Coronafrei im Hausarrest: Mehr als 30 Münchner Schüler in Quarantäne

Mehr als 30 Kinder der Türkenschule sind für zwei Wochen in Wohnungs-Quarantäne. In einer zweiten Klasse gibt es zwei Coronafälle. Für die Familien ist diese Situation eine große Belastung.
| Eva von Steinburg
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Paul hat einen negativen Coronatest - er darf trotzdem nicht draußen spielen. Da bleibt nur ein sehnsüchtiger Blick aus dem Fenster.
Paul hat einen negativen Coronatest - er darf trotzdem nicht draußen spielen. Da bleibt nur ein sehnsüchtiger Blick aus dem Fenster. © privat

München - So lebt der heimische Igel. So wächst unsere Kartoffel - für Zweitklässler steht aktuell auch Schönschrift und das Einmaleins auf dem Lehrplan.

Türkenschule: Kinder sind zwei Wochen in Wohnungs-Quarantäne

Die Grundschule an der Türkenstraße ist wieder voll, wie jede Schule in München. Es ist wieder normaler Unterrichtsbetrieb. Doch in einer zweiten Klasse der Türkenschule in der Maxvorstadt sind zwei achtjährige Kinder positiv auf Corona getestet worden. Die Folge: Die Mitschüler der Klasse und die Hälfte der Parallelklasse wurden am 10. Juni zur Isolierung in 14 Tage Quarantäne geschickt.

In der Schweiz ist es möglich, Kinder freizutesten

Bei schönstem Badewetter müssen mehr als 30 Kinder aus der Maxvorstadt gesund zu Hause bleiben - sie blicken sehnsüchtig aus dem Fenster in den Sonnenschein.

Sechs Mütter aus der Türkenschule wehren sich jetzt gegen die "Freiheitsberaubung" durch das Münchner Gesundheitsamt: "Das sind zu harte und schwerwiegende Maßnahmen nach so einer langen Durststrecke von sieben Monaten Homeschooling. In der Schweiz testen sich Schulkinder, die Kontaktpersonen sind, nach sieben Tagen frei. Warum geht das in München nicht?", empört sich etwa die Mutter Kathrin B.

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Mit fünf weiteren Müttern aus der Klasse ist sie aktiv geworden: Schriftlich haben sie sich beschwert: beim Münchner Gesundheitsamt, beim Jugendamt, im Kultusministerium und im Bayerischen Ministerium für Gesundheit, dazu beim Verband Alleinerziehender Mütter und Väter Bayerns und beim Verein "Initiative Familie".

Differenzierung zwischen naher und weniger naher Kontaktperson verlangt

Die Mütter haben eine klare Forderung: Sie verlangen für alle Kinder aus der Klasse vom Gesundheitsamt eine Differenzierung zwischen naher und weniger naher Kontaktperson - zu den Schülern, die corona-positiv sind. "Bei einem Corona-Fall im Flugzeug wird das so gemacht. Wo ist der Unterschied zum Klassenzimmer?", regt sich Kathrin B. auf. Denn für ihren achtjährigen Sohn Bela sei das Eingesperrtsein jetzt traumatisch: "Er dreht zwar Filme mit seinen Stofftieren, aber er wird immer stiller", beobachtet sie besorgt.

"Endlich haben die Freibäder geöffnet, die Eiscafés und Fußballclubs, aber wird dürfen nicht mal allein in den Hof", klagt ein betroffenes Kind. Für "unverhältnismäßig lang" hält die Gruppe Mütter aus der Maxvorstadt die zweiwöchige Quarantäne.

Und erwägt eine Klage: "Wieso konnten sich Reiserückkehrer nach fünf bis sieben Tagen mit einem negativen PCR-Test freitesten - unsere Kinder aber nicht? Das leuchtet mir nicht ein", merkt Drehbuchautorin Caro Z. kritisch an.

Ihr achtjähriger Sohn Paul ist jedenfalls untröstlich: "Wir hatten so viel vor. Ich wollte ins Freibad und zu meiner zweiten Kung-Fu-Stunde. Ich bin richtig fertig. Alles futsch, alles vorbei." Pauls Mutter ist verärgert und gestresst: "Eine Woche hält es ein gesundes Kind mit Bewegungsdrang eingesperrt in der Wohnung ja noch aus. Aber zwei Wochen Hausarrest? Das ist zu hart."

"14 Tage eingesperrt sein, das führt zum Komplettrappel"

Caro Z. kritisiert die Schieflage bei sinkender Inzidenz: "Warum steht der Infektionsschutz so hoch über dem Kinderschutz. Für unsere achtjährigen Kinder sind 14 Tage Eingesperrtsein eine Ewigkeit. Das führt zum psychischen Komplettrappel", meint die 36-Jährige.

Sie sieht Schulkinder in München als Opfer einer verfehlten Politik: "Kinder haben keine Lobby. Niemand spricht für sie und fühlt sich in sie rein. Durch Corona sind sie seit 15 Monaten großen psychischen Belastungen ausgesetzt", so die Mutter.

Der Fehler der politisch Verantwortlichen: "Zu wenig Luftfilter in den Schulen und jetzt die pauschale Isolierung der Kinder ohne genaue Differenzierung, die dem Gesundheitsamt ja Arbeit machen würde."

Caro Z. fordert größere Räume, Unterricht im Freien und kreative Lösungen. Ihr Vorwurf: "Ich sehe Kinder als Opfer von Trägheit, Einfallslosigkeit und Sparsamkeit in der Politik", sagt sie.

Experten haben Corona-Ausbreitung unter den Kindern kommen sehen

Bei den Telefonaten mit dem Gesundheitsamt hat sie erfahren: Die Experten haben die Corona-Ausbreitung unter den Kindern schon kommen sehen. Und im Herbst werden die Corona-Fälle unter den Schülern erneut stark ansteigen.

Familien mit Kindern würden von der Politik in der Corona-Krise komplett alleingelassen. Außerdem sei Wahlkampfzeit: "Den eigenen Wählern geht es ja gut. Denn sie sind älter. Sie sitzen im Café", denkt sich eine andere Mutter aus der Klasse.

Belas Mutter, Kathrin B., hält es für wichtig, jetzt in die Nachbarländer zu schauen, das verändere den Blick: "Die Schweiz hat im April 2020 versprochen, die Schulen nicht wieder zu schließen. Dort sind sie seit Ende Mai 2020 geöffnet. Muss ein Schulkind in Quarantäne, weil es Kontaktperson ist, kann es sich am siebten Tag über einen PCR-Test freitesten."

Kathrin B. erklärt: "Meine Freunde aus der Schweiz fragen mich: "Was ist denn bei euch in Deutschland los? Ich nehme das nicht hin."

Die Angestellte hat mit einem Rechtsanwalt gesprochen und der Grundschule an der Türkenstraße geschrieben - sie kämpft für ihr Kind. Die Mutter sagt fest: "Es macht einen großen Unterschied, ob mein Sohn sieben Tage oder 14 Tage gesund zu Hause eingesperrt bleiben muss."


Der Verein "Initiative Familien" klagt an: "Warum ist keine Einzelfallprüfung möglich?"

Nach seinem Wissensstand sind aktuell nur drei Schulklassen in München in Quarantäne, sagt Tobias Oelbaum (45) vom Verein "Initiative Familien": "Es ist sehr großes Pech bei der niedrigen Inzidenz und in der Situation, wo alles wieder geht - und man gemeinsam Fußball schauen kann -, dass Kinder als Kontaktpersonen in eine 14-Tage-Quarantäne geschickt wurden."

Für die betroffenen Kinder sei das "extrem hart". Dem Münchner Gesundheitsamt wirft er vor, im Fall der Türkenschule keine Einzelfallprüfung gemacht zu haben: "Bei einer Inzidenz bis 50 ist die Kontakt-Nachverfolgung möglich. Wir liegen in München weit darunter. Das Gesundheitsamt sollte von der Kapazität her in der Lage sein, zu prüfen, wer ist Banknachbar der corona-positiven Kinder? Wer hatte engen Kontakt - und wer nicht? Bei Fußballmannschaften wie beim FC Bayern funktioniert diese Einzelfallabschätzung ja auch", meint Oelbaum.

Jedoch: Für das Gesundheitsamt sei es einfacher, pauschal mehr als 30 Kinder in Quarantäne zu schicken. Der Initiator einer Petition für offene Schulen mit dem Verein "Initiative Familien" findet: "Die Mütter haben recht, dass sie Druck machen und eine ordentliche Prüfung verlangen. Denn Quarantäne ist Freiheitsentzug, gegen die man Widerspruch einlegen kann", so der Ingenieur und Patentprüfer, der in seiner Freizeit bei "Initiative Familien" tätig ist. Hausarrest sei früher eine gängige Strafform gewesen, eine Quarantäne sei für die Kinder das Gleiche. Tobias Oelbaum zur AZ: "Sich zu bewegen ist ein Grundbedürfnis der Kinder - das wird ihnen genommen!"


Freitesten "ist abgeschafft"

Über eine Woche Quarantäne ist geschafft - die Schulkinder in Isolation aus der Türkenschule haben auch die Ergebnisse ihrer aktuellen PCR-Tests: Die Tests sind negativ. Bis zum 24. Juni müssen die Kinder jedoch in ihren Wohnungen bleiben.

Die Mütter fordern ein Freitesten vom Gesundheitsamt - doch das ist nicht möglich. Das Referat für Gesundheit der Stadt informiert: "Die Möglichkeit der Freitestung wurde abgeschafft, als sich die Virusvarianten durchsetzten." Das Bayerische Gesundheitsministerium erläutert in seinem Schreiben, warum in Schulen nicht wie bei einem Coronafall im Flugzeug differenziert wird zwischen den Kontaktpersonen: "Im Flugzeug bestehen spezielle Lüftungsanlagen mit spezifischen Luftfiltern, die eine hohe Luftwechselrate sicherstellen". Eine Sprecherin äußert Verständnis: "Wir verstehen gut, dass eine 14-tägige Quarantäne für Kinder und ihre Eltern, gerade bei schönem Wetter, eine Belastung sein kann."

Wie geht es im Herbst weiter? Das Gesundheitsministerium verspricht, allen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren ein Impfangebot zu machen. Das Kultusministerium informiert, dass dieses Jahr schon für rund 9.500 Klassenräume in Bayern Luftreinigungsgeräte beantragt wurden.

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