Chilly Gonzales in München: Musikalischer Jäger und Sammler

Chilly Gonzales klimpert wieder mal genial alle um den Verstand – am Samstag gleich zweimal im Herkulessaal.
| Adrian Prechtel
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Chilly Gonzales bei einem Konzert. (Archivbild)
Cyril Zingaro/KEYSTONE/dpa Chilly Gonzales bei einem Konzert. (Archivbild)

München -  Ohne Stift und Notizheft, privat als Kritiker zu einem Kulturereignis zu gehen, hat etwas Befreiendes. Was aber, wenn man merkt: Da muss man doch was drüber schreiben! Da hilft in den kommenden knapp zwei Stunden nur die klassische Memotechnik: Ein möglichst skurriles Bild aufbauen, das man sich als Gedächtnisstütze bis zum Schreiben merken kann.

Und bei Chilly Gonzales’ München-Konzert sieht das so: Maurice Ravel und Keith Jarrett sitzen am Isarstrand. Über ihnen kreist ein Adler. Auf der nahen Kiesbank spielt Elton John, der Rocketman, an einem Flügel. Michael Nayman läuft nervös in gewissem Abstand auf und ab, während sich Ludovico Einaudi als Voyeur im Gebüsch versteckt hat.
Am Flügel lehnen noch barfuß Alice Sarah Ott, ein Cello, eine Trommel und der eingeschlafene Malakoff Kowalski mit einer Harmonikatröte. Eminem tritt dazu, schnippt mit, zeigt aber gleichzeitig das Fuck-Zeichen. Dahinter steht ein kleiner Studentenchor mit Klingelbeuteln. Und aus dem Nachmittaghimmel winkt Bach zusammen mit Kurt Cobain der Szene zu.

Chilly Gonzales: Entertainer im Klischee-Bademantel

Das ist also verschlüsselt, was die 1400 Zuschauer am Samstag Nachmittag im ausverkauften Herkulessaal der Münchner Residenz erlebt haben: bei der Show des Wahldeutschen mit Künstlernamen Chilly Gonzales, dessen Klavier-Etuden impressionistisch spätromantisch sind, wie bei Ludovico Einaudi, aber bei Gonzales deutlich raffinierter und vielseitiger. Die häufige Loop-Form wiederum erinnert an Michael Nyman mit seinen Barock-Schleifen. Dabei durchzieht Gonzales aber seine Musik stark mit Jazz-Elementen, die auch an das Jahrhundertwerk des Köln Concert von Keith Jarrett erinnern. Und es gibt noch ein folk-musikalisch Element, das eine Americana aufmacht, obwohl dieser Jason Charles Beck ja Kanadier ist. Und ein Entertainer, der im Klischee-Bademantel lässig mit dem Publikum spielt. Was schon mit dem Nachmittags-Zusatztermin wegen großer Nachfrage beginnt: Denn Chilly Gonzales verspricht ein ganz besonderes Konzert, sogar ein Benefiz-Konzert für seine Musikakademie, wogegen das Konzert am Abend natürlich abstinken würde. Aber wir ahnen, dass er das vier Stunden später so den Fans am Abend noch einmal genau andersherum verkaufen wird.

Überraschungsgast Alice Sara Ott und Malakoff Kowalski

Als Überraschungsgast hat Gonzales Alice Sara Ott eingeladen, die – passend zu dessen Pantoffeln – barfuß da ist. Sie spielt zwei Gonzeles-Kompositionen, denen sie mit einem Anschlag, der den Tönen Klang- und Freiraum verschafft, wunderbare Klassizität verleiht.
Dagegen ist der zweite Gast, Malakoff Kowalski, mit seinem impressionistischen Pianogeperle zu glatt. Was auch Gonzales, der lustig mit seiner Harmonika-Tröte dazukommt, nicht wegblasen kann, aber wegspielt. Und zwar, in dem er wieder den Flügel übernimmt und boogie-woogie-rockt, aber eben nicht an einem sanft verstimmten Saloon-Piano, sondern am Konzertflügel. Denn Gonzales ist ja kein Szenemusiker mehr, sondern arrivierter Superstar, der nebenher noch ironisch-bewundernde Hommagen einbaut, indem er Britney Spears’ „Hit Me Baby One More Time“ und Kurt Cobains „Smells Like Teen Spirit“ an den Tasten analysiert und dann elegant ineinanderschiebt. Zuvor wurde noch gerappt, wobei das Publikum mitschnippen durfte, oder ein bewundernder Bach-Tastenwitz gerissen, in dem Gonzales zeigt, dass ein Melodie-Einfall von zehn Tönen, nur ein wenig hin und her transponiert, schon ein einfallsreiches Stück ergeben kann.

Bach, Jarret, Ravel: Alle müssten Chilly Gonzales applaudieren


Natürlich war Johann Sebastian Bach einfallsreicher und Ravel innovativer, ist Keith Jarrett der intellektuellere, rockt Elton John mehr, rappt Eminem besser. Aber alle müssten Chilly Gonzales applaudieren. Denn er ist ein ingeniöser musikalischer Jäger und Sammler, der aus vielen Elementen eben doch etwas Neues macht. Und das ist eben größer als die Summe der einzelnen Teile und Elemente. Denn es entsteht das umwerfend coole, amüsante, abwechslungsreiche und mitreißende Gesamtkunstwerk eines fantastischen Pianisten, Komponisten und Musikers.

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