"Da stinkt es überall": Das sind aktuell die Aufreger in der Münchner City

München möchte Weltstadt sein. Bereit für ein olympisches Fest — wie in Paris. Und kämpft entlang der Fußgängerzone mit dem Sterben von Traditionsgeschäften, Baustellen und Sicherheitsdefiziten. Die spürbare Folge: Der Ruf der City leidet. Viele Flaneure bleiben weg.
Jüngste Zählungen besagen, dass am Stachus die Passantenzahl einbricht. "Quo Vadis Innenstadt München?" war so das Thema der Podiumsdiskussion, zu der die Opes Immobiliengruppe mit dem Verein City Partner in den Saal St. Michael in der Maxburgstraße eingeladen hatte. Das Publikum: rund 60 Gäste.
Am Stachus bricht die Zahl der Passanten ein
SZ-Redakteur Sebastian Krass moderierte die Runde. Nina Hugendubel vom Verein City Partner, die auch am Stachus eine Buchhandlung betreibt, erklärt, dass sie inzwischen eine Sicherheitsfirma engagiert hat. Die Situation am Karlsplatz habe sich jedoch gebessert durch Kameras, mehr Polizeipräsenz und die Veränderungen im Alten Botanischen Garten.
Im Tal stinkt es überall.
"Bei der Sicherheit muss die Stadt etwas tun. Im Tal stinkt es überall, und es gibt einen Grund, dass es stinkt, es liegt an den Bettlern. Das schreckt ab", meint Ex-CSU-Stadtrat Hans Hammer von der Hammer AG. Zusammen mit Opes baut er die Alten Akademie in der Neuhauser Straße fertig, zu einem "urbanen Zentrum". Gerade wurde bekannt, dass dort auch Luxus-Appartements errichtet werden, die in Zukunft auch tageweise vermietet werden können (AZ berichtete).
Alte Akademie: "Jeder kann mieten"
Auf die Frage, ob lokale Firmen die Chance erhalten, sich in die Alte Akademie einzumieten, meint der Immobilienunternehmer: "Es ist demokratisch. Jeder kann bei uns mieten, Konzerne, aber auch Münchner Unternehmen."
In der Münchner Fußgängerzone fordert das Plenum eine "höhere Attraktivität". Hans Hammer hofft "auf vier verkaufsoffene Sonntage vor Weihnachten." Zudem wünscht er sich, "dass die Lange Nacht der Musik verbunden wird mit Öffnung der Geschäfte in Shoppingnächten."
Wir dürfen die Fußgängerzone neu denken
"Wir erleben die Erleichterung nach den Maßnahmen im Botanischen Garten. Wir müssen weitermachen", sagt Jürgen Büllesbach von der Opes Immobiliengruppe. Seine Anregung: "Die Fußgängerzone dürfen wir neu denken! Statt nur durchzuströmen, haben die Leute heute mehr Zeit. Sie verweilen. Wir sollen darauf reagieren und im öffentlichen Raum mehr Aufenthaltsqualität schaffen. Wir müssen mutig sein und bereit sein, etwas auszuprobieren", so Büllesbach.
Der Plan: Die Fußgängerzone mehr aufmachen
Ihr Arbeitsweg führt Stadtbaurätin Elisabeth Merk (parteilos) täglich durch die Fußgängerzone. Sie stellt fest: "Diese Axialität ist Vergangenheit. Wir müssen sie mehr in die Nebenstraßen öffnen, wie mit der Kapellenstraße."
Ihre Vision lautet, wie in Barcelona oder Kopenhagen: "Die Fußgängerzone mehr aufmachen. Mehr Soziales und Kultur integrieren. Die Projekte sollen eine Gemeinwohl-Infrastruktur mitbringen."
So sollen sowohl obdachlose Menschen versorgt werden. Und auch Familien, die einen Tag in der Altstadt verbringen, sollen es sich leisten können, zum Beispiel einmal essen zu gehen, das Eis später jedoch in der Hand, in einer geschützten Zone genießen zu können.
Belebung schafft Sicherheit
Als gelungene Beispiele nennt sie den temporär belebten und begrünten Max-Josephs-Platz und städtische Gebäude, wie die Kammerspiele, wo das Projekt Habibi Kiosk auch das Falkenbergviertel belebe und bereichere: "Das schafft auch Sicherheit", erklärt Merk. Für drogenabhängige Menschen und "Alkoholbrüder" müssen wir Orte schaffen, fordert Elisabeth Merk: "Diese Menschen haben ein Schutzbedürfnis. Das gehört zur Integration dazu."
"Gruselige" Fassadenwerbung in der Sendlinger Straße
Optisch entdecke sie in der City neue "Gruseligkeiten": Wie die Riesen-Werbung auf der Fassade der Praxisklinik der TV-Schönheitsärzte Dr. Nick und Dr. Rick (mit deren Konterfei) in der Sendlinger Straße: "Das ist grässlich. Die machen mich fertig. Es drückt Werbung rein in die Stadt, die Mist ist", kritisiert das die Stadtbaurätin. Die Herausforderung laute: "An der richtigen Stelle großzügig sein."
Wenn nur Baustellen sind, haben die Leute keine Lust mehr auf die Stadt
Architekt Matthieu Wellner gibt zu bedenken, dass städtischer Boden, einmal für Baustellen aufgerissen und nicht sauber wieder zugemacht, für Müll, Tags und Graffiti sorge. Dagegen helfe "Disziplin". Man müsse die Ruinen verschwinden lassen. "Wenn nur Baustellen sind, haben die Leute keine Lust mehr auf die Stadt", sagt Wellner. Hierbei ist der aktuelle Stand beim Leerstand Hertie am Hauptbahnhof und in der Schützenstraße interessant. "Es geht überall tatsächlich weiter", verkündet Elisabeth Merk.
Alte Traditionsläden sind verschwunden
Traditionsgeschäfte wie das Herrenmodehaus Eckerle in der Theatinerstraße, Sport Münzinger am Marienplatz und Kaut-Bullinger für Papier- und Bürobedarf in der Rosenstraße sind verschwunden. Michaela Pichelbauer von der Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel äußert sich dennoch optimistisch: "Ich finde, München hat wahnsinnig viel Substanz, auch baulich. Deswegen kommen die Touristen." Sie nennt Läden, wie Betten-Rid, Hugendubel und Sport Schuster, die Experten einladen und Aktionen machen, also viel für ihre Kunden tun: "Ich finde diese Community-Building-Effekte funktionieren nicht so schlecht", sagt sie.
Hugendubel will Gastgeber für die Kunden sein
Die Münchner Buchhändlerin Nina Hugendubel erlebt Folgendes: "Der Online-Handel ist Normalität. Deswegen schaffen wir Erlebnisse, dass Kunden lange im Geschäft bleiben, einkaufen und mit einem guten Gefühl rausgehen." Für die Zukunft denkt sie: "Es geht um die kleinen Dinge. Kunden willkommen heißen, Gastgeber sein, nicht um die Riesen-Veranstaltung."
Die Zukunft? Fuzo wird zum vernetzten Altstadtquartier
Der Ausblick für die City: "Vielleicht sollten wir nicht mehr von der Fußgängerzone sprechen, sondern sie als Altstadtquartier verstehen, was flexibler ist und Vernetzung zulässt", überlegt Elisabeth Merk.
Wir brauchen in der City Attraktionen, die neu sind!
Sie fordert ganz klar: "Wir brauchen in der City Attraktionen, die neu sind. Vielleicht eine wahnsinnig tolle Weihnachtsskulptur, wie in Rom an der Piazza del Popolo?" Merk findet jedenfalls: "Notwendig ist ein Tick mehr Mut als eine schöne Weihnachtsbeleuchtung. Die Fußgängerzone braucht mehr künstlerische Qualität. Und das erwarte ich mir von der Alten Akademie!“