Sogar Freddie Mercury war mal da: Münchner Traditionskneipe vor dem Aus

Die Studenten im Olympiadorf befürchten, dass sie ihre Traditionskneipe, die Bierstube, nach über 50 Jahren schließen müssen. Die Entscheidung soll am Mittwochabend fallen. Die AZ erklärt die Hintergründe. 
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1974 wurde die Bierstube im Olympischen Dorf eröffnet und wird seitdem von Studenten betrieben. Doch nun steht sie vor großen Herausforderungen.
1974 wurde die Bierstube im Olympischen Dorf eröffnet und wird seitdem von Studenten betrieben. Doch nun steht sie vor großen Herausforderungen. © ma

Sogar Freddie Mercury soll sich einmal hier rumgetrieben haben, die Spider Murphy Gang trat hier zweimal auf, Tausende Studenten haben sich hier die Nächte um die Ohren geschlagen: Das studentische Dorf und seine Betriebe haben eine lange Geschichte. Am bekanntesten ist wohl die Bierstube, die 1974 – zwei Jahre nach den Olympischen Spielen – eröffnete. Damals kostete ein Helles 1,10 DM (für die jüngeren Leser: Etwa 50 Cent), sogar eine Kegelbahn gab es.

Die Bierstube gibt es noch immer, betrieben wird sie – wie seit über 50 Jahren – von Studierenden aus dem Olympiadorf. Die Kegelbahn ist längst verschwunden, das Bier kostet inzwischen 4,20 Euro. Vor allem aber läuft das Geschäft deutlich schlechter als noch vor einigen Jahren. Die Bierstube kämpft ums Überleben.

Der Verein der "Studenten im Olympiazentrum", der die Bierstube betreibt, sieht sich vor einer existenziellen Entscheidung. "Ohne eine grundlegende Kursänderung des gesamten Vereins in den nächsten Monaten sind wir insolvent", heißt es aus dem Vorstand. Heute Abend soll in einer außerordentlichen Vollversammlung endgültig über eine mögliche Schließung abgestimmt werden.

Sorge um die Bierstube im Olympiadorf

Die AZ trifft den Bierstuben-Hauptverantwortlichen Simon Kastenberger (20) und die zwei Vorstände des Vereins Simon Angele (21) und Aziz Rößel (23) in der Bierstube. Die Bänke stehen noch auf den Tischen, die Theke glänzt – erst am Abend wird hier wieder Bier ausgeschenkt und die Plätze füllen sich. Mal mehr, mal weniger. Und genau das ist das Problem. Auf etwa 213 Quadratmetern bietet die Bierstube Platz für etwa 215 Gäste – doch gerade in den schwachen Monaten bleibt der Raum oft so gut wie leer.

"Im Sommer ist es das erste Mal so gewesen, dass wir fast unser Personal nicht mehr hätten bezahlen können", sagt Rößel. Zu wenige Gäste kamen, der "Winterspeck", den die Bierstube in den besseren Monaten angespart hatte, war fast aufgebraucht. Sommer ist seit Jahren die schwächste Zeit und auch jetzt, im neuen Jahr, laufen die Geschäfte schlecht.

Aziz Rößel (v.l.), Simon Kastenberger und Simon Angele vom Verein "Studenten im Olympiazentrum".
Aziz Rößel (v.l.), Simon Kastenberger und Simon Angele vom Verein "Studenten im Olympiazentrum". © ma

Die Bierstube setzt im Jahr etwa 400.000 Euro um. Bei einer Finanzprüfung wurde sie vor einigen Jahren als normaler Gastronomiebetrieb eingestuft. Damit gelten für sie dieselben Regeln wie für andere Kneipen: Der Verein muss den Mitarbeitern Mindestlohn zahlen. Früher gab es für Aushilfen lediglich Aufwandsentschädigungen oder Gutscheine. Die gestiegenen Personalkosten wirken sich direkt auf die Preise aus – für eine Studentenkneipe keine gute Ausgangslage.

Das sagt das Studierendenwerk

Eigentlich hatten sich die Betreiber gewünscht, dass das Studierendenwerk (Stuwerk), von dem sie die Räume pachten, die Pacht in den Sommermonaten aussetzt und die Bierstube in dieser Zeit geschlossen bleibt. Das Stuwerk verlangt derzeit 6.000 Euro Pacht pro Monat – aus Sicht der Betreiber eine sehr hohe Summe, gerade weil die Kneipe von einem Studentenverein geführt wird.

Diesen Wunsch lehnt das Stuwerk ab. Zur Begründung erklärt ein Sprecher des Stuwerks auf AZ-Anfrage, bei der Bierstube handle es sich nicht um eine gemeinnützige studentische Einrichtung, sondern um einen wirtschaftlichen Gastronomiebetrieb, der sich selbst tragen müsse. Eine finanzielle Unterstützung oder ein Pachtverzicht sei aus rechtlichen Gründen – unter anderem wegen des Gemeinnützigkeits- und Wettbewerbsrechts – nicht möglich. Die derzeitige Miete sei deutlich unter dem Durchschnitt, die Betriebskosten wegen der Gebäude- und Betriebstechnik aber etwas höher als üblich, „aber im Rahmen“, so der Sprecher.

Fehlender Nachwuchs

Für die Studenten ist das nur schwer nachvollziehbar. "Die Bierstube ist über 50 Jahre alt. Sie gehört zum Olydorf. Sowas muss man erhalten", sagt Rößel. Er fordert mehr Unterstützung vom Stuwerk. "Wenn uns nicht entgegengekommen wird, dann müssen wir die Bierstube zu 100 Prozent schließen."

Das Stuwerk betont, dass es bei der Beurteilung nicht um die soziale oder historische Bedeutung gehe, "sondern um klare rechtliche Fragen" und verweist auf das bayerische Hochschulgesetz, nach welchem Studierendenwerke "ihre Aufgaben nach den Grundsätzen der Gemeinnützigkeit" erfüllen müssen. Daher habe das Stuwerk "keinen Handlungsspielraum".

Die Strukturen brechen weg

Ein weiteres Problem sehen die Betreiber im fehlenden Nachwuchs. Im Frühjahr 2024 hat das Stuwerk die Wohnzeitregelung in seinen Wohnheimen gekürzt. Für außerordentliches studentisches Engagement gibt es jetzt maximal zwei zusätzliche Semester Wohnzeit. Zuvor waren es bis zu sechs. "Man findet kaum mehr Nachfolger – die Wohnzeit war ein sehr gutes Kriterium, um jemanden anzuwerben", so Rößel.

Gleichzeitig wurden die Ämter der Haussprecher abgeschafft. Im Olydorf hatten diese eine wichtige Rolle in der studentischen Selbstverwaltung und wurden demokratisch von den Bewohnern gewählt. Seit zwei Jahren gibt es stattdessen nur noch Tutoren, die sich direkt beim Studentenwerk um ihr Amt bewerben. "Die Strukturen brechen weg", sagt Simon Angele, der im Verein für die Mitarbeiter und Ausschüsse verantwortlich ist. "Früher hat man als Thekenkraft angefangen und ist irgendwann Bierstubenhauptverantwortlicher oder Vorstand geworden – das gibt es heute kaum noch." Weil Studierende nicht mehr so lange im Wohnheim wohnen können, verlagert sich ihr Fokus stärker auf das Studium und weniger auf das soziale Engagement im Verein.

Studierendenwerk widerspricht

Das Studierendenwerk widerspricht der Darstellung, dass die Wohnzeitverkürzung ausschlaggebend für den Rückgang des Engagements sei. Für die Bierstube könne es grundsätzlich keine Wohnzeitverlängerungen geben, da es sich um einen wirtschaftlichen Gastrobetrieb handle, der nicht subventioniert werden dürfe.

Für den ideellen Bereich des Vereins – etwa Ausschüsse oder das Tutorenprogramm – würden Wohnzeitverlängerungen weiterhin umfassend gewährt. Der Rückgang des Engagements habe laut Stuwerk andere Gründe: einen veränderten Zeitgeist, zunehmenden Individualismus, höhere Studienbelastung sowie die gestiegene rechtliche Verantwortung in Vereins-, Veranstaltungs- und Gastronomiebetrieben. Punkte, die auch der Verein anerkennt. Aus früheren Erfahrungen wisse man zudem, dass mehr Wohnzeit nicht automatisch zu mehr Engagement führe, so das Stuwerk.

Im "Olydorf" wohnen rund 2000 Studenten. Die Bierstube befindet sich in der "Alten Mensa", dem dunklen Gebäude hinter den Bungalows.
Im "Olydorf" wohnen rund 2000 Studenten. Die Bierstube befindet sich in der "Alten Mensa", dem dunklen Gebäude hinter den Bungalows. © imageBROKER/Manfred Bail

Das sehen die Studenten anders. "Was uns am meisten helfen würde, wäre, wenn das Studierendenwerk Anreize schafft, damit Verantwortliche länger im Dorf wohnen können", sagt Angele. "Das ist der größte Hebel, um Menschen zu finden, die wirklich Verantwortung übernehmen wollen." Gleichzeitig räumen die Studierenden ein, dass auch sie selbst zu wenig getan haben, um Nachwuchs und Engagement langfristig zu sichern.

Neue Konzepte für die Bierstube

Sollte die Vollversammlung für den Erhalt der Bierstube stimmen, brauche es außerdem neue Konzepte, betont Angele. Der Verein will die Bierstube stärker bewerben, mehr mit Fachschaften, Vereinen und anderen Gruppen zusammenarbeiten und das Angebot durch mehr Events beleben – etwa Pubquizzes, Bingoabende oder Darts-Turniere. Auch das Essensangebot soll reduziert, dafür aber besser und zielgerichteter werden. Aktuell gibt es wechselnde Tagesgerichte zwischen sieben und acht Euro, dazu klassisches Kneipenessen – zum Beispiel Currywurst mit Pommes für 8,20 Euro.

Die Entscheidung naht

Am Mittwochabend um 19 Uhr öffnet die Bierstube wie gewohnt. Die Mitarbeiter bereiten alles vor: Sie heben die Bänke von den Tischen, richten das Tagesessen her, polieren die Biergläser und hoffen, dass sich der Gastraum füllt. Einen Raum weiter sitzen die Vereinsmitglieder zusammen und treffen die Entscheidung: Weitermachen oder schließen?

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  • Flo91 vor 2 Stunden / Bewertung:

    Vielleicht wäre es möglich Sitzgelegenheiten draußen zu schaffen, das würde es vor allem im Sommer attraktiver machen, anstatt in der dunklen Höhle zu sitzen.

    Ich hoffe es gibt eine Lösung, ansonsten wäre es ein riesiger Verlust für die Studierenden und das Dorf als Ganzes.

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