"Brauchen mehr Mut": So wollen Aktivisten gegen die Wohnungsnot in München vorgehen
Es ist nicht nur das Thema, es sind auch die Dimensionen, die die Münchner am Samstag auf das Areal der Philippuskirche in Giesing treiben. 22.400 Wohnungen stehen in München laut offiziellen Statistiken derzeit leer (die Dunkelziffer ist vermutlich höher). 6000 davon wären laut Benedikt Empl von Architects for Future ohne großen Aufwand schnell aktivierbar.
Seine Kollegin Johanna Zehntner legt noch einen drauf: Aus dem riesigen Büroleerstand von 1,6 Millionen Quadratmetern – etwa 8Prozent aller Büroflächen der Stadt – ließen sich durch Umnutzung bis zu 22.000 zusätzliche Wohnungen schaffen. Dass das in dieser Anzahl nicht passieren wird, ist klar, aber dass in dieser Hinsicht fast gar nichts passiert, ist traurig für eine Stadt, in der die Wohnungsnot grassiert, findet man bei der Leerstandskonferenz.
22.400 Wohnungen: Münchner kommen in Giesing zusammen und debattieren über Leerstand in der Stadt
"Die Verwaltungen und Kommunen brauchen mehr Mut", attestiert Jenni Follmann vom Verein der Landauer Leerstandsinitiative, die extra für den Kongress angereist ist.
Hier angekommen, erlebte sie erst mal ein Deja-Vu. "Sendlinger Loch? So eins haben wir auch, bei uns heißt es nur 'Das Loch'". Es liegt direkt gegenüber vom Landauer Hauptbahnhof. Und ist genauso gigantisch.
Da ist man schnell beim Thema Spekulation. Die niedrigen Zinsen nach der Finanzkrise 2008 hätte Immobilien und Boden zu Spekulationsobjekten gemacht, erklärt der Münchner Ex-Stadtdirektor Stephan Reiß-Schmidt einführend (Initiative Soziales Bodenrecht). Manchmal lohnte es sich mehr, ein Haus oder eine Fläche leerstehen zu lassen, als es zu vermieten. Reiß-Schmid fordert eine Bodenwende: "Keine leistungslosen Gewinne mit Grund und Boden". Sonst würden unsere Städte zu "Ungleichheitsmotoren" – weil Mieten und Immobilienpreise viel stärker steigen als die Löhne.

Wird mit Bußgeldern bis zu 500.000 Euro verfolgt
Aber nicht alles ist schwarz oder weiß. Es gibt nicht den einen Grund für Leerstand. Die Gesetze in Deutschland ließen Eigentümer manchmal vor kurzzeitiger Vermietung zurückschrecken, sagt Christoph Trauvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit. Eine paradoxe Folge des vergleichsweise starken Mieterschutzes in Deutschland.
Um lange Rechtstreits zu umgehen, entschieden sich manche Eigentümer dafür, lieber nicht zu vermieten, wenn sie in absehbarer Zeit andere Pläne haben. Eigentlich ist aber genau das verboten: Wer eine Wohnung länger als drei Monate leerstehen lässt, begeht eine "Zweckentfremdung" – und die wird mit Bußgeldern verfolgt (bis zu 500.000 Euro übrigens).
Richtig ärgerlich findet Florina Vilgertshofer (Münchner Forum e.V., Die Grünen) prominente Leerstände in der Hand des Landes Bayern. Beispiele sind das Strafjustizzentrum und das Zerwirk. Das historische Zerwirkgewölbe etwa will das Land Bayern laut aktuellen Plänen an einen privaten Investor loswerden. Bis dahin passiert dort: nichts.
Pfarrerin und Gastgeberin: "Ich finde es total geil, was hier passiert"
Wer auf keinen Fall mit Leerständen, aber umso mehr mit dem Leerstandkongress glücklich ist, ist Pfarrerin Christine Glaser. Organisiert wurde der Tag von Der Linken München, von der Initiative "Abbrechen Abbrechen" und vom Bündnis "Freiräumen". Gastgeberin ist aber auch sie, denn der Kongress findet in ihrer evangelischen Kirchengemeinde in Gieising statt. "Ich finde es total geil, was hier passiert. Ich hab gesagt, macht einfach, und ich bin geplättet, wie gut das hier organisiert wurde", sagt sie.

Das Thema Leerstand und Umnutzung bewegt auch ihre Gemeinde. "Wir überlegen, wie wir die Kirche hier anders nutzen können." Es gibt die Idee, das Kirchenschiff vorübergehend in Wohnungen für Auszubildende oder ein Frauenhaus umzuwandeln. Im kubischen Inneren der evangelischen Kirche. Dafür gäbe es schon Pläne eines Architekturbüros. Wichtig: Rückbaubar müsse das sein. "Für die 50 bis 100 Leute, die sonntags zum Gottesdienst kommen, ist die Kirche zu groß". Im kalten Winter würden ihre Gottesdienste ohnehin im kompakteren Gemeindesaal nebenan abgehalten. Und es gäbe noch die Lutherkirche unweit entfernt als Alternative für Gottesdienste in einem Kirchengebäude.
Warum rücken die Stadtwerke nicht mit Daten zu Strom und Wasser heraus?
Noch etwas wird deutlich an diesem Tag: Ein zentrales Leerstands-Verzeichnis fehlt. Felix Wiegand von der Universität Frankfurt erinnert daran, dass es früher schon mal eine Anzeigepflicht für Leerstände gab.
Auch andere Ideen gäbe es. Warum rücken kommunale Energieversorger wie die Stadtwerke nicht mit Daten zu Strom und Wasser heraus? Man wüsste schnell, wo kein Wasser mehr fließt und kein Licht mehr brennt.
Die Leerstandskonferenz zeigt: Lösungen sind möglich, doch München muss sie aktiv anpacken.
Das sagen die Teilnehmer

Annalena Simonis: "So viele U-Bahn-Kioske stehen leer und wir vom Kollektiv Karma Kiosk wollen sie wiederbeleben. 2023 gab es dort schon mal künstlerische Zwischennutzungen, aber 30 Prozent stehen inzwischen wieder leer. Es sollen Begegnungsorte entstehen – ein Nachbarschaftstreff mit Kiosk, der ein paar Kosten deckt. Ich will mich hier vernetzen und Neues lernen."

Alessandro Mussoni: "Wir von der Linken plakatieren einmal im Jahr uns bekannte Leerstände. So eine Aktion erzeugt Aufmerksamkeit, aber wir wollten darauf aufbauend nun eine inhaltliche Vertiefung und Vernetzung zum Thema schaffen – zusammen mit der Initiative Freiräumen und Abbrechen Abbrechen. Der große Andrang freut mich sehr und er verdeutlicht die Wichtigkeit des Themas."

Hannes Brellochs: "Wir als Kunstkollektiv Gallacticum müssen im September raus aus dem Fat Cat im Gasteig – so wie alle anderen auch. Ich erhoffe mir vom Kongress, dass ich bei der Suche nach neuen Räumen einen Schritt weiterkomme und konkrete Handreichungen in den Workshops erhalte."
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