir der Comedian durchgeht mit irgendeiner Bemerkung, die nicht passt." Besonders emotional sei der Auftritt deshalb gewesen, weil sein Bruder ihm kurz davor geschrieben hatte, dass der Papa sicher stolz auf ihn sei und vom Himmel aus zuschaue.
Überhaupt der Papa. Auf ihn kommt Pearce beim Giesing-Spaziergang immer wieder zu sprechen. 2004 wurde er am Ostfriedhof begraben, 2023 kam die Mama dazu.

"Ein Freund, der mit meinem Papa aus Nigeria gekommen ist, hat die Skulptur auf dem Grabstein gemacht." Es ist ein Grabstein, der am Ostfriedhof auffällt. "Elegant in der Tropfenform, der steht sinnbildlich für meinen Papa, ein kleiner Mann mit Ausstrahlung", sagt Pearce.

Und erzählt, dass er nicht gläubig sei. "Aber das hier ist mein Ruheort, ich komme hierher, habe afrikanische Musik auf den Ohren, erzähle ihm, was passiert ist oder bitte um Hilfe."
"Und trotzdem mehr Gäste als Zähne"
Draußen im Viertel geht es dann schnell wieder um andere Themen – in Giesing selbstverständlich auch ums Biertrinken: Die Stüberlkultur ist was Wunderbares, sagt Pearce.

Und wechselt fix in den Kabarett-Modus. "Gut sind Kneipen, wo mehr Spielautomaten als Gäste sind", sagt er an der Tegernseer Landstraße. "Und trotzdem mehr Gäste als Zähne." Er mag aber auch die etwas jüngeren Läden, das Schau ma moi, das Bamboleo, das Alt-Giesing ("schön, dass da auch Hip-Hop läuft, meine alte Musik"). Und beschreibt ein Löwen-Fan-Phänomen: "Nach dem Spiel geht man von Tür zu Tür, aber eigentlich oft gar nicht zur Tür rein." Draußen vor den Wirtschaften stehen, ratschen: herrlich! Das ist nach dem Spiel einfach eine schöne Art, sich zu freuen oder aufzuregen", sagt er. "Also bei Sechzig meistens: sich aufzuregen..."
So gar nicht aufregend geht es hingegen an diesem Dienstagnachmittag im Sommer in den kleinen Nebenstraßen Untergiesings zu. Pearce will der AZ unbedingt noch die kleine Voßstraße zeigen, wo er schon öfter gedreht hat, zuletzt für die neue Mini-Serie "München-Beats".

Hier stehen alte grüne Wohnblöcke, nichts, aber auch gar nichts, wirkt modern, hip, schick. "Hier stellt man acht alte Autos hin und eine gelbe Telefonzelle: Zack, fertig", sagt Pearce über die filmischen Zeitreisen. Noch so ein Ort also, der zeigt, dass die Zeit irgendwie stehen geblieben ist. In jenem Giesing, über das Pearce sagt, es sei "das Gegenteil von Schwabing".
Was aus seinem Mund offensichtlich ein sehr großes Kompliment ist.

Das sind die AZ-Sommerspaziergänge mit Simon Pearce
Diese Stadt hat einfach meine Temperatur, meine Geschwindigkeit", hat Simon Pearce 2021 in einem großen München-Gespräch in der AZ gesagt. Seit 2024 nun streift er einmal im Jahr mit der AZ durch ein Viertel, um gemeinsam diese Temperatur, diese Geschwindigkeit zu vermessen.
2024 ging es stundenlang durchs sommerliche Haidhausen, sein Herzens-Viertel. Hier zeigte er das Haus, in dem er einst seine erste eigene Wohnung bezogen hatte, erster Stock direkt an der Rosenheimer Straße, 35 Quadratmeter für 600 Euro warm.
Hier schwärmte er an den Herbergshäusln der Preysingstraße, dass München so etwas Entschleunigtes habe im Vergleich zu anderen Großstädten. Hier zeigte er seinen alten Lieblingsmetzger, den Vogl an der Steinstraße, erzählte von seiner Familiengeschichte, die so eng mit Haidhausen verwoben ist.
Pearce nun am Gärtnerplatz daheim
An einem grün gestrichenen Altbau nahe dem Rosenheimer Platz zeigte er hoch zu einem Seitenflügel, wo seine Mama, die Volksschauspielerin Christiane Pearce-Blumhoff, einst ihre Wohnung hatte. Zu Zeiten des neuen Rauchverbots habe seine Mutter gesagt: "Wenn man in der Kneipe nicht mehr rauchen darf, dann rauchen wir eben bei mir." Die Folge: große Feiern jeden (!) Montag, teilweise seien 60 Leute da gewesen.
Die Lebensfreude, sie steckt offenbar tief in der Familien-DNA. Dazu passt, wie sehr Simon Pearce immer noch das Johannis Café liebt, jenen Ort, an dem das alte und das junge München in sehr langen Nächten so gut und wild zusammenkommen können wie kaum irgendwo sonst. Pearce selbst allerdings ist mittlerweile seit vielen Jahren im Gärtnerplatzviertel daheim ("für meine Familie bin ich der Aussätzige von der anderen Isarseite").
Klartext zur Lärm-Debatte
Wie und wie gerne er dort lebt, hat er der AZ 2025 bei einem ausgiebigen Sommerspaziergang gezeigt. Mit dem Viertel war er schon verbunden, als er als Jugendlicher noch in der Vorstadt lebte, in der Glockenbachwerkstatt rappte. Später organisierte er eine Partyreihe im MC Müller mit, das Holy Home zum Beispiel gehört eh seit Jahrzehnten zu seinen Lieblingskneipen.

Auch an die Nächte der Nullerjahre hat er noch (manche) Erinnerungen. "K&K-Club, X-Cess, Anti, am Ende noch ins Pimpernel, das war die Todesrunde", erinnert er sich. Doch auch heute mit Familie findet er das Viertel (trotz aller Sorge um die atemlose Gentrifizierung) einen sehr feinen Ort. Am Gärtnerplatz sagt er im Sommer 2025: "Hier zu wohnen und zu dem Viertel dazu noch die Isar-Nähe, das ist doch Champions League."
Auch die Lärm-Debatten findet er eher absurd, wenn man mitten in der Stadt lebe, gehöre das halt dazu. Und tatsächlich, an jenem Sommertag 2025 wirkt Pearce völlig eins mit dem Viertel. Nicht nur, dass er mehr stehen bleibt als schlendert, weil es an jeder Ecke etwas zu erzählen gibt, er wird auch ständig von Freunden und Bekannten gegrüßt. Pearce und Haidhausen, Pearce und das Gärtnerplatzviertel, Pearce und Giesing: Passt alles wunderbar. Mal schauen, welchen Viertel-Spaziergang der leidenschaftliche Münchner der AZ 2027 vorschlägt.

