CSU schlägt Alarm: Gasteig HP8 verdrängt Gewerbe
Vom Reifenhändler kündet nur noch eine Wandmalerei hinter der Isarphilharmonie. Dominik Senjak ist mit seiner Familie wieder nach Kroatien zurückgegangen. In dem früher von ihm und einer weiteren Autofirma genutzten Flachbau an der Hans-Preißinger-Straße soll ein Proberaum für die Ensembles entstehen, die derzeit den noch Chorprobesaal im (alten) Gasteig an der Rosenheimer Straße nutzen. Der muss demnächst geräumt werden, wenn die jahrelang verzögerte Sanierung des Kulturzentrums (hoffentlich) beginnen soll.
Autobetrieb und andere Firmen müssen gehen
Der in den letzten 26 Jahren auf dem Gelände beheimatete Autofolier-Betrieb Coat’n Cast zieht in diesen Tagen nach Baierbrunn um und geht der Stadt als Gewerbesteuerzahler verloren. Die Stadtwerke haben seine Räume gekündigt, weil der Gasteig dort Büros einrichten will. Aber damit nicht genug: Weitere Betriebe auf dem Gelände sind von der Kündigung bedroht, denn der Platzbedarf des städtischen Kulturzentrums scheint unersättlich zu sein.
Am Mittwoch besuchte OB-Kandidat Clemens Baumgärtner (CSU) zusammen mit dem für den Stadtrat kandidierenden Bezirksausschussmitglied Laurenz Kiefer (CSU) die Betroffenen. Der ebenfalls auf dem Gelände ansässige Architekt Clemens Bachmann beklagte den ruppigen Stil der Gasteig GmbH und ihrer Geschäftsführerin Stefanie Jenke, Christina Koepf vom Büro Designliga lobte das einmalige Biotop aus Gewerbebetrieben und kultureller Nutzung, das hier zerstört zu werden droht und dessen bisheriges Funktionieren fast eine gesellschaftliche Utopie im Kleinen war.
Clemens Baumgärtner als Kümmerer
Der OB-Kandidat und sein Parteifreund hörten geduldig zu. Er könne nichts versprechen, sagte Baumgärtner, dessen Worte, wenn er persönlich wird, im Tonfall immer etwas münchnerischer und bairischer werden. Er habe Verständnis für den Raumbedarf der Gasteig GmbH, die – wenn die Sanierung nach Plan läuft und der neue Stadtrat den nächsten Schritt beschließt – im Herbst das Kulturzentrum am Isarhochufer räumen, was auch ein Ende der Zwischennutzung durch die Fat Cat bedeutet.

Baumgärtner äußerte aber auch viel Verständnis für die Betroffenen. Die ärgern sich unter anderem auch darüber, als Gewerbesteuerzahler für die von ihnen finanzierten Subventionskultur weichen zu müssen. Und das bei – teilweise – großem Verständnis für die Bedürfnisse des Kulturbetriebs.
Der frühere Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner und die Stadtrats-SPD hätten eine tolerante Koexistenz zwischen den teilweise seit Jahren ansässigen Betrieben und der kulturellen Nutzung versprochen. Seine Nachfolgerin Jenke gehe hingegen mit der Brechstange vor, sie kommuniziere kaum, lasse sich nicht in die Karten schauen und sei zu Kompromissen nicht fähig – so zumindest der Eindruck aller Betroffenen.
Leben und Leben lassen
Für Ärger sorgt auch das Argument „Wohnungsbau“. Tatsächlich wollen die Stadtwerke an der Hans-Preißinger-Straße Werkswohnungen errichten. Allerdings erst nach dem Ende der kulturellen Nutzung, wenn der Gasteig in Haidhausen wieder bezogen wird – also nicht akut und frühestens in einem knappen Jahrzehnt. Und falls dann Geld dafür vorhanden ist.
Buhmann der Gewerbebetriebe ist der Gasteig-Aufsichtsratschef und Zweite Bürgermeister Dominik Krause. Der Grüne gilt ihnen als Autofeind und damit auch als Feind der Kfz-Branche. Krause soll gesagt haben, er wünsche sich das Gelände autofrei – wirklich dabei war allerdings niemand, als dieses Zitat gefallen sein soll.

Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für den Autofreund Baumgärtner, der die Gelegenheit nutzte, die Anekdote zu erzählen, der städtische Mobilitätsreferent habe einmal Handwerkern die Vorzüge eines Lastenrads bei der Anfahrt zu innerstädtischen Kunden erläutert: mit vergleichsweise geringem Erfolg natürlich.
Ernster zu nehmen sind andere Vorschläge Baumgärtners: Schon jetzt werden Teile des benachbarten Großmarkt-Geländes als Lager für den Umbau des Heizkraftwerks Süd gegenüber dem Gasteig HP8 genutzt. Hier sei genug Platz, außerdem seien nach der Sanierung des Elisabethmarkts genügend Container vorhanden, die der Gasteig als Lager und für Büros nutzen könne.
Einen runden Tisch bilden
Der OB-Kandidat hält es für eine Fehlentwicklung, das Autobetriebe an den Stadtrand verdrängt werden. Baumgärtner kritisierte auch, dass den Gekündigten von der Stadt keine Ersatzräume angeboten wurden: In der Buttermelcherstraße hätte es geeignete Räume gegeben. Ohnehin sei bei näherem Hinsehen ein beträchtlicher Leerstand bei gewerblich nutzbaren Räumen in städtischem Besitz zu beobachten.

Baumgärtner schlug vor, einen runden Tisch mit allen Beteiligten zu bilden und für einen Interessenausgleich zu sorgen. Weil das Gelände den Stadtwerken gehört, betrifft die Angelegenheit mehrere Referate und städtische GmbHs. Eine Schlichtung sei daher Chefsache des Oberbürgermeisters, der sich bisher nicht geäußert habe. Und ganz klar sei ihm ohnehin nicht, so Baumgärtner, mit welchem Geld die Gasteig GmbH angesichts der städtischen Haushaltslage den Umbau der bisher gewerblich genutzten Räume für ihre Zwecke finanzieren wolle.
Wird München eine zweite DDR?
Ein Still- und Leerstand ist die schlimmste Perspektive. Und die gelte es zu verhindern. Im Moment sei er allerdings machtlos, erklärte Baumgärtner. Aber andere Parteien wollten den auf dem Gelände an der Hans-Preißinger-Straße gekündigten und den von der Kündigung bedrohten Gewerbetreibenden bisher nicht zuhören.

Ein paar Stimmen aus dem linksliberalen Lager hat Baumgärtner als guter Zuhörer und Freund kleinerer Gewerbetreibender bei dem Termin gewonnen. Eine starke CSU sei wichtig, betonte er. Ohnehin drohe angesichts der „sehr linken“ Münchner SPD-Fraktion und womöglich schwachen Grünen eine extrem wirtschaftsfeindliche rot-grün-rote Rathauskoalition mit der Linken.

Die sei dann drauf und dran, München auf den Stand der DDR von 1989 zu bringen. Das ist eine klassische CSU-Drohkulisse angesichts der gegenwärtigen Stärke der Linken. Es mag wichtigere Probleme in München geben wie den Kultur- und Gewerbemix am Gelände des Gasteig HP8. Aber die dortige Gentrifizierung sei - wie die Debatte um die Eisbachwelle - ein Symbol für das, was in München vielfach schief läuft: für eine kalte Zerstörung von Gewachsenem und für einen Verfall des urmünchnerischen und urbayerischen Gefühls an „Leben und Leben lassen“.
- Themen:
- CSU
- Dominik Krause
- Gasteig
- Isarphilharmonie

