Chaos auf dem Radlweg

Die Schattenseiten des neuen Radl-Booms in München: Mehr Tote, mehr Schwerverletzte – und doppelt so viele Pedalritter wie vor zehn Jahren. Das Protokoll des alltäglichen Verkehrswahnsinns.
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Volles Rohr: Viele Radler stürmen am Marienplatz durch die Touristen – die passen aber auch nicht wirklich auf.
Gregor Feindt Volles Rohr: Viele Radler stürmen am Marienplatz durch die Touristen – die passen aber auch nicht wirklich auf.

Die Schattenseiten des neuen Radl-Booms in München: Mehr Tote, mehr Schwerverletzte – und doppelt so viele Pedalritter wie vor zehn Jahren. Das Protokoll des alltäglichen Verkehrswahnsinns.

MÜNCHEN Sie werden immer mehr. Sie werden immer schneller – und sie gefährden immer mehr Menschen: Die Radl-Rambos rasen durch die Stadt. Die AZ postierte sich an den gefährlichsten Orten der Stadt und prüfte, wie groß die Gefahr wirklich ist.

Laut Polizei waren Fahrradfahrer 2007 an jedem dritten Verkehrsunfall mit Verletzten beteiligt. In 57 Prozent der Fälle waren sie schuld. Bei Unfällen mit Schwerverletzen waren zu 40 Prozent Radler beteiligt, 260 von ihnen lagen länger als 24 Stunden im Krankenhaus. 2006 waren es 193. Die Zahl der toten Radfahrer stieg auch an: 2007 starben fünf, 2006 waren es zwei.

Die meisten Unfälle passieren an der Kreuzung Diener-/Schrammerstraße am Marienhof. Die Furt zwischen Franziskanerhaus und Residenzpost gilt als absoluter Brennpunkt, die Polizei kontrolliert hier verstärkt. Jeden Tag strömen laut Planungsreferat rund 10000 Radler in das enge Nadelöhr – doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Trambahn und Lieferverkehr queren durch die Schrammer- und die Dienerstraße. Die Furt mit dem roten Streifen ist hochgefährlich.

Hier herrscht Chaos – ein Protokoll

Donnerstag, 8.52 Uhr: Auf geht’s zum Touri-Slalom. Drei junge Amerikaner dackeln mit offenen Mündern und der Nase in der Luft über den roten Fahrradstreifen, vier Radler schlängeln sich von hinten im Affentempo durch. Einer der Touristen erschrickt und schreit.

9.14Uhr: Ein Mädchen bremst ihr Rad in letzter Sekunde vor der querenden Tram – mit den Füßen. Ihre Bremsen sind total abgefahren.

9.43 Uhr: Ein Skoda kommt von der Maximilianstraße, bremst kurz – und fährt über den Fahrradstreifen zum Marienhof. War ja grad alles frei.

10.10 Uhr: „Dass hier nix passiert, ist ein Wunder“, sagt Frau Schrammer, die hier seit 19 Jahren in einem Laden arbeitet. „Zwei Drittel der Radler schauen nicht, ob die Tram kommt – und nehmen den Autos einfach die Vorfahrt, obwohl sie warten sollen.“ Just in diesem Moment hält ein Golf mit quietschenden Reifen vor einem Radler. „Schaun’ S’!“, sagt Frau Schrammer. „So geht das den ganzen Tag!“ Sie sagt auch, dass die Radler immer schneller geworden sind.

11. 23 Uhr: Abstecher zum Marienplatz – deutlich zu sehen: Frau Schrammer hat Recht. Radler rasen vom Rindermarkt in querende Touristen oder Schulklassen auf Wandertag. Viele bremsen erst im letzten Moment. Die Busse und Laster stören die Sicht. Ein Anzugträger fährt einen alten Mann fast um. Der schüttelt nur den Kopf. Was soll er sagen? Glück gehabt.

T. Gautier

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