Bellevue di Monaco kritisiert: "Ankerzentren müssen abgeschafft werden"

Isolation, Gewalt, fehlender Kinderschutz und Chaos während der Corona-Pandemie. Der Flüchtlingsrat kritisiert die Unterbringungen in den Ankerzentren.
| Emily Engels
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Das Ankerzentrum in Manching.
Das Ankerzentrum in Manching. © Stefan Puchner/dpa

Fünf Jahre alt war der kleine Junge aus dem Iran, als er auf dem Gelände des Ankerzentrums in Bamberg von einem Lkw angefahren wurde. Er verlor ein Bein. Amir Tirandaz weiß das noch genau, erzählt er am Donnerstag im Bellevue di Monaco an der Müllerstraße. Der Iraner hat zwischen 2018 und 2019 im Ankerzentrum in Bamberg, für das die Regierung von Oberfranken zuständig ist, gelebt.

Tirandaz schiebt den Unfall unter anderem auf die mangelnde Betreuung der Kinder in Ankerzentren. Gemeinsam mit 20 Dependancen, unter anderem in Fürstenfeldbruck, bilden die Zentren seit 2018 die Erstaufnahmeeinrichtungen für alle neu ankommenden Geflüchteten in Bayern. Der Bayerische Flüchtlingsrat sieht die Einrichtungen kritisch. Und hat am Donnerstag bei dem Pressetermin gefordert: "Sie müssen abgeschafft werden."

In Ankerzentren sei es "drunter und drüber" gegangen

Die Münchner Fachanwältin für Migrationsrecht Anna Frölich kritisiert, dass es vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie "drunter und drüber" gegangen sei. Im Ankerzentrum Manching seien 40 Kontaktpersonen in ein Gebäude verfrachtet worden — mit nur zwei Badezimmern.

Anwältin Anna Frölich.
Anwältin Anna Frölich. © Daniel von Loeper

Alle Bewohner einer ebenfalls wohl überfüllten Anker-Dependance in Trudering wiederum waren für drei Wochen in Quarantäne eingesperrt. In einer anderen Münchner Unterkunft infizierte sich ein Mandant von Frölich und starb.

Gewalt, mangelnde Betreuung und Versorgung: Flüchtlingsrat erhebt Vorwürfe

Eine zu lange Unterbringungsdauer auch für Familien mit Kindern, mangelnde medizinische Versorgung, mangelnde Betreuung von Kindern, die teils schulpflichtig wären und scheinbar anlasslose Polizeieinsätze und Gewalt von Sicherheitsdiensten — die Liste der Vorwürfe vom Bayerischen Flüchtlingsrat ist lang.

Was die "anlasslosen Polizeieinsätze" angeht, verweist das Bayerische Innenministerium auf AZ-Anfrage auf Artikel 13 des bayerischen Polizeiaufgabengesetzes. Die Kontrollen würden "präventiv zur Abwehr von Gefahren durchgeführt".

Johanna Böhm, Mitarbeiterin beim Bayerischen Flüchtlingsrat, vermutet, dass die Ankerzentren über die Vorwürfe hinaus zu Ausgrenzung und Isolation führen. Während das Asylverfahren noch läuft, dürfen die Bewohner die Stadt oder den Landkreis nur mit Sondergenehmigung verlassen. "Sprach- und Integrationskurse werden erschwert, die Aufnahme einer Beschäftigung verwehrt", kritisiert Böhm.

Regierung von Oberbayern nimmt Vorwürfe ernst

Im Stadtrat hatte Grünen-Vizefraktionschef Dominik Krause im März 2019 zuletzt einen Antrag zu den Zentren gestellt. Es ging um die Dependance am Frankfurter Ring. Hintergrund: Die Innere Mission, die vor Ort Familien betreut, hatte von "unzumutbaren Bedingungen" gesprochen, von "Konflikten, bei denen Frauen und Kinder involviert" seien. Die Grünen fordern statt Ankerzentren eine "dezentrale Unterbringung".

Die Regierung von Oberfranken antwortete am Donnerstag der AZ, dass sie mögliche Gewaltvorwürfe sehr ernst nehme. Wenn die Arbeit der Sicherheitsdienste kritisiert werde, gehe man dem umgehend nach.

Die sechs- bis 21-jährigen Bewohner würden auf dem Gelände in Bamberg die Schule besuchen. Den jüngeren Bewohnern biete man ebenfalls eine Betreuung an. Die Regierung von Oberbayern, zuständig für die Anker-Dependancen in München, vertröstet die AZ. Sie wolle heute antworten.

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