Charlotte Knobloch: Bedrohliche Ausmaße des Antisemitismus

Charlotte Knobloch schaut mit Sorge auf die Lage in Deutschland: „Der Hass auf Juden sprengt alle Grenzen.“ Was sie sich wünscht: ein Aufschrei vieler – und ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt.
| Interview: Helmut Reister
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Charlotte Knobloch: Die Münchnerin (82) ist die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde.
Lennart Preiss Charlotte Knobloch: Die Münchnerin (82) ist die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde.

München - Die Anschläge von Paris, offener Antisemitismus in Deutschland, ideologisch verbrämter Hass: Charlotte Knobloch ist besorgt über die gesellschaftlichen Entwicklungen, die ein Klima der Angst verbreiten. Der Hass gegen Juden, erklärt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, habe ein erschreckendes Ausmaß erreicht. 

AZ: Frau Knobloch, muss im Januar 2015 ein in München lebender Jude Angst haben, weil er Jude ist?
CHARLOTTE KNOBLOCH: Angst ist ja ein sehr subjektives Empfinden, das sich nicht einfach in gewünschter Weise beeinflussen lässt. Insofern kann ich die Frage auch nicht in jedem einzelnen Fall beantworten. Aber ich verstehe es und ich kann gut nachvollziehen, wenn ein Jude Angst hätte, ganz besonders jetzt nach dem brutalen Ausbruch offenen Hasses in Paris.

Viele Juden, etwa 8000 im vergangenen Jahr, haben Frankreich bereits verlassen, noch mehr planen bereits ihren Exodus. Zeichnet sich etwas Ähnliches auch bei uns ab?
Es gibt bei uns keine Ausreisewelle, aber natürlich befassen sich Menschen in Deutschland, denen Rufe wie „Judenschweine“ oder „Juden ins Gas“ entgegengeschleudert werden, die mit körperlichen Übergriffen zu rechnen haben, die sich als unerwünscht fühlen müssen, mit solchen Gedanken. Jetzt häufiger als früher. Und intensiver. Ich weiß, dass auch in der jüdischen Gemeinde München immer mehr Menschen eine „Flucht“ in Erwägung ziehen. Diese Entwicklung macht mir Sorgen, denn es geht ja nicht allein um die Juden. Antisemitismus, Ausgrenzung und ideologisch verbrämter Hass sind eine Gefahr für die Freiheit, die Demokratie, die wir Deutsche alle so sehr lieben.

Demokratie war für die Attentäter von Paris keine Option. Da ging es um die mörderische Umsetzung islamistischer Ideologie…
…die so aussieht, dass die Redakteure des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ ermordet wurden, weil sie islamkritische Karikaturen veröffentlicht haben, der Polizist, weil er seinem Dienst nachkam, und Juden, weil sie Juden waren. Ob diese Juden französische Staatsbürger waren, amerikanische oder polnische spielte keine Rolle. Das „Etikett“ Jude reichte vollkommen aus.

Ist Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch?
Der Antisemitismus, der uns heute entgegenschlägt und der maßgeblich von den Dschihadisten und ihren Unterstützern befeuert wird, hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Diese Entwicklung wurde auch nach Deutschland getragen, als wir im vergangenen Sommer erleben mussten, wie der Hass auf die Juden alle Dämme sprengte.

Menschen in vielen Städten der Welt haben die Anschläge zum Anlass genommen, auf die Straße zu gehen, um für Freiheit, Demokratie und Toleranz zu demonstrieren. Viele Staatsmänner schlossen sich an und auch muslimische Verbände verurteilten die Massaker. Diese breite Allianz müsste doch Hoffnung geben.
Natürlich nehme ich das wohlwollend zur Kenntnis, keine Frage. Ich fürchte nur, dass es in der langen Reihe jener, die mit untergehakten Armen für freiheitliche Werte auftreten, nicht alle so ernst meinen, wie sie es darstellen. Es steht außer Frage, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime Krieg, Mord und Gewalt verabscheut. Aber man muss schon auch sehen, dass Islamisten und Gotteskrieger nicht in einem luftleeren Raum schweben und sich quasi von selbst zum mordenden Märtyrer entwickeln. Das geht nur, wenn bestimmte Strukturen existieren, die das fördern.

Glauben Sie, dass die deutschen Behörden zu wenig tun, um Extremismus einzudämmen?
Ich erkenne Umdenkprozesse, aber bislang hatten Extremisten ein zu leichtes Spiel. Die Erkenntnisse im Zusammenhang mit den neonazistischen Serienmördern – Nationalsozialistischer Untergrund, wie sie sich nannten – hat in erschreckender Weise gezeigt, dass es bei uns gewachsene professionelle rechtsextremistische Strukturen gibt. Das ist nicht neu, nur viele haben sich dieser Erkenntnis verschlossen. Mal naiv, mal ignorant, manchmal aber auch ganz bewusst. Ein entschlossenes staatliches Durchgreifen ist allerdings nur ein notwendiger Aspekt. „Toleranz darf nicht mit Blindheit verwechselt werden“

Welcher noch?
Was wir brauchen, sind parallel dazu neue Strategien, wenn es um die Ideologie in den Köpfen geht. Extremes Gedankengut lässt sich nur im geduldigen Dialog ausräumen und setzt einen gesamtgesellschaftlichen Kraftakt voraus. Dringend notwendig wäre er, wenn ich an den vergangenen Sommer denke, als der Antisemitismus in einem Ausmaß explodierte, wie ich es mir nicht vorstellen konnte. Damals erlebte ich leider nicht den lauten Aufschrei vieler, von denen ich es erwartet hätte, vor allem nicht in Deutschland mit seiner Geschichte. Ich möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben, die ständig von Zivilcourage redet, aber in dem Moment, in dem es darauf ankommt, den Kopf in den Sand steckt, anstatt Gesicht zu zeigen. Toleranz darf nicht mit Blindheit verwechselt werden.

Blind gegenüber Extremisten?
Blind gegenüber deren Ideologien. Anders ist es doch nicht zu erklären, dass unsere Gesellschaft zulässt, dass sich konträr zu unseren freiheitlich-demokratischen Werteordnungen eine Gedankenwelt, eine Parallelgesellschaft etabliert hat, in der nicht unsere rechtsstaatliche Normen der Maßstab sind, sondern die Scharia.

Zur Geschichte gehört, dass sich in diesen Tagen die Befreiung von Auschwitz, der scheußlichste Auswuchs der Nazi-Doktrin, zum 70. Mal jährt. Mehr als 20 Prozent der unter 30-Jährigen, ergab eine aktuelle Umfrage, können mit diesem Namen nichts anfangen. Erschreckt sie das?
Die Offenbarung trauriger Defizite in unserer politischen Kommunikation und unseres Bildungsapparates, die daraus hervorgeht, überrascht mich zumindest nicht. Das Schlimmere dabei ist, dass man das nicht einfach unter der Rubrik „Bildungsdefizit“ abhaken kann. Die Zahl der Nichtwissenden lässt sich leicht mit einem Expertenbericht der Bundesregierung zum Antisemitismus verknüpfen. Aus dem geht hervor, dass Judenfeindlichkeit und Rassismus vor allem da vorkommen, wo Unkenntnis herrscht.

Geschichtliche Unkenntnis, wenn es um das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte geht, wird man Ihnen nicht vorwerfen können. Was bringen Sie, die den Holocaust überlebt hat, mit dem Namen Auschwitz in Verbindung?
Auschwitz ist Auschwitz. Das ist eine eigene Dimension. Es gibt nichts Vergleichbares. Auschwitz ist ein monströses Teil des Holocaust, der kalt geplanten und industriell betriebenen Ermordung der europäischen Juden. Der größte Zivilisationsbruch in der Menschheitsgeschichte, präzedenzlos, singulär, letztlich unvorstellbar bis heute. Für mich persönlich, wenn ich zurückblicke, begann Auschwitz am 9. November 1938, in der so genannten Reichskristallnacht, als ich an der Hand meines Vaters durch München taumelte, vorbei an zerstörten Geschäften, der Rauchsäule über der Synagoge, aber auch vorbei an tatenlosen Zuschauern, an teilnahmslosen Gaffern. Ich, das kleine Mädchen, verstand nichts und doch alles. Die Tränen, die ich damals vergossen habe, begleiten mich mein ganzes Leben.

 

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