"Dann ist Schluss mit Champagner“: Wirte laufen Sturm gegen Grüne-Pläne
Odeonsplatz am eisgrauen Montagmittag. Nicht viel los auf der Ludwigstraße, die hier üppige sechs Fahrspuren breit ist. Vier Grad, Schneematsch und Niesel, das ist einfach nicht das Wetter für einen Aperol Spritz draußen beim Tambosi mit Blick auf Feldherrnhalle und Theatinerkirche. Oder für Da-schau-her-Ausfahrten mit Nobelkarossen.
Im Sommer, sagt Szenegastronom Pino Crocamo lachend, da stehen die Porsches, Ferraris und Lamborghinis sauber aufgereiht auf dem Gehsteig vor seinem Tambosi. Abgeschleppt wird nicht. "Und Strafzettel machen diese Leute nicht arm. Aber vorher drehen sie noch zwei, drei Showrunden an der Lambo-Wendeschleife. Wozu brauchst du sonst so ein Auto."
Die Autobremser-Pläne der Grünen
Womit man schon beim Thema wäre. Natürlich hat Pino Crocamo von den Autobremser-Plänen gelesen, die Münchens grüner Bürgermeister Dominik Krause am Montag in der AZ erklärt hat. Dass er vom Odeonsplatz bis zur Galeriestraße die Fahrspuren von sechs auf zwei schrumpfen will, auf nur noch eine pro Richtung. Dass Autos nicht mehr in die noble Brienner Straße hereinfahren sollen, sondern vorher auf den Oskar-von-Miller-Ring abbiegen.
Dass künftig also nur noch Busse, Taxis, Anwohner und Radler an seinem Tambosi vorbeifahren sollen. Auf dem breiten Restplatz sollen sich dann Fuß-Flaneure entspannt breitmachen.

"Ein Sechser im Lotto. Einerseits."
"Für mich wäre das ein Sechser im Lotto. Einerseits", sagt Crocamo, "weil so eine grüne Promenade viele Touristen anziehen würde." Andererseits – und da verfinstert sich die Miene des Neapolitaners – "bleiben dann die Lambo- und Ferrarifahrer weg. Wenn man ihnen den Spaß an der Wendeschleife wegnimmt, kommen sie nicht mehr. Von diesen Gästen leben wir aber. Dann ist Schluss mit Champagner."
Was er überhaupt schon eine Weile merke: "Das Deutschlandticket bringt viele Touristen in die Stadt", sagt Crocamo, "aber nicht die, die München Geld bringen. Sie sitzen stundenlang mit einem Kaffee da, besetzen die Plätze in der Sonne und verdrängen die Münchner Stammgäste, die Geld ausgeben."
"Kunden würden sich einen neuen Friseur suchen"
Keine rosigen Aussichten demnach für die schicken Läden und Edel-Boutiquen rund um den Odeonsplatz. Das kann man so ähnlich auch nebenan bei Vidal Sassoon hören, der zu den exklusivsten Friseuren Münchens gehört. Eine Promenade sei schon was Schönes, sagt Kreativdirektorin Anne Schultz. "Aber etwa ein Drittel unserer Kunden kommt mit dem Auto, aus Grünwald, Rosenheim, aus Liechtenstein." Wenn man ihnen die Anfahrmöglichkeit nähme und auch die Parkplätze, würden sie sich einen neuen Friseur suchen. "Gut wäre das sicher nicht für uns."

Showrooms für Luxusautofans
Der Odeonsplatz – er ist auch eine Art Schaufenster für Luxusautofans. Ein paar Schritte nördlich des Tambosi hat Ferrari einen Showroom. Gegenüber zeigen die Marken Lucid Motors und Cupra ihre Elektro-SUVs. Auch Mercedes-Benz hat vor der Theatinerkirche ein Studio.
Bei Ferrari, immerhin, mag man sich äußern zu der Promenade-Idee. Empfangschef Eron Bytyci wirft einen Blick auf eine Liste, auf der er täglich die Zahl der Kunden und Touristen notiert, die hereinschauen.
Die Zahl der Touristen überwiegt. Wohlhabende Gäste aus Indien, Italien, Dubai begrüße er häufig. "Noch mehr Spaziergänger auf einer Promenade, das kann auch gut für uns sein", meint er. Marketingchefin Kathrin Judenhofer sieht aber auch den Nachteil einer quasi autofreien Straße direkt vor der Ferrari-Tür. Denn wer ein Auto kaufen wolle, sei nun mal Autofahrer.

"Bitte auch mal ein Erbe bewahren"
Was sagt also jemand, der zu Fuß unterwegs ist? Aus der Brienner Straße spaziert der ehemalige Banker Günter Ruck (60) heraus. "Begrünung? Radwege? Finde ich toll", erklärt er heiter. Um hinterherzuschieben: "Ich bin trotzdem dagegen. Es würde doch auch keinem einfallen, auf den Frauendom eine Solaranlage draufzubauen."
Die Ludwigstraße, das sei doch eine Monumentalstraße, eine Prachtstraße, von König Ludwig I. mit Absicht genau so und ohne Bäume gewollt. "Man muss doch bitte auch mal ein Erbe, einen Kulturschatz, bewahren." Und wie solle künftig am ersten Wiesnsonntag der Trachten- und Schützenzug über die Ludwigstraße zur Theresienwiese marschieren – mit lauter Begrünungshindernissen? "Eine Unsinnsidee an diesem Ort", meint der Passant.
Wettbewerb: Es dürfte noch Diskussionen geben
Das letzte Wort ist sowieso noch nicht gesprochen. Noch sind die Zukunftsbilder zum Odeonsplatz und der Ludwigstraße, die die Grünen vorgelegt haben, von einer Künstlichen Intelligenz ausgedacht.
Das Ergebnis des Wettbewerbs, den der Stadtrat vor einem Jahr beschlossen hat, soll am 13. Februar öffentlich werden. Es dürfte eine Menge Diskussionen geben.
