Corona-Krise: Die Schuldnerberater in München sind im Dauereinsatz

Die Telefone städtischer Schuldnerberater laufen derzeit heiß. Die Corona-Krise stürzt die Leute in Geldnot – auch diejenigen, die eigentlich nie Hilfe brauchten.
| Brigitte Bitto
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Schuldnerberatung wird immer mehr gefragt. (Symbolbild)
Schuldnerberatung wird immer mehr gefragt. (Symbolbild) © Jochen Lübke/dpa

München - Bei den bayerischen Schuldnerberatungsstellen müssen Ratsuchende angesichts der Corona-Pandemie mit langen Wartezeiten rechnen. In München etwa muss man - trotz häufig großer Geldsorgen - drei bis vier Monate für einen Beratungstermin warten.

Das teilt das Sozialreferat mit. Grundlage ist eine bundesweite Umfrage des Evangelischen Pressedienstes in Großstädten. Vor der Pandemie betrug die Wartezeit ein bis zwei Monate.
 So registrierte die städtische Schuldnerberatung im Jahr 2020 mit 5.181 telefonischen sowie Online-Beratungen mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor (2.557).

30 Prozent mehr Anfragen bei Schuldnerberatung

Eine ähnliche Entwicklung verzeichnet das Evangelische Hilfswerk in München: Schuldner- und Insolvenzberater zählten hier 1.080 Ratsuchende im Jahr 2019 und 1.412 Anfragen im Jahr 2020 - eine Steigerung von etwa 30 Prozent.

Ein ganz neues Klientel braucht derzeit Hilfe. Unter den Ratsuchenden gibt es seit der Corona-Krise nämlich viele gewöhnliche Verbraucher, die bislang eigentlich nie finanzielle Probleme hatten. Sie geraten nun infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie in finanzielle Schieflage, weil sie seit Monaten in Kurzarbeit sind oder auch arbeitslos werden.

Soloselbstständige von Krise hart getroffen

"Häufig geht es dann um Probleme rund um den Bereich Miete und Mietnebenkosten, aber auch Kredite, die nicht mehr bedient werden können", erklärt die Einrichtungsleiterin der Schuldner- und Insolvenzberatung der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft, Nadia Fiedler. Vielen seien etwa die Zweitjobs in der Gastronomie oder im Betrieb von Reinigungsdiensten einfach weggefallen.

Eine weitere neue Personengruppe seien Soloselbstständige, die aufgrund der Pandemie ihr Gewerbe aufgeben mussten. Sie treffe es laut Fiedler "ganz hart": Sehr viele von ihnen konnten im Jahr 2020 vielleicht noch durch ihre Rücklagen die Talfahrt überbrücken. Doch die seien jetzt aufgezehrt und jeglicher Spielraum sei weg.

Auch Bettina Hansel vom Evangelischen Hilfswerk München gibt an, dass sich verstärkt Freiberufler und Selbstständige melden. Es handle sich vermehrt um Ratsuchende, deren Selbstständigkeit vor der Corona-Krise gut lief.

Corona als Brandbeschleuniger

Gewichtige Verursacher von Verschuldung seien weiterhin auch Arbeitslosigkeit, Krankheit und Trennung. Corona wirke da wie ein Brandbeschleuniger: Probleme, die vorher da waren, verschärfen sich. Neben der Corona-Krise führe auch die Reform des Insolvenzrechts im Dezember 2020 zu erhöhtem Beratungsbedarf. Beide Anlässe zusammen ließen in der nächsten Zeit einen großen Zulauf befürchten, sagte Fiedler aus Würzburg. Zwar hätten sie schon personell aufgestockt, rechneten aber dennoch mit längeren Wartelisten.

Bisher keine deutlich gesteigerte Nachfrage vermeldete die Schuldnerberatung der Diakonie Augsburg. "Wir können den Bedarf aktuell decken und die Wartezeiten sind überschaubar", erklärte Gisela Klaiber. Doch wie schnell sich das ändern kann, zeigen die jüngsten Zahlen der Würzburger Christophorus-Beratung.

Wie Corona die Schuldnerberatung verändert

Dort erlebte man im vergangenen Jahr noch keine verstärkte Nachfrage, doch seit Beginn dieses Jahres gehe es steil nach oben, erläuterte Fiedler: So erhöhte sich die Anzahl der Klienten mit 1.374 im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr (961) schon beträchtlich, erreichte aber jetzt im Februar mit 1.411 bereits zum 9. des Monats noch einmal eine ganz andere Dimension. Aktuell betrage die Wartedauer auf einen Termin mindestens sechs Wochen.

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Und auch die Art der Beratungen hat sich durch Corona verändert. "Es fehlt der persönliche Kontakt", berichtete Sozialpädagogin Eva Würf von der Diakonie Regensburg, die ebenfalls eine gestiegene Nachfrage an Hilfesuchenden verzeichnet. Aktuell gehe einiges an Informationen verloren, beim direkten Kontakt merke sie einfach besser, wenn ein Ratsuchender zögere oder herumdruckse - telefonisch sei das kaum möglich.

Zudem sei ihr sozialpädagogischer Auftrag, mit Klienten darüber zu sprechen, wo sie sich eventuell falsch verhalten, schwerer zu erfüllen. Dennoch funktioniere die Beratung, allerdings mit höherem Aufwand, "auch so ganz gut".

In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt insgesamt 1.450 Schuldnerberatungsstellen. 2019 nahmen mehr als 580.000 Personen aufgrund von finanziellen Problemen ihre Hilfe in Anspruch.

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