"Ich sehe den Kinderwagen“ – Überlebende brechen vor Gericht ihr Schweigen

Prozess um Anschlag auf Verdi-Demo: Am Freitag (27. Februar) berichten erneut Verletzte vor Gericht. Noch immer leiden sie unter körperlichen und psychischen Folgen.
Sophia Willibald,
John Schneider
John Schneider
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Vor etwas über einem Jahr fuhr ein Mann in das Ende eines Verdi-Demonstrationszuges. Am zehnten Prozesstag sagen erneut Teilnehmer aus, die bei dem Aufprall des Minis verletzt wurden.
Vor etwas über einem Jahr fuhr ein Mann in das Ende eines Verdi-Demonstrationszuges. Am zehnten Prozesstag sagen erneut Teilnehmer aus, die bei dem Aufprall des Minis verletzt wurden. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber (www.imago-images.de)

Tief in seinen Gedanken wendet Amir L. (Name geändert) den Blick von Richter Michael Höhne ab und kratzt sich am Ohr. Wenige Sekunden zuvor hat ihn der Vorsitzende gefragt, woran er sich noch erinnern könne – an den Tag, an dem ein Mann mit seinem cremeweißen Mini Cooper in das Ende eines Verdi-Demonstrationszugs raste.

Amir L. hält inne, atmet tief ein und sagt dann auf Türkisch: "Ich sehe den Kinderwagen und das tote Kind." Eine Dolmetscherin übersetzt seine Worte ins Deutsche.

Überlebende der Verdi-Demo: Bis heute kämpfen sie mit der Angst

Am 13. Februar 2025 war der Angeklagte Farhad N. an mehreren Polizeiwagen vorbei und in die Menge gerast. Eine Mutter und ihre zweijährige Tochter starben, 44 weitere Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt. Einer von ihnen ist Amir L. Bevor ihm die Wucht des Autos das Knie verletzte, arbeitete er bei der Müllabfuhr. Seitdem kann er seinen Beruf nicht mehr ausüben. "Ich traue mir das nicht zu, die Tonnen sind schwer", erzählt der 60-Jährige.

Amir L. berichtet auch von dem Tag, an dem die Schmerzen in seinem Bein ihren Anfang haben: Er sei am Ende des Zuges gelaufen, eine Frau mit einem Kinderwagen nur ein oder zwei Meter von ihm entfernt – als plötzlich ein Auto von hinten in die Menge rauschte.

Noch heute fürchte er sich im Straßenverkehr, sagt er. Die Angst endet aber nicht vor seiner Haustür, sondern verfolgt Amir L. bis in sein Heim – er leide unter Schlafstörungen, erzählt er.

Zeuge vor Gericht: "Ich fahre nicht mehr Bus, Tram oder U-Bahn"

So auch der Zeuge Timur S. (Name geändert): Seit dem verhängnisvollen Tag habe er Probleme beim Schlafen, sagt er. Als das Auto damals in die Demo fuhr, konnte er sich zunächst nicht vorstellen, dass es Vorsatz gewesen sein könnte: "Ich habe im ersten Augenblick gedacht, dass der Fahrer einen Herzinfarkt hatte."

Doch Farhad N. hatte keinen Herzinfarkt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Absicht vor.

Timur S. gestikuliert viel – beschreibt die Szenen vom Tattag nicht nur mit seinen Worten. Er versucht, den Anwesenden ein Bild davon zu zeichnen, auch wenn sich den Schrecken wohl niemand ausmalen kann, der nicht selbst dabei war.

Zusammen mit anderen habe Timur S. versucht, den Mini anzuheben, um die Menschen zu befreien, die darunter lagen, erklärt der 51-Jährige.

Bis heute sei er wegen dem, was er und viele andere durchleben mussten, in therapeutischer Behandlung. Und bis heute begleite ihn die Angst in seinem Alltag: "Ich fahre nicht mehr Bus, Tram oder U-Bahn."

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.