Bienenseuche erreicht München: Die Angst vor der Amerikanischen Faulbrut

Hobby-Imkern boomt in der Stadt. Das sehen die Profis auch mit Sorge. Denn nun hat die tödliche Faulbrut den Stadtrand erreicht - und wird zur Bedrohung für 3.000 Münchner Bienenvölker.
| Irene Kleber
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Imker Alexander Bauer, der Chef des Bienenzuchtvereins Lochhausen, hat auch am Golfplatz in Eschenried fünf Bienenhäuser, um die er sich kümmert.
Imker Alexander Bauer, der Chef des Bienenzuchtvereins Lochhausen, hat auch am Golfplatz in Eschenried fünf Bienenhäuser, um die er sich kümmert. © Daniel von Loeper

München - Der Nachbarimker drüben in Gröbenzell hatte eigentlich bloß umziehen wollen mit seinen vier Bienenhäusern, über die Landkreisgrenze. Darum kam die Amtsveterinärin vorbei vorletzte Woche. Schauen, ob die Bienen gesund sind.

Und dann dieser Gau: dunkel verfärbte Waben, ein unguter Geruch. Vorsichtig schob die Tierärztin ein Streichholz durch den ersten Wachsdeckel, beim Zurückziehen klebte schleimiger brauner Faden am Holz. Das sichere Zeichen: Die Bienenlarve lebt nicht mehr. Sie ist längst zersetzt von Paenibacillus-larvae-Bakterien, die die "Amerikanische Faulbrut" bringen.

In jedem der fünf Bienenhäuser am Golfplatz lebt ein Bienenvolk, Alexander Bauer hat insgesamt 25. Berufsimker arbeiten mit bis zu 200 Völkern.
In jedem der fünf Bienenhäuser am Golfplatz lebt ein Bienenvolk, Alexander Bauer hat insgesamt 25. Berufsimker arbeiten mit bis zu 200 Völkern. © Daniel von Loeper

Tödliche Bienenpest vor Münchens Toren angekommen

Die tödliche Bienenpest - sie ist also angekommen vor den Toren Münchens. Und Münchens (Stadt-)Imker, die rund 3.000 Bienenvölker pflegen, sind in größter Sorge, ob die Seuche noch einzudämmen ist. Ob die Ein-Kilometer-Sperrzone, die das Veterinäramt um die Gröbenzeller Imkerei verhängt hat, die Faulbrut stoppt. Oder ob es bald alle treffen könnte. Ob die Ein-Kilometer-Sperrzone die Seuche stoppen kann?

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Wie Alexander Bauer (35), Chef des Bienenzucht- und Obstbauvereins Lochhausen. Der steht wenige Tage später drei Kilometer von der Sperrzone entfernt vor seinen fünf Bienenhäusern am Golfplatz Eschenried nahe dem Langwieder See.

Zwei grüne, zwei braune und ein gelber Holzkasten sind in der Wiese aufgebockt. Es ist spät im Jahr und kühl, deshalb summseln nur einzelne Bienen träge um ihre Häuser herum. Als der Imker einen Deckel öffnet, sieht man aber munteres Gedrängel. An die 10.000 Bienen tummeln sich an den Waben. Die Wachsdeckel sehen heil aus, Gott sei Dank.

"Bienen sind wahnsinnig beruhigend"

Acht Jahre schon imkert Alexander Bauer in München, seine ersten sechs Bienenvölker hatte er bei einem Kollegen gekauft und in seinem Garten in Pasing aufgestellt. Aus denen züchtete er 25 Völker, die ihm in guten Jahren 800 Kilo Honig bescheren.

Honig aus der Wabe löffeln, mhmm!
Honig aus der Wabe löffeln, mhmm! © picture alliance/dpa

Fünf stehen in Bienenkästen am Friedhof in Solln. Weitere am Waldrand in Großhadern. Und eben diese hier, seine jüngsten Völker, auf dem Golfplatz im Münchner Westen, wo Bauer Verwaltungschef ist.

Warum er das tut, neben seinem Hauptberuf? "Weil Bienen wahnsinnig beruhigend sind", sagt er. "Die entschleunigen mich, wenn ich ihnen zuschaue, wie sie mit den gesammelten Pollen an den Beinchen anfliegen. Wenn ich die Waben kontrolliere. Nachschaue, ob ein Volk angewachsen ist und eine neue Königin züchtet. Und wenn ich sehe, dass alle gesund sind."

Mit prallen Pollenhöschen sitzt diese Honigbiene hier auf der Blüte.
Mit prallen Pollenhöschen sitzt diese Honigbiene hier auf der Blüte. © dpa

"Bienen verlieren - das ist ein echter Schmerz im Bauch"

Der Vorfall beim Nachbarn sei schrecklich, wirklich. Der Kollege sei fix und fertig gewesen. Drei der vier Bienenvölker hat das Veterinäramt nach dem Faulbrut-Befund "abschwefeln" lassen, was heißt, die Tiere sind erstickt. Nur ein Volk wird wohl überleben. Innerhalb des Sperrgebiets dürfen nun weder Bienen noch Waben oder Honiggläser hinein oder heraus.

Denn die Tiere können sich die Faulbrut einfangen, wenn sie in ein bakterienverseuchtes Bienenhaus einfliegen. Oder wenn sie in Glascontainern an Honiggläsern naschen, die sporenbelastet sind.

Dabei haben die Imker schon genug zu tun mit der aus Asien eingeschleppten Varroa-Milbe, die Honigbienen krank macht, aber die lässt sich immerhin mit einigen Mitteln bekämpfen. Sind aber mal Faulbrut-Sporen in einem Bienenhaus angekommen, ist es sehr schwer, wenigstens einen Teil des erwachsenen Schwarms zu retten. "Wenn du deine Bienen verlierst", sagt Bauer, "das ist ein echter Schmerz im Bauch." Es ist schwer, die Amerikanische Faulbrut in den Griff zu kriegen, auch weil der Ausbruchsherd nicht immer gefunden wird.

Nur eine Königin lebt in einem Bienenvolk, sie ist größer als die anderen und legt pro Tag rund 2.000 Eier in die Wabenzellen.
Nur eine Königin lebt in einem Bienenvolk, sie ist größer als die anderen und legt pro Tag rund 2.000 Eier in die Wabenzellen. © dpa/

Und weil nicht alle der neuen Trend-Hobbyimker immer umsichtig vorgehen. Allein in den letzten zwei, drei Jahren haben sich 150 Neulinge in München Bienen zugelegt, auf Balkonen, auf dem Dach oder im Garten, sagt Bauer, der auch Imker-Grundkurse am Lehrbienenstand anbietet. Nicht alle aber lassen sich bei Profis im Verein die Feinheiten der Bienenpflege erklären, samt allem, was Gefahren für die Bienen bringt. Manchen reichen ein paar Online-Videos. "Da passieren dann auch böse Fehler", sagt er.

Dass man Völker billig übers Internet aus dem Ausland kauft, zum Beispiel - und dadurch Seuchen einschleppt. "Zukaufen sollte man nur bei heimischen Imkern, die man kennt und deren Bienen ein Gesundheitszeugnis haben." Dort koste ein Wirtschaftsvolk 120 bis 200 Euro, im Internet sind Völker aus dem Ausland auch für 50 Euro zu haben. Honig oder Waben offen herumstehen lassen, auch das sollte man nicht.

Verdachtsfall in Harlaching

Seit ein paar Tagen gibt es nun auch in Harlaching den Verdacht auf einen Faulbrutbefall. In zwei Bienenvölkern hat eine Laboruntersuchung Sporen des Erregers nachgewiesen, erklärte das Kreisverwaltungsreferat auf AZ-Nachfrage.

Bis zum Frühjahr sei nicht zu befürchten, dass sich die Seuche weiter ausbreitet, weil sich die Bienen nun in der Winterruhe befinden. Wenn die Flugzeit wieder beginnt, werden die Veterinärmediziner weitere Bienenhäuser prüfen. Dann wird man mehr wissen.


Bienenseuche: Die Amerikanische Faulbrut

Die Amerikanische Faulbrut (Bienenpest) befällt die Bienenlarven, die sich in den mit Wachsdeckeln verschlossenen Brutzellen der Waben befinden. Die erkrankten Larvenkörper lösen sich dabei auf, zurück bleibt nur eine zähe, braune, schleimige Substanz, die zu einem dunklen Schorf eintrocknen kann. Angesteckt werden die Larven, wenn Bienen sie mit Sporen der "Paenibacillus larvae"-Bakterien füttern. Die gelangen oft mit kontaminiertem Honig in gesunde Bienenvölker (etwa, wenn Bienen in Altglascontainern an unausgewaschenen Honiggläsern naschen).

In den Därmen der Larven wiederum keimen die Sporen aus und vermehren sich als Stäbchen (bacillus). Eine infizierte, eingetrocknete Larve enthält bis zu 2,5 Milliarden neuer Sporen. Wenn das Bienenvolk mangels Nachwuchs zusammenbricht, räubern Bienen anderer Völker den Stock aus und verteilen die Sporen dann im eigenen Volk. Die Faulbrut ist nicht gefährlich für erwachsene Bienen, Menschen oder andere Lebewesen. Auch kontaminierter Honig schadet Menschen nicht.


Bienen in Zahlen: 3.000 Völker in München

Rund 3.000 Bienenvölker leben im Stadtgebiet, jedes besteht aus 5.000 bis 25.000 Bienen. Pro Volk gibt es eine Königin, die täglich rund 2.000 Eier in die Wabenzellen legt. Aus denen schlüpfen ständig neue junge Bienen. Bienen leben nur rund 30 Tage, wenn die Brut also erkrankt (wie bei der Bienenpest), stirbt ein Volk in wenigen Wochen. Tödlich für erwachsene Bienen sind auch die aus Asien eingeschleppten Varroa-Milben.

In freier Wildbahn, wo kein Imker gegen die Milben behandelt, können Bienenvölker deshalb keine zwei Jahre überleben. Eine Honigbiene besucht 3.000 Blüten am Tag, um Pollen oder Nektar zu sammeln. Imker ernten zwei Mal im Jahr Honig aus den Waben. Ein Bienenvolk kann 20 bis 40 Kilo Honig pro Jahr produzieren.

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