Corona-Alltag mit Hans Nechleba: "Wie ein Gefangener"

Hans Nechleba (84) hat lange als Reisejournalist gearbeitet, heute besteht seine Welt aus einem Zimmer mit Telefon, Computer und Büchern. Und Corona macht sie noch einmal enger.
| Protokoll: Karl Stankiewitz
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Hans Nechleba, fotografiert im Studio von seinem Sohn.
Hans Nechleba, fotografiert im Studio von seinem Sohn. © Thomas Nechleba

München - Wir ganz Alten, ich bin jetzt 84, gehören ja zu den Bevölkerungsgruppen, die keine laute Lobby haben und daher weniger Aufmerksamkeit genießen. Neulich las ich in der Abendzeitung auf Seite 1: "Es trifft vor allem Ältere in Städten. Forscher warnen, Seelsorger schlagen Alarm." Am Anfang des Lockdowns traf mich schon ein heftiger Schlag: Keine Besuche von Angehörigen mehr, kein Ausgang, ich fühlte mich im Heim wie ein Gefangener. Am meisten irritierte mich, dass den mehr oder weniger debilen Mitbewohnern nicht beizubringen war, dass sie Gesichtsmasken tragen sollten.

Das hat sich dann etwas gelockert. Meine Kinder durften wieder rein, nach Anmeldung durften wir uns für begrenzte Zeit hinter Plexiglas unterhalten.

Seit Kurzem sind Besuche erneut eingeschränkt. Aber als alter Mensch mit entsprechender Lebenserfahrung gewöhnt man sich ja an viele Widrigkeiten. Ich war jahrzehntelang als Herausgeber eines Touristik-Infodienstes in aller Welt unterwegs. Heute besteht meine Welt aus einem Zimmer mit Telefon und Computer - und 200 Büchern, die ich mir mitgebracht habe.

Ein 100. Geburtstag, Bücher und eine Mundharmonika

Die Pflegerinnen sind sehr freundlich geworden, nachdem auch sie sich an die neue Lage gewöhnt haben, sie erfüllen mir manchen Wunsch, besorgen mir beispielsweise Bücher. Leider lässt meine Sehkraft stark nach. Mit einer Ärztin aus Kairo unterhalte ich mich mit meinen Arabisch-Brocken. Sie glauben gar nicht, wie viel Freude einem so was bringt.

Auch eine Mundharmonika habe ich mir kaufen lassen, auf der ich Wanderlieder und Kirchenlieder blase, jeden Tag eine halbe Stunde lang vor und nach dem Mittagessen. Ob's schmeckt? Ich bin nicht anspruchsvoll.

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Neulich habe ich einem alten Partner, dem früheren Münchner PR-König Dr. Peter Kühn, zum 100. Geburtstag in seinem Seniorenheim in Erding gratuliert. Der Urberliner sagte mir am Telefon, er habe den Bürgermeister und die "janzen Lokalpromis" schriftlich eingeladen mit den Worten: "Time to drink champagne and dance on the table". Gefeiert haben sie, wenn auch wohl nicht auf dem Tisch getanzt, in der inzwischen weltgrößten Therme, die der Peter mal publizistisch betreut hatte, ebenso wie die Münchner U-Bahn oder jede Menge Filmstars.


Der 92-jährige Reporter Karl Stankiewitz führt seit Januar für die Bayerische Staatszeitung selbst ein Corona-Tagebuch. Dieses ist in der Online-Ausgabe nachzulesen: www.bsz.corona-tagebuch.de

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