Best-Of Nockherberg: Gottseidank stellen Politiker jedes Jahr was Neues an

Am Mittwoch ist wieder Salvator-Anstich auf dem Nockherberg. Die Derbleckerei ist immer wieder ein Gassenhauer und zählt zu München wie die Starkbier-Maß. Wir werfen einen Blick zurück.
| Annette Baronikians
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München - Schauspieler Beppo Brem schnappt sich eine Maß Starkbier, kippt den gesamten Inhalt auf einen Holzstuhl und setzt sich mit seiner Lederhose drauf. Oberbürgermeister Thomas Wimmer, Schauspielerin Liesl Karlstadt und knapp 50 weitere Gäste verfolgen gebannt das Spektakel - bis Beppo Brem wieder aufsteht.

Der Jubel ist groß: Der Stuhl blieb am Hosenboden kleben! Das Bier ist also stark genug. Eindeutig festgestellt durch die "Stuhlprobe" vor 67 Jahren, am 10. Februar 1950, als nach elfjähriger Unterbrechung auf dem Nockherberg erstmals wieder der Salvator angezapft wurde.

Was einst als kleine Anzapf-Feier mit meist improvisierten Einlagen und unpolitischen Liedern begann, wurde inzwischen zum medial vielbeachteten Großereignis mit Politiker-Derblecken, aufwendigem Singspiel und rund 400 illustren Gästen (zu denen in den Salvator-Annalen auch Willy Brandt, Romy Schneider oder Ex-Kaiserin Soraya zählen).

Politiker machen gute Miene zum bösen Spiel

Dass einmal so ein Brimborium um ihr süffiges Bier gemacht wird, hätten sich die Paulaner-Mönche gewiss nicht träumen lassen. Zur Stärkung während der Fastenzeiten war es ihnen gestattet, Bier zu brauen. Das taten sie im "Kloster Neudeck ob der Au" nachweislich seit 1634, gemäß der Regel: "Flüssiges bricht das Fasten nicht."

Zum Festtag ihres Ordensgründers, des Heiligen Franz von Paula, luden die Mönche stets auch den Kurfürsten ins Kloster ein, der dann immer mit dem ganzen Hofstaat ankam. Auf diesen Umtrunk geht die berühmte Salvatorprobe zurück - inzwischen mit Landesvater Horst Seehofer und dessen "Hofstaat" beziehungsweise Bayerischem Kabinett.

Mal mehr, mal weniger belustigt lassen sich die von der Brauerei eingeladenen Politiker aus Stadt und Land sowie andere Großkopferte beim längst traditionellen Derblecken öffentlich durch den Kakao ziehen. Der eine versteht Spaß, der andere nicht.

So blieb der frühere CSU-OB Erich Kiesl dem Starkbier einst demonstrativ fern, als er Wind davon bekommen hatte, dass für ihn zig scharfe Spitzen vorgesehen waren. Andere wie Parteifreundin und Ex-Justizministerin Mathilde Berghofer-Weichner schlugen nach einer Salvatorprobe sogar (natürlich vergebens) den Beschwerdeweg ein.

Wieder andere waren gerade dann verärgert, wenn ihnen die Ehre des Derbleckens nicht zuteil wurde. Das könnte ja als eine gewisse Bedeutungslosigkeit ausgelegt werden.

10,90 Euro für die Salvator-Maß

Wenn Kabarettistin Luise Kinseher morgen zum achten Mal in die Rolle der "Mama Bavaria" schlüpft und den Politikern die Leviten liest, so schreibt sie eine lange Tradition der Salvator-Festredner fort, die 1891 mit Volksänger Jakob "Papa" Geis begann.

Die ersten Anfänge von politischen Frotzeleien brachte der Roider Jackl mit seinen treffsicheren Gstanzln auf die Bühne. Doch die Promis konnten sich noch ruhig zurücklehnen und gelassen ihr Bier genießen.

Mit dem richtigen Derblecken ging's erst Mitte der 50er Jahre los: mit Rundfunk-Legende Emil Vierlinger. Von ihm stammt der bis heute gültige Satz: "Gottseidank stellen die Politiker jedes Jahr was Neues an."

Es folgten so prominente Redner wie Salvator-Star Walter Sedlmayr. Max Grießer oder Bruno Jonas erschienen dann nicht im Trachtenanzug, sondern als Bruder Barnabas in der Mönchskutte. Schließlich hatte im Jahr 1773 ja auch Paulaner-Ordensbruder Barnabas Still die bis heute weitgehend gültige Grundrezeptur für das süffige Salvator-Bier entwickelt.

Dieses wird den geladenen Gästen morgen beim Derblecken als Freibier ausgeschenkt. Alle anderen Fans des gehaltvollen Fastentrunks zahlen heuer in der Starkbier-Saison stattliche 10,90 Euro für die Salvator-Maß.

Vom Alkoholgehalt von 7,9 Prozent abgesehen: Beim Bierpreis 2018 hätte eine lang gepflegte Salvator-Tradition ohnehin keine Überlebens-Chance gehabt: die "Goldene Salvator-Nadel". Sie wurde für den Genuss von zehn Maß verliehen. 1954 beispielsweise an den Münchner Franz Maier. Er schaffte 16 Maß.

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