"Betrifft unser ganzes Land": Bundespräsident Steinmeier zum OEZ-Gedenken in München

Update 16.57: Vor Ort sprechen Angehörige der Opfer des rassistischen Anschlags von vor zehn Jahren. Die Mutter von Selçuk fordert einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss und bekommt dafür viel Applaus aus dem Publikum.
Update 16.25 Uhr: Auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) mahnte mit deutlichen Worten: "Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus ziehen eine Blutspur über die Kontinente – auch durch unser Land." Der OEZ-Anschlag stehe "in einer Reihe mit Oslo und Utøya oder Christchurch, in einer Reihe mit dem Oktoberfestattentat, den NSU-Morden, mit Halle und Hanau – und wohl auch mit Schongau." Deswegen, sagte sie, "ist es wichtig, "dass wir jeden Tag aufstehen "gegen Rassismus, Rechtsextremismus und gegen Menschenverachtung aller Art".
Livestream zur Gedenkveranstaltung an die Opfer des OEZ-Attentats in München
Update 16.18 Uhr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am Denkmal: "Diese rassistische Tat betrifft unser ganzes Land, und sie geht uns alle in diesem Land an." Der Täter habe keines seiner Opfer gekannt, er habe jedoch ganz gezielt bestimmte Menschen töten wollen. "Sein Hass, seine Vernichtungsabsicht richtete sich nicht zufällig gegen Menschen, die er als minderwertig ansah, denen er das Recht zu leben absprach." Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass der Täter selbst einen Migrationshintergrund hatte.
Steinmeier mahnte: "Die Ideologie kennen wir. In der Geschichte haben Deutsche mit dieser Ideologie millionenfach gemordet." Niemals dürften wir uns damit abfinden, "dass solches Denken in unserem Land wieder Raum gewinnt." Die Konsequenz sei: "Wir müssen jede Spur von volksverhetzendem rassistischen Sprechen, Handeln und Posten politisch bekämpfen, aber auch verfolgen und sanktionieren. Wir brauchen hier größere Aufmerksamkeit, mehr Konsequenz, mehr klare Kante, um es so schlicht zu sagen."
Update 16.04 Uhr: Als Erstes spricht Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) zu den Versammelten des Gedenkens. Der OB dankte den Angehörigen und deren Unterstützern: "Sie haben immer wieder daran erinnert, dass das Attentat am OEZ als das benannt werden muss, was es war: einer der schwersten rechtsextremen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland." Krause erinnerte in dem Zusammenhang auch an den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße von 1970, an das Oktoberfestattentat von 1980, an den Brandanschlag auf die Bar Liverpool von 1984 und an die beiden Münchner Mordopfer des NSU, an Theodoros Boulgarides und Habil Kiliç.
Update 15.46 Uhr: Die ersten Teilnehmer versammeln sich. Großformatige Fotos auf Aufstellern erinnern an die Mordopfer. Aus den Lautsprechern ertönen deren Lieblingslieder.
Update 15.25: Die ersten Teilnehmer versammeln sich. Großformatige Fotos auf Aufstellern erinnern an die Mordopfer.

Update 15.20 Uhr: Der Veranstaltungsort am OEZ ist weiträumig abgesperrt und gesichert.

Update 15.15 Uhr: 750 Busse, Tram- und U-Bahnfahrer werden um 17.51 Uhr kurz den Betrieb unterbrechen. Die Anzeigetafeln in den U-Bahnstationen weisen darauf hin.

Update vom 22.07., 13.32 Uhr: Der TSV 1860 München ruft zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung anlässlich des zehnten Jahrestages des OEZ-Anschlags auf. "Am heutigen 22. Juli 2026 jährt sich der rechtsterroristische Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zum zehnten Mal, bei dem auch unser ehemaliger Juniorenspieler Guiliano Kollmann ermordet wurde. Seit diesem Tag fehlen Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayïcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ", teilt der Verein mit. Die Veranstaltung beginnt heute ab 16 Uhr am Tatort OEZ München, Hanauer Straße 68.
Erstmeldung vom 21.07.: Der 22. Juli 2016 ist ein Tag, den kaum ein Münchner, der damals in der Stadt gewesen ist, je vergessen wird. Eine ganze Stadt wurde durch das Attentat am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in Terror-Angst versetzt. Neun Menschen sind an diesem Tag gestorben, fünf weitere wurden verletzt. Der Täter dieses rassistisch motivierten Anschlags hatte sich schließlich selbst gerichtet.

Zehnter Jahrestag des OEZ-Anschlags: So läuft das Gedenken
Am Mittwoch jährt sich der rechtsterroristische Anschlag am OEZ zum zehnten Mal. Aus diesem Anlass wird es am Ort des Geschehens ein Gedenken an die Opfer geben.
Um 16 Uhr beginnt das Gedenken mit der Begrüßung durch Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne). Im Anschluss redet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) wird nach dem Präsidenten das Wort ergreifen. Im Anschluss sind dann die Reden der Hinterbliebenen vorgesehen. Danach wird der OB ebenfalls eine Rede halten.
Um 17.51 Uhr soll es eine Schweigeminute geben, bevor dann die Kränze am Denkmal vor dem OEZ niedergelegt werden. Ab 18 Uhr sind anschließend weitere Beiträge und Musik eingeplant.
Bereits am vergangenen Freitag ist am Rathaus eine neue Gedenktafel für die Opfer enthüllt worden. Bei einer Demonstration am Sonntag wurde in München ebenfalls der neun Opfer gedacht.
MVG-Fahrzeuge stehen während Schweigeminute still
Wenn zum Tatzeitpunkt der Opfer unter anderem mit einer Schweigeminute gedacht wird, beteiligt sich auch die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und unterbricht dafür kurzzeitig den Betrieb, um ein Zeichen des gemeinsamen Erinnerns zu setzen.

Um 17.51 stehen alle öffentlichen Verkehrsmittel der MVG – U-Bahnen, Trams und Busse – für eine Minute still, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Um den Aufenthalt auf freier Strecke beziehungsweise im Tunnel zu vermeiden, sollen die Fahrzeuge in Einzelfällen bereits kurze Zeit vorher an der nächstgelegenen Haltestelle oder einer anderen passenden Stelle stehen bleiben. "Die Fahrgäste werden sowohl in den Fahrzeugen als auch an den Haltestellen über digitale Anzeigen und Durchsagen darauf hingewiesen", heißt es weiter.
Umleitungen mehrerer Buslinien im Bereich des OEZ
Wegen der Sperrungen anlässlich der Gedenkveranstaltung muss die MVG ab 5 Uhr morgens bis etwa 0 Uhr mehrere Buslinien umleiten.
- Die Expressbuslinien X35 und X36 werden zwischen Bingener Straße und Oberwiesenfeld umgeleitet. Die Haltestelle Olympia-Einkaufszentrum West entfällt. Stattdessen wird die Haltestelle Olympia-Einkaufszentrum (Linie 175 Richtung Ludwigsfeld bzw. Linie 50 Richtung Dessauerstraße) bedient.
- Die Linien 50, 60 und 163 werden zwischen Lassallestraße und Dessauerstraße umgeleitet. Die Haltestellen Olympia-Einkaufszentrum West und Olympia-Einkaufszentrum entfallen. Auf der Umleitungsstrecke werden der Haltestelle Olympia-Einkaufszentrum Ost (Linie 175) sowie in Richtung Dessauerstraße die Haltestelle Riesstraße (Linie 175 Richtung Georg-Brauchle-Ring) bedient.
- Der Bus 175 wird zwischen Olympia-Einkaufszentrum und Olympia-Pressestadt umgeleitet. Die Haltestellen Olympia-Einkaufszentrum West, Riesstraße und Olympia-Einkaufszentrum Ost entfallen. In Richtung Georg-Brauchle-Ring wird zusätzlich die Haltestelle Olympia-Einkaufszentrum (Linie 50 Richtung Dessauerstraße) bedient.
- Beim Bus 51 entfällt darüber hinaus von etwa 7 Uhr bis gegen 17 Uhr die Endhaltestelle Moosach Bahnhof. Die Busse wenden in dieser Zeit vorzeitig an der Haltestelle Bunzlauer Platz.
22. Juli 2016: Die Chronologie des Tathergangs
Am Nachmittag des 22. Juli 2016 versendet der 18-jährige David S. Nachrichten an seine Opfer, lockt sie in ein Schnellrestaurant am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Um 17.51 Uhr eröffnet er dort mit seiner Tatwaffe, einer Glock 17, das Feuer auf eine Gruppe aus sechs Jugendlichen und Kindern. Fünf Menschen wurden tödlich getroffen, ein 13-jähriges Kind erlitt lebensgefährliche Verletzungen.
Ab 17.52 Uhr gehen die ersten Notrufe bei der Polizei ein. Der Täter verlässt gleichzeitig das Restaurant und schießt auf Passanten. Insgesamt werden vier weitere Menschen getötet. Gegen 20.30 Uhr wird David S. von der Polizei gestellt. Er erschießt sich. Aber erst im Laufe des Abends stellt sich heraus, dass er alleine gehandelt hatte. München atmet auf. Und trauert um die Opfer. David S. hatte neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen, fünf weitere verletzt – wie erst sehr viel später anerkannt wurde, aus rassistischen Motiven. Am OEZ wurde ein Denkmal für die meist jugendlichen Opfer errichtet, seit Freitag erinnert am Rathaus eine Gedenktafel an sie.

Die Ermittlungsbehörden sprachen schnell vom Amoklauf eines Einzeltäters. Dabei deutete schon das Datum auf seine rechte Überzeugung hin: Fünf Jahre zuvor, am 22. Juli 2011, hatte der Rassist Anders Behring Breivik in Norwegen 77 überwiegend junge Menschen getötet. Erst im Oktober 2019 stuften die Ermittler die Tat am OEZ als rechtsextremistisch motiviert ein.
Zum Jahrestag fordern Hinterbliebene einen Untersuchungsausschuss
Dieses Motiv sei lange ignoriert oder bagatellisiert worden, kritisiert die Initiative München-erinnern, die Angehörige der Opfer und Überlebende mit weiteren Unterstützern gegründet haben.
Zum Jahrestag fordern Hinterbliebene einen Untersuchungsausschuss. Sie wollen wissen, ob die Tat hätte verhindert werden können, wenn Hinweise aus dem Umfeld des 18-Jährigen ernst genommen worden wären – und ob erneut ermittelt werden müsste, um mögliche Hintermänner zu finden und rechte Netzwerke aufzudecken. Größter Wunsch der Angehörigen sei es dabei, dass sich eine solche Tat nicht wiederhole, hieß es von der Initiative München erinnern. Niemand solle erleben, was sie erlebt hätten.