Beten für eine Rotbuche

Ex-Stadtrat und Ex-Baumbesetzer Bernhard Fricke protestiert in Stuttgart derzeit gegen die Rodung, die für den Umbau des Bahnhofs Platz schaffen soll. Doch die ersten Bäume sind schon gefällt
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München 2000: Kalt und unbequem – Fricke bei seiner Baumbesetzung an der Schrannenbaustelle.
Barbara Wolbeck München 2000: Kalt und unbequem – Fricke bei seiner Baumbesetzung an der Schrannenbaustelle.

Ex-Stadtrat und Ex-Baumbesetzer Bernhard Fricke protestiert in Stuttgart derzeit gegen die Rodung, die für den Umbau des Bahnhofs Platz schaffen soll. Doch die ersten Bäume sind schon gefällt

STUTTGART/MÜNCHEN Raufgeklettert ist er dieses Mal nicht, dafür waren die Bäume zu hoch und Bernhard Fricke hatte keine Strickleiter dabei. Aber er hat sie umarmt, ihre Rinde geküsst. Sie gesegnet und ihnen beruhigend zugesprochen: „Lieber Baum, schau mal, wie viele Menschen hier sind, um dein Leben zu schützen.“

Die Rede ist von Ex-Stadtrat Bernhard Fricke, der in München als Baumbesetzer bekannt wurde: Im März 2000 hatte der 60-Jährige mehrere Tage auf einem Baum zugebracht, welcher der Schrannenhalle weichen sollte. Am Freitag fuhr Fricke auf ähnlicher Mission nach Stuttgart – um bei den Protesten gegen die geplanten Baumfällungen im Schlosspark dabei zu sein.

Es geht um rund 300 Bäume, die teilweise mehr als 100 Jahre alt sind. Sie sollen für den Bau des umstrittenen Milliardenprojekts „Stuttgart 21“ abgesägt werden, bei dem der Stuttgarter Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umgebaut werden soll. Am Donnerstag war der Streit eskaliert, als die Polizei Wasserwerfer und Pfefferspray gegen die Demonstranten einsetzte und mehrere hundert Menschen verletzt wurden.

„Als ich von diesen bürgerkriegsähnlichen Zuständen gehört habe, war mir klar: Ich muss nach Stuttgart fahren und mir selbst ein Bild machen“, sagt Fricke. Er stieß am Freitagmittag zu den – nach Veranstalterangaben – rund 100000 Menschen, die gegen den Polizeieinsatz vom Vortag demonstrierten.

Die Proteste seien friedlich verlaufen, berichtet Fricke, der als Rechtsanwalt in München arbeitet: „Es war ein entschlossener, aber gewaltfreier Bürgerprotest. Die Aktivisten waren empört – in Stuttgart waren schließlich seit Jahrzehnten keine Wasserwerfer mehr im Einsatz.“

Zusammen mit mehreren tausend Leuten nahm Fricke an einem Friedensgebet für eine Rotbuche teil, streichelte den Baum und redete mit ihm. „Dabei entsteht eine tiefe Verbundenheit. Man verschmilzt mit dem Baum.“ Fricke sagt, er habe bereits sehr früh eine „sehr schöne Beziehung“ zu den Bäumen des Schlossparks aufgebaut, als er in Stuttgart arbeitete und jeden Tag durch den Park ging.

Bislang zeigt sich die Politik unbeeindruckt von Bernhard Fricke und den anderen Parkschützern: Bereits am Freitagmorgen rollten die ersten Bagger mit Sägen an und fällten 25 Bäume.

K. Serdarov

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